Urlaub an der Ostsee
: Heiligendamm, die weiße Stadt am Meer

Heiligendamm und das Grandhotel stehen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Ostsee-Tourismus.
Von
Stefan Klug
Heiligendamm
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Die weiße Stadt am Meer. Das Gebäude-Ensemble mit Grandhotel und Perlenkette oben rechts.

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Heiligendamm steht für Geschichte. Die des Badens generell, des Ostseetourismus und irgendwie auch des Ostens. Die Weiße Stadt am Meer sorgt bei Erstbesuchern regelmäßig für Erstaunen. Wie nur kommen diese Gebäude an den Ostsee-Strand?

Am Anfang war das Bad. Vor irgendwie genau 230 Jahren steckte Friedrich Franz I., Herzog von Mecklenburg-Schwerin, offiziell als erster Mensch freiwillig seinen Fuß in die wohl kühle Ostsee. Die war bis dahin vor allem Nahrungsquelle und Transportweg. An Gesundheit und Wohlbefinden dachte bis dato niemand im Zusammenhang mit dem salzigen Nass.

Abhandlungen von Naturforscher Georg Christoph Lichtenberg brachten Samuel Gottlieb Vogel, Leibarzt des besagten Adligen, auf die Idee, sich näher mit der Materie zu befassen. Und dieser kam zu dem Schluss, dass Seewasser "Schwachheiten und Kränklichkeiten des Körpers" sehr guttuen könnten.

Deutschlands erstes Seebad vor 200 Jahren

Sein Herzog war offensichtlich leicht zu überzeugen und so ging dann alles ziemlich schnell. Das erste Badehaus am Heiligen Damm entstand 1793, im darauffolgenden Jahr eröffnete das Blaublut die erste Saison an der Ostsee. In den folgenden Jahrzehnten entstand dann unter maßgeblichem Einfluss von Architekt Carl Theodor Severin das klassizistische Gebäude-Ensemble mit den weißen Fassaden, das heute unter der Perlenkette und dem Grandhotel Heiligendamm mit seinen sieben Häusern bekannt ist.

Zur dunklen Seite der Geschichte gehört aber auch, dass der Herzog für die Anschubfinanzierung 1000 seiner Landeskinder - Männer - an den König von Oranien für dessen Heer verkaufte.

Über 200 Jahre hinweg erlebte die „Weiße Stadt am Meer“ eine wechselvolle Geschichte, die mit der Wende vor allem für Verfall stand. Nach der Komplett-Rekonstruktion, bei der nur die Fassaden erhalten geblieben sind, eröffnete 2003 schließlich das Grandhotel Heiligendamm, das mit dem G-8-Gipfel 2008 und dem überdimensionalen Strandkorb voller Staatschefs im Focus der Weltöffentlichkeit stand. Doch auch dieser Aufmerksamkeitsschub konnte die Insolvenz des Hauses nach dem Ausstieg der Kempinski-Gruppe nicht verhindern.

Das letzte und bisher sehr erfolgreiche Kapitel wurde dann 2013 mit der Übernahme durch die Familie Morzynski aufgeschlagen. Paul Morzynski, Wirtschaftsprüfer aus Hannover, hatte einst den Ex-DDR-Süßwarenhersteller Halloren von der Treuhand erworben und ihn 2007 an die Börse gebracht.

Und auch das GHH entwickelte sich nach Übernahme prächtig. Mittlerweile gehört es zum Hotelverbund The Leading Hotels of the World. Eine weitere ostdeutsche Erfolgsgeschichte, wenn man so will. Denn dem Ziel, die Nummer Eins unter den Fünf-Sterne-Häusern in MeckPom zu werden, dürfte es zumindest schon ziemlich nahe sein.

Nobelpreisträger in der Atrium-Lobby

Von der Anlage her zumindest ist es einzigartig. Sieben Gebäude gehören dazu, genannter Hauch von Geschichte inklusive. Haus Grand Hotel ist zentraler Anlaufpunkt für alle Gäste. Die Atrium-Lobby mit Rezeption sucht ihresgleichen in Stil und Weiträumigkeit. Demnächst wird sie zur Galerie, wenn bis Ende August '24 Peter Badge seine Werke ausstellt.

Der Hamburger Fotograf hat alle Nobelpreisträger der letzten 20 Jahre vor der Kamera gehabt. Diese Porträts sind ab Mitte Juli zu sehen. Wem tagsüber nach einem Snack oder abends nach einem Drink ist, der ist schließlich in der Nelson-Bar auf der Seeseite des Gebäudes gut aufgehoben.

Pool

Alternative zur oft kühlen Ostsee ist der neue Außenpool. Ein Pendant ähnlicher Größe findet sich im Innern des Hauses Severin.

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Haus Mecklenburg ist das originäre Badehaus und war seinerzeit das erste Steingebäude in Heiligendamm. Es grenzt direkt an den Ostseestrand und beherbergt in der obersten Etage die Turm-Suite, die über ein 360-Grad-Panorama sowohl vom Zimmer als auch von der privaten Terrasse aus verfügt. Wer auf Meer-Blick steht, kommt am Haus Mecklenburg eigentlich nicht vorbei. Wenngleich der Gast auch aus einigen der 66 Unterkünfte des Hauses Severin die Ostsee-Wellen sehen kann.

Dieses Gebäude mit Verweis auf den Chef-Architekten von einst ist das einzig neuzeitliche im gesamten Ensemble. In den Untergeschossen findet sich der 3000 Quadratmeter große Heiligendamm SPA. Zu dem gehört neuerdings ein rund 200 Quadratmeter großer und dauerhaft auf 28 Grad beheizter Außenpool, der zusammen mit einem Pendant im Innern die Alternative zur mitunter kühlen Ostsee darstellt.

Saunen und Behandlungsräume sowie Gym komplettieren das Wellness-Angebot. Im Wortsinn on top gibt es noch eine riesige Dach-Terrasse, die sich nicht nur zum Sonnenbaden eignet. Von hier aus hat man ebenso einen guten Blick auf die sogenannte Perlenkette, ehemaligen Logierhäuser, die sich heute als Privat-Residenzen ostwärts am Strand aneinanderreihen.

Ein Tudor-Castle an Ostsee-Strand

Etwas im Hinterland gelegen, bietet die ehemalige Orangerie mit ihren Appartements die größten Unterkunfts-Kategorien. Zwei Schlafräume über zwei Etagen plus Küche wendet sich vor allem an Familien. Da passt es gut, dass die Kindervilla gleich um die Ecke ist. Drei Etagen voller Entfaltungsmöglichkeiten unter professioneller Aufsicht, dazu eine Rutsche aus dem zweiten Stock.

Kleine Gäste von einst kommen mittlerweile mit ihrem Nachwuchs hierher. Auf halbem Weg zum Meer dann das wohl ungewöhnlichste Bauwerk. Mit der Burg Hohenzollern im Tudor-Stil hatte sich Paul Friedrich einst einen Traum erfüllt. Das weiße Castle mit der Fahne auf dem Dach ist seit zwei Jahrhunderten Blickfang am Heiligen Damm.

Entsprechend lässt es sich heute hier noch einen Tick gediegener und wahrlich fürstlich logieren. Die Ostsee-Blick-Terrasse ist außerdem der Event-Spot für die fast wöchentlich stattfindenden Hochzeiten.

Küchenparty mit Stern

Nur ein paar Schritte sind es dann zum Kreuzgang, der rückwärtig ins Kurhaus führt. Essen und Vergnügen waren einst dessen Zweck, an dem sich bis heute nichts geändert hat. Auf Sterne-Niveau dinieren im Friedrich Franz oder regional-saisonal im Kurhaus Restaurant. Wer es exotisch mag, muss die Baltic Sushi Bar besuchen.

Während man hier einen direkten Blick auf die „Macher“ hat, agieren diese sonst im Verborgenen. Doch zweimal im Jahr ist das anders. Dann laden Ronny Siewert & Friends ein, einen kulinarisch exzellenten Abend zu verbringen und diesen rauschend in der Küche ausklingen zu lassen. Die besten Partys enden sowieso dort. Warum also nicht gleich da beginnen, muss sich der Sterne-Koch gedacht haben.

Köche

Grandhotel-Küchenchef Steffen Duckhorn und Sterne-Koch Ronny Siewert (v.l.) vor dem Kurhaus in Heiligendamm.

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Zusammen mit dem Grand Hotel Heiligendamm und Kollegen aus halb Deutschland wird die Küchenparty veranstaltet, die nächste am 23. November. Vom Taschenberg-Palais in Dresden über das Steigenberger am Kanzleramt Berlin bis hin zum Vier Jahreszeiten in Hamburg machen sich Kulinarik-Künstler auf den Weg nach Heiligendamm.

Dann wird im Gourmet- sowie im Kurhaus-Restaurant an verschiedenen Stationen Wild aus Brandenburg und Fisch aus der Müritz mit Austern aus Frankreich und Kaviar zu Haute Cuisine verarbeitet. Und anschließend dürfen all die Leckereien bis in die Morgenstunden zwischen Kochfeldern, Fritteusen und Arbeitstischen auch wieder abgetanzt werden. Edelstahl-Ambiente statt Ballsaal-Optik. Heiligendamm schreibt weiterhin Geschichte.

Heiligendamm - Gut zu wissen

Heiligendamm gehört zu Bad Doberan und liegt wenige Kilometer nordwestlich vom Zentrum der Stadt direkt an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern. Zweieinhalb bis drei Stunden braucht es mit dem Auto aus Berlin und Brandenburg. Die kürzeste Verbindung ist über die A24 Richtung Hamburg und dann die A19 Richtung Rostock. Alternativ bietet sich die A20 an. Zudem hält die Schmalspurbahn "Molli", die zwischen Kühlungsborn und Bad Doberan verkehrt, in Heiligendamm. Von dort ist es zu Fuß an der Ostsee entlang ca. 1,5 Stunden bis nach Kühlungsborn. Unbedingt sehenswert ist außerdem der Geisterwald Richtung Bad Doberan. Die gesamte Umgebung ist sehr gut für den Radtourismus ausgebaut. Website