Barrierefreiheit: Mit dem Langstock unterwegs in Beeskow

Auf Stadtführung durch Beeskow: Monika Schulze geht mit ihrem weißen Langstock über den Markt im Zentrum der Stadt.
Michael HeiderSchnell, fast hektisch schallt die Stimme aus den kleinen Lautsprechern. In konsequent monotoner Sprechweise liest sie den Inhalt von Internetseiten vor, auf Wunsch auch ganze Bücher. Sie gibt Auskunft über das Wetter, sagt die Uhrzeit an. „Es gibt nichts Besseres“, meint Monika Schulze während sie die verschiedenen Funktionsweisen ihres iPhones vorführt. Mit Hilfe der sogenannten VoiceOver–Funktion, einer Bedienhilfe für blinde und sehbehinderte Menschen, sei das eigene Smartphone für sie vollkommen barrierefrei zugänglich.
Dabei ist Teilhabe an technischen Neuerungen für Menschen wie sie alles andere als selbstverständlich. Ihre Makuladegeneration war bereits angeboren. Die Krankheit greift den zentralen Bereich der Netzhaut an und führt mit zunehmenden Alter zu fortschreitendem Sehverlust. Heilung ausgeschlossen. Heute liege ihre Sehkraft nur noch bei etwa einem Prozent, sagt die 60–Jährige. Damit ist sie einer von ca. 1,2 Millionen sehbehinderten und blinden Menschen in Deutschland. Die Schätzung der Weltgesundheitsorganisation basiert auf Zahlen aus anderen Ländern. In Deutschland selbst wird nach wie vor kein belastbares Zahlenmaterial zu Betroffenen gesammelt.
Hürden im Alltag
Routiniert streicht Monika Schulze ihre Finger weiter über den Bildschirm des Smartphones. Eine Sache möchte sie noch demonstrieren. Sie schwenkt die Handy–Kamera durch ihr Wohnzimmer und richtet sie auf einen der zahlreichen Blumentöpfe am Fenster. Klick. „Möbelstück und Blumen auf einen Tisch“, verkündet das Mobiltelefon umgehend in englischer Sprache. Auch wenn es längst schon Bestandteil ihres Alltags ist, zeigt sich die Beeskowerin immer noch begeistert: „Das ist doch gigantisch, oder?“ Ganz gleich, ob es sich um das Schreiben einer SMS handelt, das eigenständige Heraussuchen von Zugverbindungen oder das tägliche Lesen der Zeitung, durch die Digitalisierung seien ihr viele neue Möglichkeiten gegeben. „Ich bin wesentlich unabhängiger geworden dadurch“, sagt die gelernte Industriekauffrau.
Doch selbst mit zahlreichen technischen Hilfsmitteln ist der Alltag für blinde und sehbehinderte Menschen längst nicht frei von Hürden. Am deutlichsten wird der Stand der Barrierefreiheit beim Verlassen der eigenen vier Wände. In Beeskow sei sie zwar ständig alleine unterwegs, kenne sich auch bestens aus, doch „Beulen gehören immer noch dazu.“ Während der Markt im Stadtzentrum mit seinen Geschäften und Cafés viele zum entspannten Flanieren einlädt, warten die dortigen Gehwege für Menschen mit Sehbehinderung mit einigen Herausforderung auf. Zwischen Verkehrsschildern, ausgelegten Waren und Sitzgelegenheiten stehe ihr nur ein schmaler Korridor zur Verfügung, sagt Monika Schulze. Selbst mit weißem Langstock sei man vor Hindernissen nicht immer geschützt. „Diesen Pfahl habe ich schon geküsst“, erinnert sie sich etwa und lacht.
Dass die Barrierefreiheit in der Kreisstadt noch ausbaufähig ist, darum weiß auch Norbert Lenhardt. „Taktile Bodenleitsysteme fehlen in Beeskow beispielsweise völlig“, so das Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Im Sozialausschuss hätten sie zwar gute Gedanken gehabt und immer wieder versucht, Besserungen anzustoßen, „bisher aber leider erfolglos“, wie der ehemalige Polizeibeamte bilanziert. Worin er die Gründe dafür sieht? „Fehlendes Interesse, weil man selbst nicht betroffen ist.“ Monika Schulze pflichtet bei: „Wir sind nun mal nicht viele.“
Kleinigkeiten können helfen
Gerade deshalb sei es wichtig, immer wieder auf die Situation von blinden und sehbehinderten Menschen in der Stadt aufmerksam zu machen und straßenbauliche Hürden zu melden. „Meckern“, wie sie es nennt. Norbert Lenhardt selbst ist durch eine von Monika Schulzes E–Mails an die Stadtverwaltung mit dem Thema in Berührung gekommen. Auch vor der Stadtverordnetenversammlung habe sie ihre Anliegen bereits vorgetragen. Angehört wurde sie zwar, Taten vermisse sie allerdings, und stellt klar: „Wir stehen hier nicht als Bittsteller. Das, was wir möchten, ist alles gesetzlich verankert.“ So sieht es auch der Stadtverordnete Lenhardt und verweist auf das Bundesteilhabegesetz.
Dabei könnten Kleinigkeiten einen großen Unterschied machen, das wird durch den Stadtrundgang deutlich. Glatte Bordsteinkanten zum Beispiel. Diese bieten nützliche Anhaltspunkte und signalisieren, wo der Gehweg endet und die Straße beginnt. Auch mit guter Ortskenntnis und weißem Langstock, die Orientierung kann schnell verloren gehen. „Passiert doch immer wieder“, so Monika Schulze. In diesen Momenten offenbare sich aber auch die große Hilfsbereitschaft ihrer Mitbürger. Darüber sei sie sehr dankbar. Zudem lässt es sie hoffen, das Bewusstseins für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen weiter schärfen zu können. Denn, so sagt sie: „Wir sind auch da.“
