Es taucht in Verzeichnissen von 1877 auf. Aber aus den Gärten ist es weitgehend verschwunden: das Runde Gelbe. Ein blassgelbes Radieschen und eher mild im Geschmack.  Es gehört wie der Riesen Säbel  – eine Zuckererbse –  oder der Zarte Gelbe Butter, ein Wirsingkohl, zu den vergessenen alten Gemüsesorten. Eine Gemeinschaft aus Wissenschaftlern, Gemüsebauern und Saatgutexperten will sie zurückholen auf die Äcker und in die Läden. Die Humboldt-Uni Berlin, die Hochschule für Nachhaltigen Entwicklung HNEE Eberswalde und der Verein VERN aus der Uckermark arbeiten seit drei Jahren gemeinsam daran. 15 alte Sorten sollen im nächsten Jahr in ausgewählten Filialen von Bio-Supermärkten verkauft werden.
"In der Landwirtschaft gibt es einen besorgniserregenden Rückgang der biologischen Vielfalt", heißt es in einer Mitteilung der Eberswalder Hochschule zu dem Forschungsprojekt. Dieses soll dem Verlust entgegenwirken und den Verbrauchern kulinarische Alternativen servieren. "Das Interesse ist gewachsen", sagt Josephine Lauterbach von der HNEE. Sie beschäftigt sich mit den Vermarktungschancen des alten Gemüses, hat Kunden befragt. Auf Wochenmärkten und in Projekten der solidarischen Landwirtschaft werden die alten Nutzpflanzen angeboten. Jetzt geht es darum, sie auch in Supermärkte zu bringen. Käufer interessiert vor allem der Geschmack und mögliche gesundheitliche Vorteile alter Sorten, hat Josephine Lauterbach erfahren.  Dass alte Gemüse allerdings per se gesünder sind, ist durch wissenschaftliche Studien nicht belegt. Ihr Anbau ist oft komplizierter, weil die Kulturen peu a peu reifen und mehrfach geerntet wird. Das ist ein Grund für ihr Verschwinden.
Sie bilden aber eine wertvolle genetische Ressource. Datenbanken bewahren sie. Nur durch einen Anbau können sich Kulturpflanzen zum Beispiel an ein verändertes Klima oder neue Krankheitserreger anpassen. In Zusammenarbeit mit dem Bundessortenamt wurden Kulturpflanzen ausgewählt. Was wirklich in ihnen steckt, wie sie schmecken, das zeigt sich am Ende auf dem Acker. So kann zum Beispiel das eher milde gelbe Radieschen schärfer schmecken, wenn das Wasser fehlt. Insgesamt 15 Sorten, die in die engere Auswahl kamen, werden derzeit in Gemüsebaubetrieben des SaatGut-Erhalter-Netzwerk Ost vermehrt und angebaut.  Teil dieses Verbundes von 17 Gärtnern ist der Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen VERN aus  Greiffenberg (Uckermark). Das Interesse am Anbau solcher alter Sorten sei bei  Betrieben "sehr unterschiedlich", meint Alexandra Becker von VERN. Sehr groß sei es bei Direktvermarktern, die ihr Gemüse beispielsweise auf Wochenmärkten verkaufen. "Die Anforderungen an die Gemüsebaubetriebe, die für den Handel produzieren, sind noch einmal andere, hier spielen zum Beispiel Transport- und Lagerfähigkeit als auch Liefersicherheit einer Sorte eine wichtige Rolle." Das Gemüse muss im Supermarkt den Kunden ansprechen.  Am Ende muss sich das für den Erzeuger lohnen. "Diese Wertschöpfungskette aufzubauen, das ist die große Herausforderung", sagt Alexandra Becker. Dafür stellt die Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft rund 600 000 Euro Fördermittel zur Verfügung.
Ab 2020 sollen Supermarkt-Kunden dann das gelbe Radieschen verkosten können. Derzeit dürfen solche alten Gemüse nur in einem kleinen und regionalen Maßstab vertrieben werden, denn sie sind nicht zugelassen. Wenn sie erfolgreich sind, ist eine Zulassung als sogenannte Amateur- oder Erhaltungssorte ein nächster möglicher Schritt. Dort werden Runde Gelbe und Riesen Säbel Nischenprodukte bleiben, meint Josephine Lauterbach. Die Nische soll wachsen, sagt die Forscherin, so wie das in der Schweiz bereits gelungen sei.

Rote Liste gefährdeter Nutzpflanzen


Nur ein Bruchteil der in Mitteleuropa und Deutschland anbaubaren Kulturpflanzenarten wird heute noch genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die verstärkte Spezialisierung und Intensivierung zu einem starken Rückgang der Anzahl der Kulturpflanzenarten im Anbau geführt, so schreibt die Bundesanstalt für Landwirtschaft. Für gefährdete Nutzpflanzen gibt es inzwischen auch eine Rote Liste in Deutschland. Sie enthält 2606 Einträge von Arten und Sorten aus Kategorien wie Obst, Gemüse, Getreide, Öle- und Eiweißliefernde Pflanzen bis hin zu Arznei und  Futterpflanzen. (Stand: März 2018)ima