Seit Herbst werden im Landkreis Oder-Spree mobile Corona-Testungen durchgeführt. Zunächst hatte sie als Vertragspartner ein Arzt im Auftrag des Gesundheitsamtes übernommen, auch Mitarbeiter des Gesundheitsamtes und die Johanniter unterstützten. Für den Aufbau eines wachsenden Netzwerks engagiert sich seit Mitte November außerdem der junge Frankfurter Assistenzarzt Philipp Humbsch. Durch die von ihm gegründete Stiftung Pépinière e.V., mit der der 2018 zum Studenten des Jahres Gekürte unter anderem Erste-Hilfe-Einsätze und das Programm „ZACK – Zusammen aktiv gegen Covid-19 und Keime“ in Kitas und Grundschulen durchführt, sowie seine Aktivitäten als Doktorand an der Charité verfügt er über wertvolle Kontakte.

Vergütung per Dienstleistungsvertrag

„Aktuell sind etwa 20 Ärzte, Rettungssanitäter und Studierende der Medizin – teilweise bereits vor oder mit Staatsexamen – dabei, an besonders intensiven Tagen sind drei Teams gleichzeitig im Einsatz“, so Humbsch. Die Engagierten erhalten für ihren Einsatz per Dienstleistungsvertrag Vergütung. In Zweierteams besuchen sie täglich vor allem voll- und teilstationäre Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Hospize und Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete, teilweise auch Ämter, Kindertagesstätten und Schulen oder im Einzelfall auch immobile Privatpersonen zuhause. Dort nehmen die mobilen Testteams dann Abstriche von Bewohnenden und Mitarbeitenden. Bei einem Infektionsgeschehen würden abhängig von der Größe der Einrichtung und der Risikobewertung jeweils zwischen zehn und 120 Personen getestet. Nachtestungen richten sich dann nach Art der Einrichtung und Infektionsgeschehen. „In stationären Pflegeeinrichtungen z. B. werden alle Bewohner und Mitarbeiter in Abhängigkeit von der Infektionslage mehrfach getestet“, heißt es dazu vom Landkreis.

Mehrmals wöchentlich: von Berlin über Frankfurt nach Oder-Spree

Einer jener Engagierten des mobilen Test-Teams ist Jonathan Evard. Er ist Medizinstudent im achten Semester an der Berliner Charité und seit Ende November für das Mobile Test-Team in Oder-Spree unterwegs. Auch ihn erreichte Humbsch über eine Medizinstudierenden-Gruppe bei Facebook. Außer dem Koordinator Humbsch in Frankfurt (Oder) kommen die meisten Engagierten des Teams aus Berlin, erklärt Evard, „wie ich brauchen sie dann immer eineinhalb Stunden für An- und Abfahrt.“ Von Frankfurt aus starten sie oft mit einem Rettungswagen in die Region. Einmal bis zu drei-vier Mal pro Woche ist Evard mit dem Test-Team im Einsatz – je nach Nachfrage. „Manchmal ist es ruhiger, dann taucht plötzlich wieder ein Hotspot mit mehreren vollen Heimen auf“, hat der Medizinstudent beobachtet.

Zweier-Teams in Schutzausrüstung

Die Einsatztermine werden meist einen Tag im Voraus vergeben. Vom Gesundheitsamt geht eine Einsatzliste an Humbsch, er vermittelt dann die Teams an die Einrichtungen. Sie müssen mindestens zu zweit sein, manchmal sind bis zu drei Teams gleichzeitig unterwegs: Eine Person testet, die zweite füllt Auftragsbögen aus und protokolliert den Ablauf. Durchgeführt werden, ergänzt Evard, meist PCR-Tests – dazu brauchen die Testenden umfassende Schutzkleidung: Schutzkittel, Mund-Nasen-Schutz und Handschuhe, manchmal – wie jüngst bei einem Einsatz in Wendisch Rietz, wo 50 Personen getestet werden sollten – tragen sie auch festere Katastrophenschutzanzüge mit Handschuhen, die fest angeklebt werden. Nicht ohne Grund: „Wir gehen ja auch richtig in die Wohnungen und Zimmer hinein“, sagt Evard besorgt. „Einmal haben wir nach einem großen Testeinsatz erfahren, dass zwei Drittel der von uns Getesteten positiv waren.“ Das war noch im vergangenen Jahr im Gut Zeisigberg in Müllrose (MOZ berichtete).
Angst vor eigener Ansteckung hat Evard, der auch Berliner Testzentren unterstützt, aber kaum. Er sagt, als künftiger Arzt komme er mit ganz anderen schweren Krankheiten in Berührung, mit denen er sich nicht anstecken will. Leichtsinnig ist er dennoch nicht: „Ich will das Virus vor allem nicht weiter übertragen.“ Außerdem, wirft Humbsch ein, stattet der Landkreis die Testteams für die Einsätze mit der entsprechenden Schutzausrüstung aus. „Wir sind da also immer voll geschützt“, betont der Koordinator. Auch die notwendigen Testreagenzien stellt das Gesundheitsamt des Landkreises.

Auswirkungen der Isolation

Bedrückend aber sind die menschlichen Eindrücke, die die Test-Teams in den Einrichtungen mitbekommen. „Am Anfang war ich sehr überrascht“, erinnert sich Evard. Er dachte, die meist älteren Menschen würden sich erschrecken, wenn plötzlich das Test-Team in voller Schutzausrüstung kommt. „Aber sie waren das schon gewohnt und sagten eher: ‚Ach, da kommen wieder die ‚Marsmenschen‘.“ Oft seien die zu testenden Personen ja bereits weitestgehend isoliert, Personal auch nur mit Mundschutz und Schutzutensilien zu sehen. „Da verfolgen sie wenig, welche Maßnahmen draußen getroffen werden. Sie sehen die lokale Isolierung, dass sie nicht rauskönnen, keinen Besuch mehr bekommen, immer allein sind“, so der Student. Besonders in der Weihnachtszeit sei das oft dramatisch gewesen: „Wenn man ‚Schöne Weihnachten‘ wünschte, fingen einige an zu weinen“, erzählt er. Denn viele haben dann das Fest ganz allein in ihren Zimmern verbringen müssen.
Wenn sie dann nach mehreren Wochen zum Nachtesten kamen, ergänzt er weiter, hätten viele Senioren bereits stark abgebaut im sozialen Umgang. Einerseits waren Mitbewohner und Nachbarinnen verstorben, andererseits blieben sie selbst in totaler Isolation. „Viele sind dann ganz in sich gekehrt und reagieren gar nicht mehr auf uns, wenn wir kommen“, sagt Evard besorgt.

Wird das Testteam auch impfen?

Mit den startenden Impfungen könnte sich die Lage auch in den Pflegeeinrichtungen entspannen. Aktuell liegt deren Organisation und Durchführung in Brandenburg in der Hand des Landes und der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin-Brandenburg. Wie künftig die kommunale Ebene – und somit vielleicht auch das bestehende mobile Corona-Testnetzwerk in LOS – stärker eingebunden werden könnte, ist noch Gegenstand von Beratungen.
Dem Landkreis ist aber bereits bekannt, dass eingesetzte Ärzte und Rettungssanitäter auch die Umsetzung der nationalen Impfstrategie im Land Brandenburg unterstützen: Ein Arzt ist bereits neben den Testungen auch im Impfzentrum tätig.
Mehr über die Auswirkungen der Corona-Pandemie in Brandenburg lesen Sie auf unserer MOZ-Themenseite.