Jobs bei Eberswalde: Tönnies-Konzern macht Wurstwerk in Britz dicht

Frostige Zeiten für Britz: Das traditionsreiche Wurstwerk bei Eberswalde schließt.
Stephan Backert- Das Wurstwerk in Britz bei Eberswalde wird zum 28. Februar geschlossen, 500 Beschäftigte betroffen.
- Eberswalder Würstchen werden weiterhin an anderen ostdeutschen Standorten produziert.
- Sinkender Fleischkonsum, steigende Kosten und Wettbewerbsdruck führten zur Entscheidung.
- Eine nötige neue Kälteanlage wäre zu teuer, Investitionen wurden nicht umgesetzt.
- Ein Sozialplan und Unterstützung für die Beschäftigten wurden mit dem Betriebsrat vereinbart.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ende einer langen Tradition: Ab Ende Februar 2026 wird es keine Eberswalder Wurst made in Britz (Barnim) mehr geben. Der Standort bei Eberswalde werde zum 28. Februar geschlossen, sagte am Dienstagmittag (6. Januar 2026) der Geschäftsführer der EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG, Sebastian Kühn. Kurz zuvor hatte er die Belegschaft in einer Betriebsversammlung über das Ende der Produktion informiert. Die Rahmenbedingungen würden gegen einen weiteren Betrieb sprechen.
„Uns ist diese Entscheidung sehr schwergefallen“, heißt es in einer Pressemitteilung der EWN. „Wir haben bis zuletzt alle Möglichkeiten geprüft, um den Standort Britz und die Arbeitsplätze zu erhalten.“ Von der Entscheidung sind 500 Beschäftigte betroffen. Das Unternehmen zählt zu den größten Arbeitgebern im Barnim und in der Nähe von Eberswalde. Die Produktion soll bis Ende Februar Schritt für Schritt eingestellt werden.
Eberswalder Würstchen gibt es weiter - aber nicht aus Britz
Eberswalder Würstchen soll es aber trotzdem weiterhin geben. Die Produkte sollen wie teilweise heute schon an anderen Standorten, vorrangig in ostdeutschen Betrieben und mit den bewährten Rezepturen und Qualitäten produziert werden, heißt es vonseiten des Unternehmens.
Das Unternehmen verweist auf den sinkenden beziehungsweise stagnierenden Fleisch- und Wurstkonsum und den umkämpften Markt mit immer mehr internationalen Anbietern mit niedrigeren Kosten. Auch die Kosten für Löhne, Energie, Logistik und Betriebsstoffe würden ständig steigen.
Die neue Kälteanlage in Britz kam am Ende nicht
Erschwerend kommt hinzu, dass der Betrieb dringend eine neue Kälteanlage gebraucht hätte, da die alte Anlage überdimensioniert war. Nicht zuletzt in der Hoffnung auf entsprechende Investitionen hatte die Eigentümerfamilie das Werk im Juni 2023 an die Zur-Mühlen-Gruppe unter dem Dach des Fleisch- und Wurst-Konzerns Tönnies verkauft. Die Entscheidung war jedoch immer wieder verschoben worden.

Wurstproduktion bei den EWN Wurstspezialitäten in Britz im Mai 2025. Die Eberswalder Würstchen werden demnächst nicht mehr aus Britz kommen. (Archivbild)
Thomas Burckhardt„Diese Investitionen würden die Produktivität am Standort jedoch nicht wesentlich steigern und ließen sich aufgrund der Marktbedingungen mittel- und langfristig auch nicht refinanzieren“, heißt es jetzt in der Stellungnahme des Unternehmens. Die Kosten für die Anlage und andere Modernisierungen hätten sich aufgrund allgemeiner Preissteigerungen und zusätzlicher Auflagen auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag erhöht. „Leider mussten wir feststellen, dass es unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine realistische Perspektive gibt“, teilte das Unternehmen mit.
Sozialplan für 500 Beschäftigte in Britz bei Eberswalde
Das Unternehmen verhandelt seit Wochen mit dem Betriebsrat über die Schließung. „Wir haben eine gangbare Lösung für alle Beteiligten gesucht und wollen den rund 500 Kolleginnen und Kollegen nun möglichst gute und wirkungsvolle Unterstützung bieten“, teilte die EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG, mit.
Unternehmensführung und Belegschaft haben sich auf einen Interessenausgleich und Sozialplan für alle Beschäftigten verständigt. Dazu gehören auch individuelle Beratungsangebote, Unterstützung bei der beruflichen Neuorientierung und die Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit und anderen Unternehmen in der Region.
Harte Kritik von der Gewerkschaft NGG an Tönnies-Konzern
Harte Kritik an der Schließung und insbesondere an dem Mutterkonzern Tönnies kam von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Tönnies entpuppt sich als Totengräber der Tradition“, sagt Uwe Ledwig, der Vorsitzende des NGG-Landesbezirks Ost. Er warf dem nordrhein-westfälischen Fleisch-Unternehmer Clemens Tönnies „rücksichtslose Rendite- und Marktbereinigungspolitik auf dem Rücken der Beschäftigten“ vor.
Den Menschen sei beim Kauf vollmundig eine Zukunft des Werkes versprochen worden. „Das Gegenteil ist der Fall“, so Ledwig. Die Zur-Mühlen-Gruppe habe den Betriebsrat zudem durch die „schamlose Ausnutzung eines rechtlichen Schlupflochs bei der Übernahme 2023“ unter Druck setzen können.
NGG: Zur-Mühlen-Gruppe nutzt rechtliches Schlupfloch
Der Betriebsrat habe zwar über einen Sozialplan eine gewisse Abfederung für die Beschäftigten erreicht, diese sei jedoch unzureichend. Laut Ledwig hatte die Zur-Mühlen-Gruppe argumentiert, dass sie zum Abschluss eines Sozialplans gar nicht verpflichtet sei. Die Beschäftigten erhalten einen Viertel Monatslohn pro Beschäftigungsjahr. Wie Ledwig berichtet, sei aber bei Betrieben dieser Größe das Vierfache üblich.
Die in den 1970er-Jahren im VEB Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde/Britz (SVKE) etablierte Wurstproduktion hat eine jahrzehntelange Tradition. Die Zur-Mühlen-Gruppe beruft sich Ledwig zufolge aber auf Paragraph 112a des Betriebsverfassungsgesetzes, demzufolge Betriebe eines Unternehmens in den ersten vier Jahren nach der Gründung von der Anwendung eines Sozialplans ausgenommen seien.



