Film-Kritik: Civil War – Bürgerkrieg in Amerika

Civl War: Nichts scheint mehr unmöglich, die USA im Bürgerkrieg.
dcmAmerika ist tief gespalten. Sehr tief. So tief, dass sich drei Fraktionen des Landes feindlich gegenüberstehen. Die Western-Forces marschieren auf Washington D.C. zu, im Süden drängen die Florida-Streitkräfte nach Norden. Und im Weißen Haus harrt ein Präsident aus, dessen Tage offensichtlich gezählt sind.
Der baldige Fall des Regierungssitzes treibt Lee und Joel an. Die beiden Kriegsreporter wollen ein letztes Interview mit dem Machthaber führen, der die Niederlage wohl kaum überleben wird. Sie brechen auf zu einer Reise durch ein Land, das sich verändert hat: politisch, sozial, menschlich.
Knapp 1500 Kilometer müssen sie durch verschiedene Bundesstaaten zurücklegen. Mit dabei Reporter-Legende Sammy sowie Jessy, eine 21-jährige, die im kriegerischen Geschehen eine Perspektive als Fotografin sieht. Das Quartett durchquert Frontabschnitte, wird Zeuge von Kampfhandlungen, erlebt die Leiden der Bevölkerung ebenso wie Kriegsverbrechen auf allen Seiten.
Und sie kommen in Gegenden, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Krieg ist hier kein Thema. Am Ende erreichen sie DC kurz vor dem finalen Sturm aufs Weiße Haus. Die Tour hat sie verändert, nicht alle werden den Ausgang des Geschehens erleben.
Reporter als Augen des Publikums im Krieg
Bürgerkrieg in den USA - für so manchen ein gar nicht so unrealistisches Szenario. Um so lauter mitunter der Ruf, ordnend einzugreifen. Alex Garland tut dies - nicht. Er ist Brite und versteht es sehr wohl, sich nicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse eines anderen Landes einzumischen.
So wie seine vier Protagonisten, die als Journalisten die Rolle der Beobachter einnehmen, jenen, die den nicht unmittelbar Beteiligten die Bilder und Informationen liefern, mit denen sich dann jeder sein Urteil bilden muss. Selbst, als ihr Leben direkt bedroht ist, ergreifen sie nicht Partei, sondern suchen nur, heil aus der Situation herauszukommen.

Civil War. Journalisten zwischen den Fronten.
A24/Murray CloseDas Geschehen real und neutral durch die Reporteraugen dem Publikum näherzubringen ist keine wirklich neue Idee. Viele der Vietnam- und andere Kriegsfilme nach realen Begebenheiten bedienen sich dieses Sujets. Und Garland reproduziert durchaus geschichtlich belegte Vorfälle, etwa die Erschießung eines Unbewaffneten, wie sie sich in Saigon im Februar 1968 zugetragen hat und durch das berühmte Foto von Eddie Adams dokumentiert wurde.
Auch der mitunter psychedelische Soundtrack erinnert an die cineastischen Vorlagen. So wie einst nicht nur die Jubelmeldungen über Erfolge, sondern auch die Dokumentation des Grauens zu einer Stimmungsänderung hinsichtlich des Krieges in der Bevölkerung beigetragen hat, könnte auch die erschreckend reale Inszenierung eines Bürgerkrieges Einfluss nehmen.
Civil War: Kein klassischer Kriegsfilm
Doch das überlässt der Regisseur und Drehbuchautor ganz dem Publikum. Weder geht sein Werk auf die Ursachen des Konflikts ein, benennt es detailliert Beteiligte, noch mutmaßt es über den finalen Ausgang der Ereignisse. Es ist und bleibt die Bestandsaufnahme eines fiktiven Augenblicks. Insofern ist "Civil War" auch kein klassischer Kriegsfilm.
Es gibt Kampfhandlungen und Shootouts, relativ wenige, dafür hoch konzentriert und intensiv. Die "embedded journalists", erstmals praktiziert im 1. Irak-Krieg, wirken dabei mitunter etwas surreal, dienen aber eben genau jener unvoreingenommenen und objektiven Berichterstattung über das pure Geschehen.

Civil War. Dystopische Vision eines Amerikas im Bürgerkrieg.
dcmWahrheit statt Haltung
Daher ist auch nicht der Reporter die Story, sondern nur Teil derselben. Kirsten Dunst und Wagner Moura bewältigen diesen Spagat so ungemein sehenswert und fast bis zur Selbstaufgabe. "Der Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit der guten" schrieb HaJo Friedrichs, legendärer Anchorman des heute-Journals, den Medien einst ins Stammbuch.
Alex Garland gießt zusammen mit seinem Team dies, wenn man so will, in eine moderne Darstellungsform. Das macht "Civil War" nicht nur zu einem Weckruf für wahre Demokraten, sondern auch zu einer wohltuenden Ausnahme in einer Zeit, in der Haltung und Meinung über der objektiven Wahrheit zu stehen scheinen.
Civil War
Genre: Drama; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 109 Minuten; Verleih: dcm; Regie: Alex Garland; Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny; USA/GB 2024
