Immobilie geräumt: Soziale Versklavung in Wellmitz

Das gesperrte Haus: Wo einst das Wellmitzer Gemeindebüro war, lebten zuletzt Familien aus Rumänien.
Patrizia CzajorAm Ende sei es eine „riesige Befreiungsmaßnahme“ zugunsten der Bewohner und Nachbarn gewesen, die der Landkreis am Dienstag gemeinsam mit dem Amt Neuzelle und mit Hilfe der Polizei in Wellmitz durchgeführt habe. Zunächst zwölf Rumänen aus zwei Familien, gestern zwei weitere Personen, seien aus einem Haus geholt und in Eisenhüttenstadt untergebracht worden. Die Menschen hätten in Wellmitz in einem nicht für Wohnzwecke zugelassenen Haus unter unwürdigen Bedingungen gelebt, so der Landrat. Für die Unterkunft, ist er sich sicher, seien zudem Mietzahlungen zu „Wucherkonditionen“ fällig geworden.
Lindemann kündigte Strafanzeige gen den Vermieter an, dem er unter anderem Menschenhandel, Aussetzung, Straftaten gegen Leib und Leben und organisierten Leistungsmissbrauch vorwirft. Nach seiner Kenntnis habe der Vermieter die Rumänen unter falschen Voraussetzungen nach Deutschland gelockt, Flüge und Pässe bezahlt, und sie dann in dem ihm gehörenden Objekt untergebracht. Man werde auch zivilrechtliche Maßnahmen ergreifen, da dem Kreis durch die sozialen Aufwendungen für die Menschen finanzieller Schaden entstanden sei.
Generell gilt, dass EU-Bürger, also auch Rumänen, sich in Deutschland niederlassen können. Deshalb sei die Wohnsitzmeldung im Amt zunächst eine ganz normale Sache gewesen, so Amtsdirektor Hans-Georg Köhler. Einige Rumänen hätten zudem ein Gewerbe als Abbruchunternehmer angemeldet. Andere, so Lindemann, hätten Arbeitsverträge als geringfügige Beschäftigte bei dem in Berlin lebenden Vermieter vorgelegt.
Eine berufliche Tätigkeit sei Voraussetzung, um Anspruch auf Sozialleitungen zu haben. Lindemann geht davon aus, dass zumindest die Arbeitsverträge nur vorgetäuscht sind. „Für eine geringfügige Beschäftigung fährt man nicht täglich von Wellmitz nach Berlin“, so der Landrat. Er geht davon aus, dass der Vermieter mit den Rumänen einfach nur Geld verdienen wollte. Dafür spreche, dass er Zugriff auf alle Konten der Betroffenen hatte. Den Familien sei nur das ausgezahlte Kindergeld geblieben.
Dass der Fall jetzt aufgedeckt wurde, liegt daran, dass Amtsdirektor Köhler sich an den Kreis gewandt hat. Lindemann war zunächst nur nach Wellmitz gefahren, weil der dingende Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bestand. Zu den zwei Familien gehören mindestens neun Kinder, vielen gingen nicht zur Schule. Nachbarn hatten sich beim Amt darüber und die Vermüllung des Grundstücks und andere Ordnungwidrigkeiten beschwert. Bei diesem Besuch in Wellmitz sei ihm dann das gesamte Ausmaß deutlich geworden, so Lindemann.
Die Möbel im Haus bezeichnete Lindemann als Sperrmüll, die Sanitäranlagen als völlig defekt. Geheizt worden sei mit einem die alten Leitungen überlastenden Ölradiator und einem nicht zugelassenen Holzofen. Als Brennstoff seien zuletzt Bäume aus dem Vorgarten verwendet worden. Bei ersten Gesprächen mit den Nachbarn sei deutlich geworden, dass das Problem bereits seit Sommer 2017 bestehe. Zeitweise seien bis zu 40 Personen in dem Haus gemeldet gewesen.
Wie es mit den Rumänen weitergeht, ist im Moment offen. In der Gemeinschaftsunterkunft, die von Personal des Kreises betreut wird, können sie bis Ende Februar bleiben. Dann gibt der Kreis das Objekt auf. Das Gebäude in Wellmitz ist baupolizeilich gesperrt worden und darf nicht betreten werden.
