Kreta entdecken: Der Geist Griechenlands – was Kreta zu bieten hat

Chania, Schmelztiegel der Kulturen, ist der unangefochtene Besuchermagnet auf Kreta.
discovergreece.comMit Touristen kennt man sich aus auf Kreta. Seit Jahrtausenden kommen sie. Einst waren es die Römer, Byzantiner, Venezianer und Osmanen. Sie wollten stets bleiben, wurden aber meist von den Einheimischen wieder vertrieben. Heute sind es vor allem Festland-Europäer, zunehmend auch US-Amerikaner, die willkommen sind, aber oft nach ein paar Tagen wieder abreisen.
Zu wenig Zeit, um Kreta auch nur ansatzweise kennenzulernen. Denn Griechenlands größte Insel beeindruckt nicht von den Ausmaßen allein. Doppelt so groß wie Mallorca ist das Eiland genaugenommen gar keine Insel, sondern der obere Teil eines Gebirges, der aus dem Mittelmeer ragt. Bis auf 2500 Meter, schneesicher in der Wintersaison. Das Psiloritis-Massiv ist eines von dreien, die der Insel den Stempel aufdrücken und für weite Entfernungen sorgen. Über 300 Kilometer muss einplanen, wer von Ost nach West durchqueren will. In kretischer Geschwindigkeit sind das dann gut vier Stunden und mehr.
Die Gebirge teilen aber nicht nur Kreta, sie sorgen zudem für unterschiedliche klimatische Verhältnisse und beeinflussen somit die Vegetation. Wer also möglichst viel davon mitbekommen möchte, sollte sich mindestens etwas Zeit auf der Süd- und auf der Nordseite nehmen. Erstgenannte grenzt an das Libysche Meer und weist eine um bis zu fünf Grad höhere Durchschnittstemperatur auf. Es ist entsprechend trockener, die Landschaft deutlich karger. Auch, wenn von der Lasithi-Hochebene oft ein bis zu kräftiger Wind weht, drückt die Hitze vor allem in den Sommermonaten. Entsprechend beherrscht hier nicht der Tourismus das Bild, sondern die Landwirtschaft. Es sind vor allem die Gewächshäuser, aus denen der Großteil des Gemüses stammt, das in Griechenland auf den Tisch kommt.
Der Süden Kretas: Warm, trocken, einsam
Rund um Ierapetra prägen die Folienzelte das Bild. Die fünftgrößte Stadt Kretas ist zugleich die südlichste Europas und wird meerseitig von einem venezianische Kastell aus dem 17. Jahrhundert begrenzt. Davor reihen sich an einem Kieselstrand verschiedene Tavernen. Hier essen meist Einheimische und Griechen, die Urlaub machen. Große Hotels sind kaum zu finden. Gleiches gilt für den verschlafenen Küstenort Myrtos, ca. eine halbe Autostunde entfernt. Auch dort bewegen sich Besucher unter Locals, weit weg vom Trubel großer Anlagen und Massenbespaßung. Appartements und Ferienhäuser gibt es in der Umgebung, ein Mietwagen freilich ist Pflicht.

Postkarten-Ansicht: Agios Nikolaos gehört zu den schönsten Städten auf Kreta. Der Binnensee ist ein der Attraktionen.
Stefan KlugMit dem ist es gut eine Stunde Richtung Norden, um nach Agios Nikolaos zu gelangen. Deutlich touristischer gilt die knapp 10 000 Einwohner zählende Gemeinde vielen als eine der schönsten auf Kreta. Das ist vor allem den malerischen Gassen, die zugleich ein großes und kleinteiliges Shoppingareal darstellen, zuzuschreiben. Und dem Voulismeni-See. Dieses Binnengewässer ist durch einen Kanal mit dem Meer verbunden, auf der anderen Seite von einem Berg begrenzt. Von oben gesehen das klassische Griechenland-Kreta-Postkarten-Motiv mit viel Wasser, bunten Booten und Taverne an Taverne. Während hier ein Besuch in jedem Fall lohnt, kann man sich den Weg ans ferne östliche Ende der Insel sparen. Zwar ist am Vai-Beach die größte Ansammlung von kretischen Dattelpalmen zu bestaunen, die der Legende nach bis auf die Phönizier zurückzuführen sind. Aber die Anfahrt von Sitia fast zwei Stunden lang über Serpentinen ist echt anstrengend. Am Ende warten dort Bustouristen und Massen an anderen Besuchern, sodass man kaum den Strand sieht. Wer mit weniger Palmen zufrieden ist, wird auch woanders auf der Insel glücklich.
Der Osten Kretas: Palmen, begehrte Strände, Luxus
Dennoch sollte man den Osten nicht ganz abschreiben. Denn nördlich von Agios Nikolaos befindet sich so etwas wie die Wiege des gehobenen Tourismus auf Kreta. Nach den Plänen des auf der Insel geborenen Architekten Spyros Kokotos entstand 1982 mit dem elounda mare hotel das erste seiner Art im Mittelmeer-Raum. Jeder Bungalow - man startete mit fünf - bekam seinen privaten Pool. 1987 wurde es als erstes griechisches Hotel in die angesehene Vereinigung Relais & Châteaux aufgenommen. Heute umfasst das elounda mare 92 Einheiten, hauptsächlich Suiten, und bewahrt den traditionellen Charakter eines kretischen Dorfes, in dessen Stil es errichtet wurde. Dazu gehören nicht nur typische Bauelemente der Region, sondern auch historische Artefakte Kretas, die überall auf dem Gelände zu finden sind. Das Haus ist mittlerweile Bestandteil der Elounda Collection, einer Reihe von mehreren Hotels und Residenzen, gelegen an zwei einsamen Buchten mit privaten Stränden. Nutzbar für alle Gäste ist das Six-Sense-Spa, das von Fachmagazinen schon zum besten Spa der Welt gekürt wurde. Last but not least steht mit der Eliana K IV, benannt nach der Gattin von Kokotos, ein atembreaubender 25-Meter-Segler zu Verfügung, um die meerseitige Umgebung von Elounda zu erkunden.

Seit über 40 Jahren unter den Top-Adressen auf Kreta: Die Strände der Elounda Collection.
Stefan KlugZu deren Attraktionen gehört zweifelsohne die ca. 20 Segelminuten entfernte Insel Spinalonga. Bereits in der Antike befestigt, beherrscht bis in die Neuzeit eine von den Venizianern im späten 16. Jahrhundert errichtete Festung das Aussehen. Die Osmanen nutzen das Eiland später ebenfalls militärisch, bevor es 1904 vom Kretischen Staat als Lepra-Kolonie eingerichtet wurde. Seit den 1970ern wird Kalydon, so der offizielle Name, touristisch genutzt und ist heute ein beliebtes Ausflugsziel, das natürlich nur per Boot zu erreichen ist.
Der Norden: Baden, surfen, die Sonne genießen
Wer von Agios Nikolaos Richtung Westen nach Chania fährt, kommt, nachdem Herakleon passiert wurde, eine halbe Stunde später am Episkopi Beach vorbei. Über fast dreieinhalb Kilometer wartet hier Sandstrand, flach abfallend. Selbst in der Hochsaison ist es nicht wirklich voll, solange man Gegenden mit Hotelanlagen meidet und sich für Abschnitte entscheidet, an denen nur Tavernen stehen. Dann gibt es Liegen und Schirme für schmales Geld oder - typisch griechisch - gar umsonst, solange man etwas beim Kellner bestellt. Der feine Sandstrand hat verschiedene Gesichter, an manchen Tagen Wellen so groß, dass sie zum Surfen taugen, an anderen Badewanne in Perfektion.

Surfer's Paradise: Badewanne oder Wellenreiten, an Stränden wie dem Episkopi Beach ist alles möglich.
discovergreece.comJe mehr sich Besucher Richtung Chania bewegen, desto touristischer wird die Gegend. Kein Wunder, ist die Stadt doch ein echter Touristenmagnet. An diesem Ort haben alle Eroberer ihre Spuren hinterlassen, was heute an den verschiedenen Baustilen immer noch gut nachzuvollziehen ist. Am auffälligsten dabei die venezianischen Einflüsse. Hafen und Leuchtturm aus dieser Zeit sind ebenso Wahrzeichen wie viele osmanische Bauten. Die autofreie Altstadt lädt förmlich zum Bummeln ein und lockt zudem mit marktähnlichen schmalen Gassen. Rund um das kleine Hafenbecken ist der kulturelle Schmelztiegel am besten zu erleben. Die alten Arsenale dienen ebenso als Raum für Kunst und Kultur wie die ehemalige Hasan-Pascha-Moschee. Dazu gesellen sich historische Bürgerhäuser, in denen heute Geschäfte, aber vor allem Restaurants und Cafés untergebracht sind. Der Trubel ist vor allem tagsüber groß, wenn Kreuzfahrtschiffe vor Anker liegen.
Der Westen Kretas: Tourismus, Kultur, Shopping
Deutlich ruhiger ist es einen Kilometer Luftlinie entfernt. Im historischen Viertel Halepa, das in venezianischer Zeit das Herz der Stadt war, befindet sich das neue archäologische Museum. Auf über 5000 Quadratmetern geht es dabei chronologisch durch die Geschichte Kretas, die nicht, wie viele glauben, in der Bronzezeit mit der Minoischen Kultur begann. Nach neuesten Erkenntnissen sind Fußspuren im Sand bei Trachilos über sechs Millionen Jahre alt und somit die ältesten von Vormenschen entdeckten überhaupt. Originale, Artefakte und Replikas aus mehreren tausend Jahren Geschichte beleuchten die Entwicklung Kretas mehr als anschaulich. Auch ein Ereignis aus dem Jahr 365, das die besondere Lage der Mittelmeer-Insel anschaulich macht.

Tausende Jahre Geschichte auf einen Blick: Das neue archäologische Museum in Chania.
discovergreece.comIn den Morgenstunden des 21. Juli erschütterte ein Erdbeben der Stärke 8 die Gegend und zerstörte nicht nur Städte des Eilandes, sondern durch den anschließenden Tsunami auch im gesamten Mittelmeer-Raum, beispielsweise Alexandria in Ägypten. Zahlreiche antike Schriften schildern diese Naturkatastrophe sehr detailliert. Kretas Lage auf einer Bruchkante von europäischer und afrikanischer Platte hat zwar nicht immer so starke, aber regelmäßig Erdbeben zur Folge. Bis zu 1000 im Jahr. Wenn also mal der Boden unter den Füßen schwankt, muss das nicht am Raki liegen, der hier traditionell nach dem Essen gereicht wird.
Olivenöl - Das flüssige Gold Kretas
Auf den Teller packen die Kreter zuvor, was Garten und Hof hergeben. Die einheimische Küche basiert auf frischen, lokalen Zutaten und ist für ihre Einfachheit und Authentizität bekannt. Typisch ist etwa „Dakos“, ein Hartweizenbrot, das mit frischen Tomaten, Feta-Käse und Olivenöl belegt wird. Auch „Kalitsounia“ (kleine Teigtaschen mit Käse oder Gemüse) und „Chochlioi“ (Schnecken in Olivenöl gebraten) sind traditionelle Speisen. Lammfleisch spielt in der kretischen Küche eine wichtige Rolle, oft in Form von „Antikristo“, einer speziellen Zubereitungsmethode, bei der das Fleisch über offenem Feuer gegrillt wird. Myzithra, ein Ziegenkäse, kommt sowohl in herzhaften als auch in süßen Speisen vor. Und niemals fehlt das Olivenöl. Anbau von Oliven und die Herstellung des Öls haben auf der Insel eine Jahrtausende lange Tradition. Angeblich stehen nirgends auf der Welt so viele Olivenbäume wie auf Kreta. Und gefühlt hat jeder Einwohner ein paar hinter dem Haus und erzeugt damit eigenes Öl.

Auf Kreta sollen die meisten Oliväume auf der Welt stehen.
discovergreece.comWer's ganz genau wissen will, schaut im Tourismusbüro der Gemeinde Vamos vorbei. Hier wird eine Olive Oil Path Experience angeboten. Eine ca. vierstündige Tour durch die Gegend, die tiefere Einblicke in den Anbau der Frucht und deren Verarbeitung zum flüssigen Gold ermöglicht. Dazu gehört ein Abstecher ins Kloster Agios Georgios von Karydi, wo sich eine Mühle befand und in die Melissakis Olive Mill, in der heute alle Bauern und Produzenten der Gegend ihre Oliven zu kaltgepressten Öl verarbeiten lassen. Immer noch eine Anekdote mehr kann während der Tour George Xatzidakis erzählen, der zugleich Chef des Touristenbüros des Vamos Traditional Village ist. Ein bezauberndes Örtchen, fast schon einem Freilichtmuseum gleich.
Bei den Kretern wohnen
Überhaupt ist die Gegend rund um Vamos prädestiniert für ein paar unbeschwerte und erholsame Tage. Kleine Orte wie Gavalohori laden mit engen Gassen, alten Steinhäusern und traditionellen Kaffee-Häusern zum Bummeln und Verweilen ein. Nicht zuletzt wird hier kretische Gastfreundschaft großgeschrieben, bleibt es in den Tavernen ländlich-lokal, sowohl beim Interieur als auch beim Preis. Dieser steigt, je näher sich der Tisch am Meer befindet. Dort haben sich natürlich auch die großen Hotels angesiedelt. Landestypischer und ruhiger ist es allerdings im Hinterland. Wer auf den täglichen Zimmerservice verzichten kann, mietet sich am besten ein Haus an den Hängen mit Blick aufs Meer, malerische Sonnenuntergänge inklusive. In diesen ruhigen Stunden erschließt sich, warum für Kretas berühmtesten Autoren Nikos Kazantzakis (Alexis Sorbas) die Insel im Süden der Ägäis den Geist Griechenlands verkörpert.
Kreta Gut zu wissen
Lage/Größe: Mit knapp 8300 Quadratkilometern Fläche ist Kreta die größte griechiche Insel und mit 1066 Kilometern Küstenlänge die fünftgrößte im Mittelmeer. Auf Kreta leben 624 00 Einwohner, davon fast 180 000 in der Hauptstadt Iraklio (Herakleon).
Anreise: Aus der Region Berlin/Brandenburg ist die Anreise per Flugzeug die sinnvollste Variante. Achtung: Es gibt mit Herakleon und Chania zwei Flughäfen, die vom BER aus angeflogen werden. Die Flugzeit beträgt knapp drei Stunden. Zudem ist Kreta per Fähre mit dem griechischen Festland Piräus (Athen) und Thessaloniki verbunden.
Verkehr: Die Schnellstraße 90 durchquert die Insel im Norden von West nach Ost. Die Straße wird schrittweise zur Autobahn ausgebaut, so wie derzeit im Gebiet von Herakleon. Dort sind dann bis zu 120 km/h, auf den Fernverkehrsstraßen 90 km/h erlaubt. Der Zustand der Straßen abseits von Haupttrassen ist mitunter schlecht, Nebenstraßen v.a. in Gebirgsgegenden können auch nur aus Schotter bestehen. Auf Kreta gibt es ein dichtes Netz an Blitzern, auf die aber per Schild stets hingewiesen wird. Es ist üblich, dass bei ausgebauten Seitenstreifen langesamere Fahrzeuge diese soweit möglich mitnutzen, um anderen das Überholen, auch bei durchgezogenen Mittellinien, zu ermöglichen.
Unterkunft: Auf Kreta sind die großen Ketten wie auch kleine, familiengeführte Häuser zu finden. Preislich steht die gesamt Bandbreite von Luxus bis Budget zur Verfügung. Nicht alle Hotels haben über die Winterzeit (Nov-März) geöffnet. Wer näher an Land und Leuten urlauben will, sollte ein Ferienhaus in Betracht ziehen. Die großen Plattformen haben hier ebenfalls alle Preiskategorien und Lagen über die gesamte Insel verteilt im Angebot.
Klima: Es herrscht ein gleichmäßiges Mittelmeerklima mit über 300 Sonnentagen im Jahr. Die Sommer sind heiß und trocken, die Winter mit durchschnittlich 15 Grad zwar mild, aber regenreich. In Hochgebirgslagen fällt Schnee.
