52 mal Zauche
: Ellen Wisniewski und „ihre Blume“ Körzin

Über Ellen Wisniewski ist schon oft berichtet worden. Allein die Tatsache, dass sie mit 92 Jahren Deutschlands älteste Ortsvorsteherin ist, lässt die Medien aufmerken.
Von
Andreas Trunschke
Zauchwitz
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  • Ellen Wisnewski in Körzin.

    Ellen Wisnewski in Körzin.

    Ellen Wisnewski in Körzin. Foto: A. Trunschke
  • Perle nennt Ellen Wisnewski das Ende des Dorfes. Tatsächlich ähnelt die Form einer Perle.

    Perle nennt Ellen Wisnewski das Ende des Dorfes. Tatsächlich ähnelt die Form einer Perle.

    A. Trunschke
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Geboren wurde Wisniewski im Juni 1926 in Halle. Bereits mit elf Wochen wurde sie von Pflegeltern adoptiert und wuchs bei diesen in Großlehna auf. Erst ein Lehrer teilte ihr später wenig sensibel mit, dass ihre Eltern „nur“ ihre Pflegeeltern sind. Nach der Schule absolvierte sie ein Pflichtjahr bei einem Bauern in ihrem Dorf. Anschließend lernte sie Kontoristin. Heute würde man wohl Wirtschaftskaufmann dazu sagen. Doch ihr Traum war ein anderer. Sie wäre gern Auslandskorrespondentin geworden. Nach der Lehre wurde sie zum Arbeitsdienst nach Maienburg in Westpreußen beordert. Später wurde sie zum Kriegshilfsdienst als Straßenbahnschaffnerin in Bromberg verpflichtet. Im Mai 1945 landete sie schließlich im sächsischen Rochlitz, wo ihre leibliche Mutter wohnte. Beinahe wäre sie von den Amerikanern erschossen worden, weil sie bedauerte, dass Hitler tot ist. Dabei wollte sie nur, dass der Verbrecher noch zur Verantwortung gezogen werden kann. Einem jüdischen Offizier, der ihr zuhörte, verdankt sie ihr Leben.

Sie gründete die SPD in Rochlitz mit: „Ich komme aus einer alten SPD–Familie.“ Ihrer Partei blieb sie immer treu, auch wenn sie in der DDR–Zeit den Gang in die SED mitging: „Ich wollte nie wieder Krieg und einen neuen Staat mit aufbauen.“ Sie kämpfte für die Rechte der Frauen und lebt Gleichberechtigung vor: „Ich habe jeden Lehrgang mitgenommen.“ Unter anderem besuchte sie einen Lehrgang für Segelfliegen: „Ich besitze die Flugbuchnummer neun für Segelflug in der DDR.“ Später verhinderte sie u.a., dass der Segelflugplatz Saarmund für Kies zum Bau der Autobahn abgebaggert wurde.

Wisniewski blieb immer politisch engagiert. 1967 wurde sie stellvertretende Bürgermeisterin in Caputh, drei Jahre später Bürgermeisterin in Ferch. Als in Ferch nach Wasser für Potsdam gebohrt wurde, setzte sie durch, dass auch alle Häuser in der Schwielowsee–Gemeinde mit angeschlossen wurden: „Die waren überrascht, dass ich als Bürgermeisterin mich weigerte, vorher die Genehmigung zu erteilen.“ Es folgten Jahre im Rat des Kreises Potsdam–Land im Bereich Umweltschutz. Doch da eckte sie mit ihrem „Baustellenrülps“, wie sie selbst formuliert, nicht nur einmal an. Direkte Kritik war auch damals nicht immer gut gelitten. Schließlich wechselte sie als Direktorin für Bildung und Kader zur Medizinischen Gerätetechnik in Potsdam: „Da habe ich viel über die Wirtschaft in der DDR gelernt.“

Im Jahr 1979 wurde sie schließlich von der Partei überzeugt, Bürgermeisterin in Zauchwitz zu werden. Viel lieber wäre sie nach Seddin gegangen, aber in Zauchwitz war vor ihr eine Frau Bürgermeisterin. Der Posten sollte unbedingt wieder mit einer Frau besetzt werden und im Ort selbst war keine dazu bereit. Da in der DDR allerdings die Bürgermeistersitze auf die einzelnen Blockparteien aufgeteilt waren und der in Zauchwitz der Demokratischen Bauernpartei (DBD) „gehörte“, musste zuvor noch die Zuteilung geändert werden. Die DBD erhielt für den Zauchwitzer Posten den in Seddin, der zuvor der SED „gehörte“. Seit dem 1. März 1979 leitet Wisniewski nunmehr die Geschicke der Zauche–Gemeinde, erst hauptamtlich, heute ehrenamtlich: „Ich habe viel machen können.“ Seit nunmehr 40 Jahren, vermutlich auch ein Deutschland–Rekord. Zugleich vertritt sie ihre Partei in der Stadtverordnetenversammlung von Beelitz: „Ich war und ich bleibe eine rote Socke.“

Der besondere Ort

Einen besonderen Ort zu nennen fällt Wiesnewski schwer. Schnell landet sie immer wieder in der Politik und bei dem, was noch alles zu erledigen wäre. Doch für Körzin, einem Ortsteil von Zauchwitz mit gerade einmal 67 Einwohnern, findet sie einen fast poetisch–zärtlichen Ausdruck: „Körzin ist meine Blume.“ Dabei ist der Ortsname viel nüchterner. Er stammt noch aus slawischer Zeit und bedeutet „Ort, wo Stöcke, Baumstümpfe sind“. Dennoch. Wer mal in Körzin war, wird diesen Ort am Zusammenfluss von Nieplitz und Pfefferfließ mögen. Ungeachtet der geringen Einwohnerzahl gibt es hier am Rand zur Zauche einen Hofladen, einen Wanderreiterhof, eine Greifvogel–Auffangstation und gleich zwei Lokale: Zum einen das Restaurant „Landlust Körzin“, das regionale Produkte in kreative Menüs verwandelt. Wisniewski freut sich, wie die zugezogenen „Wessis“ alles in das dörfliche Ambiente eingepasst haben. Zum anderen das Café „Zum Kirschbaum“ mit Sonnenterrasse, Biergarten und köstlichen Hefekuchen. In letzterem, vor dem inzwischen sogar zwei Kirschbäume stehen, sitzt Wisniewski besonders gern und schwärmt: „Die machen einen guten Kaffee.“

Als die schöne Kopfsteinpflasterstraße immer wieder durch die vielen Besucher zugeparkt wurde und die Dorfbewohner nicht mehr durchkamen, half Wisniewski und ließ Parkplätze bauen. Als auch diese nicht reichten, wurden eben noch einmal welche angelegt: „Was ich machen konnte, habe ich gemacht.“ Sie hätte gern noch mehr gemacht, „aber leider sind wir unter der Verwaltung von Beelitz“, hadert sie noch immer ein wenig mit der Gemeindereform. Aber auch so ist sie stolz auf das Erreichte: „Ich habe viel für die Feuerwehr und die Kinder tun können.“