Johann von Bülow in Wandlitz: Schauspieler liest Loriot – „Deutschen fehlt die Lockerheit“

Der Schauspieler Johann von Bülow ist in Wandlitz zu Gast. Er liest aus dem Buch „LORIOT – Der ganz offene Brief“.
Carsten Koall/dpaAbermals prominenter Besuch in der Kulturbühne: Der Schauspieler Johann von Bülow (Tatort, Kokowääh, Mord mit Aussicht) ist am Samstag, 23. November, zu Gast im Goldenen Löwen und liest aus „LORIOT – Der ganz offene Brief“; eine Sammlung heiterer Kolumnen von Loriot, die zwischen 1957 und 1961 in der Illustrierten QUICK erschienen sind.
Im Interview verrät der Namensvetter Loriots, warum der Begriff „Lesung“ seinem Auftritt nicht gerecht wird und sinniert darüber, ob wir auch in 50 Jahren noch über Kosackenzipfel und Frau Winkelmann am Klavier lachen können.
Herr von Bülow, wie oft werden Sie bei Ihren Lesungen gefragt, ob Sie der Enkel von Loriot sind?
Tatsächlich begleitet mich diese Frage nicht erst die letzten zehn Jahre, seit ich mit „Der ganz offene Brief“ auf Tour gehe. Mich haben immer wieder im Laufe meiner Karriere Menschen darauf angesprochen, ob da nicht ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen Vicco von Bülow und mir besteht. Leider muss ich die Leute aber immer wieder enttäuschen. Die von Bülows sind eine unglaublich große Familie von rund 600 Personen, die sich alle auf denselben Raubritter zurückführen lassen und dadurch offiziell als verwandt gelten. Die Behauptung, ich sei Loriots Neffe, ist übrigens eine Erfindung von Journalisten. Korrekt wäre die Bezeichnung „sehr entfernt verwandt“. Das klingt bloß nicht so schön.
Keine Lesung, sondern mehr ein Solo-Theaterabend
Offensichtlich stört Sie die ständige Nachfrage aber nicht allzu sehr. Andernfalls wären Sie sicher nicht seit 2014 mit Loriots Buch auf Tour.
Das habe ich mir natürlich gut überlegt, als sich mir damals die Möglichkeit bot. Letztlich habe ich mich dafür entschieden, weil die Texte einfach wahnsinnig gut sind und sich ausgezeichnet lesen lassen. Dafür nehme ich die Nachfragen gern in Kauf.
Was genau erwartet das Publikum am 23. November in der Kulturbühne Wandlitz?
Ich stelle immer wieder fest, dass viele vor dem Begriff „Lesung“ zurückschrecken, weil sie sich darunter etwas Dröges vorstellen und denken, sie müssten zwei Stunden stillsitzen und zuhören. Dieser Abend ist aber mehr als Solo-Theaterabend zu verstehen, bei dem viel mehr passiert, als dass ich bloß Texte vorlese.
Wie kam die Lesung zustande? Ist Susanne von Bülow, die Tochter Loriots und Mitherausgeberin des Buches, damals auf Sie zugekommen?
Lustigerweise wohnen wir sehr nah beieinander in Berlin und haben uns dort kennengelernt. Als Susanne das Buch zusammen mit Peter Geyer herausbrachte, kam sie auf mich zu und fragte, ob ich Lust hätte, die Buchvorstellung mit einer Lesung zu begleiten. Daraus entstanden sechs Abende in der Bar jeder Vernunft in Berlin, die sehr erfolgreich waren. Inzwischen sind wir damit in ganz Deutschland unterwegs.
Johann von Bülow: Loriot auf Kassette gehört
Haben Sie durch die Kolumnen Loriot noch einmal ganz neu kennen- und schätzen gelernt?
Loriot ist mir von klein auf vertraut, da meine Eltern ihn bereits sehr geschätzt haben und er in unserer Familie seit jeher präsent war. Ich erinnere mich beispielsweise gut daran, wie wir auf Urlaubsreisen seine Texte und Sketche auf Kassette im Auto gehört haben. Die Beschäftigung mit Der ganz offene Brief hat vielmehr dazu geführt, dass ich plötzlich Parallelen zwischen dem sehr jungen Loriot aus den Quick-Kolumnen und dem späteren Loriot entdeckt habe. In seinen Kolumnen kann man an etlichen Stellen erkennen, wie er sich schon einmal an dem ausprobiert hat, was er später im Fernsehen und in seinen Kinofilmen zeigte. Es gibt eine ganze Reihe von Stücken, an denen man diese Verknüpfungen regelrecht ablesen kann.
Sie haben Loriot erst sehr spät kennengelernt. Wie war diese Begegnung?
Gesehen habe ich ihn tatsächlich bereits als Kind. Ich war zehn Jahre alt und habe ihn bei einer dieser regelmäßigen Familientreffen der von Bülows in München erlebt. Da war dann dieser berühmte Mann, den man aus Funk und Fernsehen kannte und es fühlte sich eher so an, als würde man zufällig einem Prominenten im Restaurant begegnen. Das hatte also keinerlei familiären Charakter. Später dann, als ich selbst als Schauspieler gearbeitet habe, ergab es sich lange Jahre einfach nicht mehr. Erst als ich Susanne kennenlernte, habe ich ihn zwei-, dreimal in Berlin getroffen. Als er mitkriegte, dass ich im Fernsehen bin, hat er hin und wieder zum Telefonhörer gegriffen und mich angerufen, wenn ihm etwas gut gefallen hat. Wir hatten auch einmal postalischen Kontakt, worüber ich mich natürlich sehr gefreut habe. Das alles waren vorsichtige Kontakte aus der Ferne. Loriot war seit jeher eine solche Respektsperson für mich, dass ich mich nie von allein in seine Nähe begeben hätte.
Konnten Sie schon als Kind über Loriot lachen?
Das hat schon damals sehr meinen Humor getroffen. Besonders, wie er mit den verschiedenen Stimmtypen umgegangen ist und diese überzeichnet hat; zum Beispiel, wenn er in seinen Stücken alte Männer oder Frauen imitiert hat. Das hat mir schon als Kind imponiert und ich habe mit Begeisterung diese Nummern nachgespielt. Die Freude an der Verwandlung hat mir schon damals gut gefallen.
Texte des Humoristen werden neu interpretiert
Führt das dazu, dass Ihnen bei Ihren Lesungen ein imaginärer Loriot auf der Schulter sitzt, der Ihre Art der Interpretation beeinflusst?
Das wäre sicher keine gute Idee, denn dann wäre ich gehemmt. Die Lesung soll keine Nachahmung sein, sondern eine Neuinterpretation. Zum einen, weil Loriot so einzigartig und besonders ist, zum anderen, weil die Texte nicht als Sprechtexte angelegt sind, sondern als Kolumnen. Dass es Loriot ist, hört man unverkennbar an der Art der Sprache. Wie ich diese Texte jedoch auf der Bühne interpretiere, ist ganz meine Art. Ich bin der Meinung, dass man den Schriftsteller und Sprachkomponisten Loriot nur dann am Leben erhalten kann, wenn man seinen Stücken immer wieder eine neue Stimme und damit auch eine neue Interpretation gibt. Auf diese Weise bleibt ein Werk lebendig. Ich bin mir sicher, dass das auch in Loriots Sinn gewesen wäre
Nehmen Sie das Komische und Absurde im alltäglichen Miteinander vielleicht stärker wahr, weil Sie von klein auf durch Loriot dahingehend geschult wurden?
Wir Schauspieler leben davon, dass wir permanent alles um uns herum aufsaugen wie ein Schwamm. Aber ich würde nicht so weit gehen, dass ich gerade wegen Loriot einen anderen Blick auf die Absurditäten des Lebens gewonnen habe. Diese erschließen sich mir zum Glück von ganz allein.
Bis heute ist der Erfolg Loriots ungebrochen. Wie erklären Sie sich das?
Meiner Meinung nach liegt das daran, weil er diese typisch deutschen Tugenden, dieses Formelle und Steife und Betuliche so wunderbar aufs Korn nimmt und sich dabei einer ebenso steifen und formellen Sprache bedient. Er hält den Deutschen in ihrer fehlenden Lockerheit den Spiegel vor.
Junge Leute können wenig mit Loriot anfangen
Glauben Sie, dass man auch in 50 Jahren noch über den Kosackenzipfel und Frau Winkelmann am Klavier lachen wird?
Tatsächlich stelle ich immer wieder fest, dass junge Leute immer weniger damit anfangen kann, weil ihnen allein die Sprache und Ausdrucksweise kaum mehr vertraut sind. Je lockerer die Deutschen werden, umso schwerer werden nachfolgende Generationen Loriot verstehen. Aber so lange wir noch so eckig und verklemmt sind, werden wir uns auch weiterhin von dieser Art Humor angesprochen fühlen. Wahrscheinlich werden wir erst dann zu einer humorvollen Nation, wenn wir Loriot nicht mehr verstehen. Schließlich hätten wir es dann nicht mehr nötig, dass man uns für unsere Verklemmtheit aufzieht.
Sie haben im vergangenen Jahr Ihren ersten Roman Roxy veröffentlicht. Hat Sie das auf den Geschmack gebracht, mehr als Autor zu agieren?
Das ist noch mal ein schöner Aspekt meines Lebens als Künstler, der eine willkommene Erweiterung bringt. Auch wenn dahingehend noch kein weiteres Projekt unmittelbar in Planung ist, möchte ich es langfristig nicht ausschließen.
Karten im Vorverkauf für die Lesung am Samstag, 23. November, 20 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) gibt es für 30 Euro in den Tourist-Infos Barnim Panorama und Bahnhof Wandlitzsee, in den Bibliotheken der Gemeinde, im Internet unter www.reservix.de sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen.



