Insgesamt 12.162 Milchkühe waren laut Statistik des Landeskontrollverbandes (LKV) Brandenburg Berlin-Brandenburg im Jahr 2021 im Landkreis Oder-Spree zu Hause. Etwa 600 davon in Buchholz bei der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH Buchholz, einem Ortsteil von Steinhöfel. Ein Durchschnittsbetrieb. Es ist nass, kalt, windig und regnerisch, der Boden aufgeweicht und die Nase nimmt den Geruch von Landluft wahr.
Vor der Milchquelle, dem kleinen Hofladen, steht eine kunterbunte Kuh, im Innern des Häuschens gibt es Milch und mehr – direkt und regional. Der Chef, Benjamin Meise, führt den Familienbetrieb seit elf Jahren, gemeinsam mit seinem Bruder.

Der Bau vereint die Vorzüge von Stall und Wiese

Zum Betrieb gehören zwei Ställe aus den 60er Jahren, die inzwischen modernisiert wurden. „Früher wurden die Tiere in diesen Ställen noch angebunden“, sagt er. Heute gibt es eine Belüftung, die Tiere können sich frei bewegen und die obligatorische Massagebürste stehe selbstverständlich auch zur Nutzung bereit.
Ein Stück weiter befindet sich der neue Stall, der, wie er betont, aber auch schon wieder zehn Jahre alt sei. Auch das ist ein sogenannter Laufstall. „Der Bau vereint die Vorzüge von Stall und Wiese“, erklärt der Geschäftsführer des Buchholzer Agrarbetriebes. Neugierig schauen die Kühe auf, strecken uns ihre Nasen entgegen, die sich feucht und kühl anfühlen. Wer mutig ist, kann sich die Hand abschlecken lassen – ein Gefühl, als würde diese mit Sandpapier gestreichelt.

Futter ist der größte Kostenfaktor im Betrieb

180 Kühe können wahlweise herumspazieren, sich es in den offenen, eingestreuten Liegeboxen bequem machen, fressen, saufen, wiederkäuen oder sich eine Bürstenmassage gönnen. „Das Dach ist nicht lichtdurchlässig, weil Kühe keine direkte Sonne oder Wärme mögen“, so der Geschäftsführer. Aber es schütze vor Unwetter und Regen, dennoch komme Licht von den Seiten und auch Außenklima in den Stall. „Auf dem Dach befindet sich zudem Solarpaneele.“
Inzwischen haben die Kühe das Interesse an den Besuchern verloren, schmatzen genüsslich vor sich hin. „Kühe sind Feinschmecker“, sagt Benjamin Meise und schmunzelt. Im Betrieb seien die Futterkosten mit etwa einer Million Euro der größte Posten und liege damit noch über dem für das Personal. „Das staffelt sich beginnend mit dem Mindestlohn je nach Qualifikation. Unter 2.500 Euro geht heute keiner mehr nach Hause“, so Meise. Auch wegen der Zuschläge für wie für Nachtarbeit.
Wenn die im Betrieb geborenen Kälber 14 Tage alt sind, werden sie in der Gruppe im Stall oder in Partyzelten – wie die größeren Iglus scherzhaft genannt werden - gehalten. Zuvor bewohnt jedes Kalb ein Einzel-Iglu, um Krankheiten und Ansteckung vorzubeugen, denn die Kälber haben noch kein eigenes Immunsystem, müssen dieses erst aufbauen.
Wenn die im Betrieb geborenen Kälber 14 Tage alt sind, werden sie in der Gruppe im Stall oder in Partyzelten – wie die größeren Iglus scherzhaft genannt werden - gehalten. Zuvor bewohnt jedes Kalb ein Einzel-Iglu, um Krankheiten und Ansteckung vorzubeugen, denn die Kälber haben noch kein eigenes Immunsystem, müssen dieses erst aufbauen.
© Foto: Monika Rassek

Hohe Ansprüche ans Futter und sehr wählerisch

Und warum stehen die Milchkühe nicht auf der Wiese? „Die würden insbesondere im Sommer verhungern. Denn sie stellen hohe Ansprüche an das Futter“, weiß der Geschäftsführer. Das Futter setze sich aus 15 Komponenten zusammen, wovon 70 Prozent aus Eigenproduktion stammen. „Zum Mix gehören Gras, Luzerne, Mais, Stroh, Melasse, Biertreber, also Rückstände aus der Brauerei in Frankfurt Oder, Zuckerrüben-Fressschnitzel, Getreide, Kleie, Getreideschlampe und Rapsschrot. Aber kein Soja“, so der Fachmann.
Wenn die Kühe Vertrauen gefasst haben, lassen sie sich auch streicheln und aus der Hand füttern, wie Benjamin Meise, Geschäftsführer des Buchholzer Familienbetriebes, demonstriert.
Wenn die Kühe Vertrauen gefasst haben, lassen sie sich auch streicheln und aus der Hand füttern, wie Benjamin Meise, Geschäftsführer des Buchholzer Familienbetriebes, demonstriert.
© Foto: Monika Rassek
Das Futter müsse immer wieder an die Begrenzung geschoben werden. „Die Damen sind sehr wählerisch und sortieren sich gern das Süße wie Rapsschrot oder Melasse heraus“ ergänzt er. Das sei jedoch nicht gut für die Tiere, führe zu Bauchschmerzen. Im schlimmsten Fall würden die Tiere kollabieren. „Daher muss das Futter immer gut durchmischt sein.“
Ein gefragtes Natur-Nebenprodukt aus der Milchproduktion: Blumendünger aus Kuh-Mist.
Ein gefragtes Natur-Nebenprodukt aus der Milchproduktion: Blumendünger aus Kuh-Mist.
© Foto: Monika Rassek

Milchbauern auch wirtschaftlich an Kuhwohl interessiert

Und wenn eine Kuh doch mal krank wird? „Dann wird sie behandelt, auch mit Antibiotika, wenn es sein muss“, räumt er unumwunden ein. „Allerdings wird dann eine ‚Milchsperre‘ verhängt, was bedeutet, dass diese nicht verwertet werden kann.“ Auch darf sie nicht weiterverarbeitet werden zu Käse oder Joghurt und tauge nur noch für den Ausguss.
Zwei Monate bevor die Kühe kalben, werden sie nicht mehr gemolken und kommen ins Trockenlager im Freien mit einem großen Unterstand als Schutz vor Witterungseinflüssen.
Zwei Monate bevor die Kühe kalben, werden sie nicht mehr gemolken und kommen ins Trockenlager im Freien mit einem großen Unterstand als Schutz vor Witterungseinflüssen.
© Foto: Monika Rassek
„Milch wird per Analyse streng überwacht, nicht nur auf Fett- und Eiweißgehalt und Gefrierpunkt (wegen Panscherei) geprüft, sondern auch hinsichtlich Antibiotika, Keimzahl, die Aufschluss zu Parametern für Reinheit und Sauberkeit gibt, Zellzahl im Hinblick auf die Euterhygiene oder auf Hemmstoffe, womit alle Substanzen gemeint sind, die das Wachstum von Keimen in der Milch hemmen.“ Milchproduzenten seien also daran interessiert, dass es den Tieren gut gehe und sie sich wohlfühlen.

Fabrik- oder Kuhmilch, das entscheiden die Verbraucher

Eine Milchkuh kostet durchschnittlich 1.800 Euro. Und dieses Geld müsse erst mal wieder eingespielt werden. „Das bedeutet, dass es dem Tier gut gehen muss, damit es viel Milch gibt und möglichst alt wird“, so Meise. Eine Kuh könne weit mehr als 10.000 Liter Milch im Jahr geben. „Bei uns sind es etwa 9.500, was bedeutet, dass die Haltungsbedingungen noch nicht optimal sind“, sagt der Geschäftsführer.
Er würde gern mehr machen, modernisieren. Doch das Geld müsse zunächst erwirtschaftet werden. „Derzeit ist der Milchpreis zwar gut, dafür sind die Kosten für Futtermittel gestiegen“, erklärt er. Also würden sie weiter machen mit Licht, Luft und Liebe im Kuhalltag. „Letztendlich entscheiden die Verbraucher, wie es mit der Milchwirtschaft weiter geht. Das sei auch eine Art der Wertschätzung ihrer geleisteten Arbeit in der Region.
Seine Milch liefere er zu großen Teilen an die genossenschaftliche Molkerei, aber auch in 600-Liter-Mehrweg-Tanks an die Eismanufaktur IceGuerilla in Beeskow – regional. Aber in Dänemark werde beispielsweise die weltweit größte Fabrik für die Herstellung von Fermenter Milch gebaut.“ Das sei „Milch“, die aus Mikroorganismen hergestellt werde. Damit könnten 40.000 Kühe ersetzt werden.

Fakten zur Milchkuhhaltung

Insgesamt 6.353.000 Milchkühe standen 1990 in Deutschland, davon 4.770.000 in den alten und 1.583.000 in den neuen Bundesländern. Im Jahr 2021 waren es noch 3.184.000 im Westen (Rückgang von 33 Prozent) und 648.000 im Osten (Rückgang von 59 Prozent), davon 20,4 Prozent, also 132.000 in Brandenburg.
Im Landkreis Oder-Spree (LOS) gab es 1999 noch 15.194 Milchkühe, in der Prignitz mit 24.544 die meisten und im Landkreis Oberspreewald/Lausitz mit 4.575 die wenigsten Tiere. Zwei Jahre später war der Bestand in Oder-Spree auf 12.162 Tiere gesunken, in der Prignitz 12.878 Kühen fast halbiert und in Oberspreewald/Lausitz mehr als halbiert. In allen Landkreisen ging der Bestand an Milchvieh teilweise drastisch zurück.
Gleiches gilt für die Anzahl der Betriebe die in Oder-Spree für 1999 noch mit 58 in 2021 noch 18), in der Prignitz mit 151 (in 2021 noch 40) und für Oberspreewald/Lausitz mit 17 (in 2021 noch 10) angegeben wurde.
Bei der Milchleistung liegt LOS mit 7.004 Litern im Jahr 1999 an zweiter Stelle, zwei Jahre später mit 10.646 Litern an der Spitze im Kreisvergleich. Thomas Auert, RBB Rinderproduktion Berlin-Brandenburg GmbH