Großalarm: Bernau: Proben für die Katastrophe
Punkt 9 Uhr geht in der Regionalleitstelle in Eberswalde der Notruf ein: Im Freibad Bernau-Waldfrieden ist Chlorgas ausgetreten. Mit 25 verletzten Personen ist zu rechnen. Die Stichworte, die den Alarm zu einer Großlage werden lassen, sind „Massenanfall von Verletzten“ (MANV) und „Gefahrgut“. Das Szenario setzt am Samstagmorgen gut 200 Rettungskräfte und Katastrophenschützer in Bewegung. Viele wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es ich um eine Übung handelt. Landrat Daniel Kurth und Kreisbrandmeister Silvio Salvat-Berg, auch zahlreiche Beobachter sind vor Ort.
Fahrzeuge aus allen Richtungen
Ein Rettungswagen trifft ein. Sanitäter und ein Arzt schätzen die Lage ab und ordern Hilfe nach: der Code lautet „Gefahrenstoff groß“ und „MANV groß“. Der Alarm dröhnt weit, Anwohner schauen verunsichert vorbei. Im Minutentakt folgen Polizei, DRK, Johanniter-Unfall-Hilfe, DLRG, Feuerwehren aus Bernau, Ahrensfelde, Werneuchen, Panketal und Eberswalde, das Technische Hilfswerk, Notfallseelsorger und Rettungssanitäter. Dicke Luft hängt über dem Bad, der Chlorgasalarmpieper ist zu hören. Menschen wälzen sich am Boden, sie stöhnen, und Augen sind gereizt.
Bernaus Stadtwehrführer Jörg Erdmann, gut in auffallender Weste zu erkennen, übernimmt die Führung. Zügig muss er entscheiden, aber koordiniert vorgehen. Er hat keine Zeit, winkt ab, als die Reporterin eine Frage stellen will: Absperrbänder sind zu ziehen, Abschnitte und Bereitstellungsräume einzuteilen. Der Parkplatz am Oberstufenzentrum wird zum Großeinsatzgebiet einer bunten Schar an Fahrzeugen und Helfern. Eine Stunde ist vergangen. Auf den Westen der Helfer stehen Abkürzungen wie SEG-Fü oder Notarzt und Abschnittsleiter.
Jaqueline Sachs aus Schönow geht ans Funkgerät, die Kommandos sind klar. „Ich gebe durch, was ich an Fahrzeugen und Leuten zur Verfügung habe.“ Jens Kummer, Sascha Dietel oder Till Hoffmann handeln ebenso auf Kommando. Erdmann weiß Bescheid. Katastrophenschutz hat viele Namen. Erste Verletzte sind abtransportiert. Die Gefahrstoffeinheit richtet einen Dekontaminationsplatz ein, schnell steht der mobile Behandlungsplatz für die Schwerverletzten. Dafür ist viel Technik nötig, verpackt in Anhängern, Kisten und Containern, angekarrt aus dem ganzen Barnim. Alles greift ineinander. Für den Landkreis, der laut Katastrophenschutzverordnung diese Ausstattungen vorhalten muss, ist der Bevölkerungsschutz eine der wichtigsten Aufgaben, sagt Kurth. Am Vortag seines 46. Geburtstags ist der Zugführer des Technischen Hilfswerks ganz bei der Sache.
Einige Feuerwehrkameraden schlüpfen in Chemikalienschutzanzüge. Viele Hände helfen. Einer wirft den Helm weg, er hat eine Panikattacke, auch das passiert. Unter Voll- und Atemschutz zu arbeiten, ist eine körperliche Höchstbelastung. Die Männer sind schweißgebadet und erschöpft. Derweil wird eine Drohne vom Himmel geholt, die Chlorgaswolke über Waldfrieden niedergeschlagen. Alle Verletzten sind versorgt. Das Zusammenspiel der Einheiten und die Koordination durch Einsatzleiter Jörg Erdmann klappt, auch wenn es kurz einmal Verständigungsprobleme im Funkverkehr gibt.
Etwa alle zwei bis fünf Jahre gibt es eine solche Probe aufs Exempel. Die Einheiten müssen wissen, was zu tun ist. Darauf kommt es im Ernstfall an. Kurth schlüpft noch in seine Uniform und dankt allen. Interne und externe Beobachter schreiben die Auswertung. Mancher Kamerad wünscht sich den Rücklauf.

