Mehr Service: Taxis droht Konkurrenz aus Berlin

Schlange stehen vor dem Bahnhof: Am Tage und in den frühen Abendstunden warten genügend Taxis auf Kunden. Nach Mitternacht allerdings ist der Ruf nach einem Taxi in Bernau schier unmöglich.
Sergej ScheibeAm Tage und in den frühen Abendstunden stehen sie am Bahnhof Schlange. Doch je später es wird, vor allem nach Mitternacht, ist in Bernau kein Taxi mehr zu bekommen. „Unhaltbar für eine 40 000-Einwohner-Stadt“ findet Bürgermeister André Stahl (Linke).
Das Oktoberfest, zu dem ein Unternehmer aus Ladeburg privat jedes Jahr an die 100 Gäste einlädt, ist in einschlägigen Kreisen bekannt. Auch im vergangenen Herbst wurde zünftig gefeiert. Doch als die ersten Gäste gegen 0.30 Uhr nach Hause fahren wollten, hatten sie Pech. Taxis waren in Bernau nicht zu bekommen. Egal, bei welchem der Betriebe sie telefonisch ihr Glück versuchten: Entweder wurde auf der anderen Seite der Hörer gar nicht erst abgenommen oder eine Fahrt zu dieser Stunde entrüstet abgelehnt. Letztlich war es der Gastgeber, der einen Mitarbeiter in der Nacht aus dem Bett klingelte und diesen bat, die Festbesucher nach Hause zu fahren. „Das ist doch unmöglich“, regt sich Bernaus Bürgermeister André Stahl (Linke) auf. „Wir sind eine Stadt mit 40 000 Einwohnern und dazu noch Mittelzentrum. Hier endet die S-Bahn aus Berlin und nicht mal, wenn die letzte ankommt, ist auch nur ein Taxi am Bahnhof zu sehen“, entrüstet er sich. Ganz zu schweigen davon, dass es keine Rufsäule gebe.
Eine Änderung dieser Verhältnisse scheitere aus seiner Sicht daran, dass es keinen Ansprechpartner auf Seiten der Taxi-Unternehmen gebe. „Jeder macht sein eigenes Ding“, sagt Stahl.
In der Tat gab es in Bernau nur bis zum Jahre 1998 eine Taxi-Innung, bestätigt Tommy Jeske. „Wir sind zwölf Selbstständige in Bernau, bekommen Sie die mal unter einen Hut. Das geht gar nicht“, schätzt er ein. Doch die fehlende Innung sei ohnehin nicht das Problem, sagt der Bernauer. „Unser größtes Problem ist, dass wir keine Mitarbeiter finden!“
Taxi-Jeske wurde 1990 gegründet. Am 1. Januar 2005 übernahm der damals 21-Jährige den Familien-Betrieb. Er beschäftigt drei festangestellte Fahrer, drei Aushilfen und fährt selbst. Seine Autos sind von 6 bis 24 Uhr unterwegs, „sieben Tage die Woche“, zählt Tommy Jeske auf. „Wir haben so viel zu tun, dass wir gut und gerne acht Festangestellte beschäftigen könnten. Und den anderen Betrieben geht es genauso. Doch wir finden keine Leute, obwohl wir weit mehr als den Mindestlohn zahlen“, bemerkt er noch. „Und vom Arbeitsamt schicken sie uns Bewerber, die haben noch nicht mal einen Führerschein“, winkt der heute 35-Jährige ab.
Eine weitere Hürde bei der erfolgreichen Suche nach Personal sieht der Unternehmer in der Ortskundeprüfung, die jeder angehende Taxi-Fahrer ablegen muss. In Zeiten von Navigationsgeräten und mobilem Internet sei die völlig überholt, findet er. Die Statistik, die im Landratsamt dazu für den gesamten Barnim geführt wird, scheint ihm recht zu geben. 2016 bestand nicht einer der elf Prüflinge den Test. 2017 fielen von 23 Frauen und Männern 15 durch. Und im vergangenen Jahr nahmen nur acht Bewerber teil, von denen nur jeder zweite bestand.
„Die Gründe für das Nichtbestehen sind vielfältig. Ein Problem ist aber, dass sich einige Antragsteller lediglich im Raum Eberswalde oder Bernau auskennen. Da der Führerschein für das Gebiet des gesamten Barnims erteilt wird, ist auch eine entsprechende Kenntnis zum gesamten Gebiet erforderlich“, sagt Oliver Köhler, Pressesprecher des Landkreises. Mit Stand 31. Dezember 2018 waren im Barnim (ausgenommen die Stadt Eberswalde, die die Aufgaben mit ihrer unteren Straßenverkehrsbehörde selbst wahrnimmt) sieben Taxi-Konzessionen vergeben. „Aktuell gibt es keine Interessenten für weitere Taxi-Konzessionen“, stellt Pressesprecher Köhler fest. „Wünschenswert wäre es natürlich, wenn der Bevölkerung zu jeder Zeit ein Taxiangebot zu angemessenen Preisen bereit gestellt werden würde“, sagt er. Derzeit werde ein neues Gutachten über die Funktionsfähigkeit des Taxigewerbes im Landkreis Barnim erstellt.
Bernaus Bürgermeister André Stahl beruhigt das nicht wirklich. „Wenn es tatsächlich an den nicht bestandenen Ortskundigenprüfungen liegen sollte, dann muss man darüber nachdenken, diese abzuschaffen“, sagt er. Der Rathaus-Chef sinnt nach einer Lösung, wie der Taxi-Service in Bernau auf Vordermann gebracht werden kann. „Notfalls muss der Markt eben für Berliner Taxifahrer geöffnet werden“, fordert Stahl. „Na, wenn er meint, dass die hier rauskommen...“, bleibt der Bernauer Unternehmer Jeske gelassen.
Kommentar: Am Dorf ein Beispiel nehmen
Bernau ist eine wachsende Stadt. Sie hat zwei S-Bahnhöfe mit direkter Verbindung in die Berliner Mitte und in der Nachbarschaft Gemeinden, die sich eines ähnlich hohen Zuzugs erfreuen wie sie selbst. Das Mittelzentrum ist Anziehungspunkt wegen seines kulturellen Angebotes, seiner gastronomischen Einrichtungen und nicht zuletzt auch wegen zahlreicher Sportveranstaltungen. Hier gibt es mehrere Krankenhäuser und eine Reha-Klinik, die ebenfalls für einen regen Besucherstrom sorgen.
Was allerdings die Möglichkeiten anbelangt, von A nach B zu kommen, wenn Busse nicht mehr fahren, da gleicht die 40 000-Einwohner-Stadt einem Dorf. Obwohl: So ganz stimmt das ja auch nicht. In solch kleinen Orten wie Melchow gibt es wenigstens eine Mitfahrzentrale. ⇥Sabine Rakitin
