Die Liebe zur Literatur möchte sie weitergeben: Martina Kempter, Übersetzerin und Vorsitzende des Vereins Weltlesebühne. Am 30. September kommt die 59-Jährige nach Beeskow, um anlässlich des Internationalen Übersetzertages, oder auch Hieronymustages, in der St. Marienkirche die Veranstaltung „Die Bibel und drei große Übersetzer“ zu moderieren.
Wenn es die Übersetzer nicht gebe, was wüssten wir von Pippi Langstrumpf, Harry Potter oder den biblischen Geschichten? Was andere geschaffen haben, erfinden Übersetzer in ihrer Sprache neu. „Es ist ähnlich wie bei einem Krimi, der aufgelöst werden muss“, erklärt Martina Kempter. Es gebe viele Möglichkeiten einen Satz zu interpretieren. „Und es soll auch der persönliche Stil des Autors vermittelt und begreiflich gemacht werden.“ Dazu gehöre, dass der Übersetzer mit der Sprache sehr vertraut sei.

Von Legenden umwoben

Die Schöpfer der drei berühmtesten Bibel-Übersetzungen waren vom „furor interpretandi“ – der Übersetzungswut – befallen: Beim namenlosen Urheber der ersten Bücher der griechischen „Septuaginta“ gibt es dafür Indizien, bei Hieronymus und bei Luther ist es offenkundig. Alle drei haben die Bibel nicht nur ohne Auftraggeber übersetzt, sie haben es gegen gesellschaftliche Widerstände getan.
Ihr folgenreiches Abenteuer ist von allerlei Legenden umwoben. Josef Winiger wird in seinem Vortrag erzählen, was es mit dem „Furor“, der Wut oder auch Leidenschaft, der drei tatsächlich auf sich hatte und warum uns das, was sie hervorgebracht haben, noch heute beschäftigt. Anschließend spricht seine Kollegin Martina Kempter mit ihm und dem Publikum.
Josef Winiger hat in Paris, Aix-en-Provence und München studiert. Seit 1980 übersetzt er Belletristik und Sachbücher aus dem Französischen. Der promovierte Philosoph ist auch Autor, schrieb eine Feuerbach-Biographie und diverse Arbeiten zur Geschichte der Literaturübersetzung und wurde mehrfach ausgezeichnet.

Studium in Italien

„Wir haben auch schon gemeinsam an einem Projekt gearbeitet“, erzählt Martina Kempter. Beide hätten Beiträge zu dem Buch „Denn wir haben Deutsch: Luthers Sprache aus dem Geist der Übersetzung“ beigesteuert. „Was Josef Winiger zum Hieronymustag erzählen wird, weiß ich aber nicht“, sagt sie. So bleibe es spannend.
Die Übersetzerin hat Italienisch, Germanistik und Geschichte studiert – auch ein Jahr in Italien, an der Universität von Bologna bei dem Historiker Carlo Ginzburg: „Dort entwickelte sich der Wunsch, ein Buch von ihm zu übersetzen, was auch gelungen ist“, erinnert sie sich. Dann sei sie nach und nach „reingerutscht“, übersetzt nun schon seit 30 Jahren aus dem Italienischen und ist Gründungsmitglied der Weltlesebühne, einem Zusammenschluss von etwa 60 Übersetzern aus ganz Deutschland.
„Wir möchten erreichen, dass Übersetzer mehr wahrgenommen werden“, sagt sie. Dazu gehöre, dass man den Lesern bewusst mache, dass jedes deutsche Wort von Übersetzern eine eigene „Schöpfung“ sei: „Wir sind im Prinzip die unbekannten Co-Autoren.“ Die Weltlesebühne organisiert daher beispielsweise Literaturveranstaltungen, bei denen Übersetzer vor Publikum arbeiten.
Bei der Veranstaltung in der St. Marienkirche handelt es sich jedoch um einen Vortrag und ein anschließendes Gespräch mit Josef Winiger und dem Publikum. Es ist eine Zusammenarbeit der Weltlesebühne mit der St. Marienkirche im Rahmen der „Interkulturellen Woche 2020“ in Beeskow. Gefördert wird das Projekt vom Deutschen Übersetzerfond.

Info: St. Marienkirche Beeskow, Kirchplatz 1, 30. September, 19 Uhr, Eintritt frei