Im „Heimatfreund“, dem Kulturspiegel des Kreises Belzig, wurde in der Juliausgabe 1956 ein Auszug aus der Familienchronik des Lehnschulzengutes in Klein Marzehns veröffentlicht. Als Einsender ist ein Martin Grambow genannt, der für den „Heimatfreund“ Aufzeichnungen über eine Lehrerwahl um 1700 zur Verfügung stellte. Es heißt:

Fünf Bewerber wollten die Lehrerstelle besetzen

„Nachdem durch den Tod des Schulmeisters die Stelle freigeworden war, meldeten sich fünf Bewerber. In einer Betstunde erinnerte der Pastor die Gemeinde daran, dass die Wahl des Schulmeisters eine sehr wichtiges Geschäft sei, und bat um Gottes Gnade dazu. Sodann wurde in der Kirche vor Augen und Ohren der Schulmitglieder die Singprobe vorgenommen. Darauf ging man zum Schulhause und prüfte jeden einzeln.“ Weiter werden die Bewerber und die Ergebnisse der Prüfungen mitgeteilt:

Auswertung der Lehrer-Prüfungen mit teils vernichtendem Urteil

„1. Martin Ott, Schuster, hat in der Kirche gesungen: ‘Christ lag in Todesbanden.’ Dreierlei Handschriften hat er gelesen: mittelmäßig. Drei Fragen aus dem Verstand beantwortet: recht. Aus dem Katechismus des heiligen Abendmahls aufgesagt und 54 Fragen beantwortet: ohne Fehler. Drei Reihen Diktat geschrieben: vier Fehler. Des Rechnens ist er durchaus unkundig.
2. Jakob Hoffmann, Weber aus Mützdorf, hat gesungen: ‘O Mensch bewein dein ...’. Aus dem Katechismus die zehn Gebote aufgesagt und 41 Fragen beantwortet: ohne Fehler. Diktat drei Reihen geschrieben: fünf Fehler. Des Rechnens auch nicht kundig.
3. Philipp Horn, Schneider, schon ein alter, gebrechlicher Mann von 60 Jahren, sollte lieber zu Hause geblieben sein, als sich dies zu vermessen. Hat gesungen: ‘Ein Lämmlein geht.’ Diktat nur mit Mühe drei Wörter geschrieben: unleserlich. Rechnen ist ihm völlig unbekannt, zählt an den Fingern wie ein Kind. Es wurde ihm gemeldet, daß er töricht gehandelt habe, sich zu melden, was er auch bitterlich weinend bekannte.
4. Johann Schnitt, Kesselflicker, 50 Jahre des Lebens auf Erden gewandelt, hat gesungen: ‘O Ewigkeit, du Donnerwort.’ Beim Katechismus merkte man, daß er bei diesen Stücken noch nicht in Übung steht. Diktat, Drei Reihen geschrieben: Ging an, was Buchstaben betrifft, doch 10 Fehler. Des Rechnens erfahren.
5. Friedrich Loth aus Sch ... (Ort unleserlich), im Hochedlen von Grumpkowschen Regiment den Feldzug gegen die Schweden mitgemacht und all dort ein Bein verloren, hat gesungen: ‘Christ lag in Banden.’ Katechismus wohl inne, 4 Fragen aus dem Verstand: Ziemlich. Diktat, drei Reihen, doch acht Fehler. Rechnen: ein bißchen Subtrahieren und Addieren.“

Jakob Hoffmann bewies sich als der „Annehmbarste“ und wurde der neue Lehrer

Für welchen der Kandidaten haben sich die Klein Marzehnser entschieden: „Es wurde einmütig beschlossen, daß wohl Jakob Hoffmann der Annehmbarste wäre, wogegen die anderen nicht zu trauen, namentlich der Kesselflicker, sintemal er viel durch die Lande streiche, dagegen der Kriegsknecht wohl die Fuchtel gegen die armen Kindlein zu gebrauchen zu stark in Verdacht genommen werde, was den armen Müttern doch sehr ins Herz stechen und weh tun könnte.“
Im Vertrauen auf Gottes Segen wurde Jakob Hoffmann zum Lehrer gewählt und er gebeten, schnellstens nach Klein Marzehns zu ziehen. Aus seiner Zeit als Lehrer im Dorf ist überliefert, dass er gerne Skat spielte und im Wirtshaus ein oft gesehener Gast war. Bei einer Hochzeitsfeier soll er sich sogar mit Gästen geschlagen haben. Die Sache wurde angezeigt und der damalige Pastor von Rädigke, der Klein Marzehns seelsorgerisch betreute, musste über den Vorfall bei der Regierung berichten. Der Lehrer blieb im Amt und wurde nur mit einem Verweis bestraft.