Mittelstand: Kritik an Handwerkskammern

Interessiert: Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (l.) lässt sich von Raffael Richter die Arbeit an der Dicken-Mess-Maschine erklären.
Sergej ScheibeDie Stippvisite im Niederbarnim begann mit einem Geständnis. Er kenne Bernau bisher nur vom Basketball-Verein, ließ Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) die kleine Runde in der Holzfensterbau-Firma an der Krokusstraße wissen. Doch das sollte sich in den folgenden Stunden ändern. Die beiden Unternehmen stellten sich nicht nur vor, sondern benannten auch Probleme, äußerten Wünsche und übten Kritik.
HFBB-Geschäftsführer Karsten Häber hatte vor allem die drei brandenburgischen Handwerkskammern im Blick. „Unsere Interessen werden dort nicht vertreten“, stellte er klar. Anders sei es bei den Innungen. Dort würden die Unternehmen durchaus Gehör finden. „Die überbetriebliche Ausbildung findet in Frankfurt (Oder) statt. Das erschwert natürlich die Nachwuchs-Suche“, nannte Häber ein Beispiel. Darüber hinaus gebe es im Tischlerhandwerk keine vernünftige Meisterausbildung in Brandenburg. Man habe daher vor, ein entsprechendes Projekt mit der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde ins Leben zu rufen, so der HFBB-Geschäftsführer. Im Visier hatte Häber aber auch die Industrie. Die gebe DIN-Normen vor, die die Arbeit des Handwerks erschwerten. Eine gebildete Interessengemeinschaft werde daher gegen die geplante Novellierung vorgehen.
Steinbach, der auf Einladung der wahlkämpfenden SPD-Politikerin Britta Stark nach Bernau gekommen war, warb bei dem Mittelständler für ein Engagement in China. Doch Häber reagierte zurückhaltend. "Der polnische Markt tut uns eher weh“, machte er stattdessen auf ein anderes Problem aufmerksam. Zum Abschluss des Besuches freute sich der Minister darüber, dass die Firma der „erste Betrieb ist, der nicht über einen Fachkräftemangel klagt“.
Bauteile für die Straßenbahn
Als „Exot mit Duroplasten“ bezeichnete wenig später Christian Grünberg, geschäftsführender Gesellschafter der BK-Bernauer Kunststoffe GmbH, sein Unternehmen. Da Berlin-Brandenburg nicht der Zielmarkt ist, sei man auch in der Region relativ unbekannt. Die Kennzahlen können sich dagegen durchaus sehen lassen: ein Umsatz von sechs Millionen Euro pro Jahr, rund 500 Kunden in Europa, ein Exportanteil von 15 Prozent – und das bei 20 Mitarbeitern.
Das Unternehmen, dass sich der Tradition des Schichtpressstoffwerkes verpflichtet fühlt, stellt duroplastische Laminate für die verschiedensten Anwendungen her. Bauteile, die ihren Ursprung in Bernau hatten, sind in Drehkranzgestellen von Straßenbahnen in Florida ebenso zu finden wie in Windkraftanlagen, die in Asien stehen. „Wir werden künftig mehr Bauteile herstellen als mit Halbzeugen zu handeln“, sagte Geschäftsführer Martin Schäfer zur Strategie des Unternehmens. Darüber hinaus habe man schon immer auf Forschung und Entwicklung gesetzt und werde diesen Bereich auch noch weiter ausbauen. „Unser Anspruch ist es, auch eigenes Know-how in das Material einfließen zu lassen“, betonte Schäfer.
„Wie kann die Landespolitik Ihr Unternehmen unterstützen?“, wollte Wirtschaftsminister Steinbach auch in Waldfrieden wissen. Die Geschäftsführung schien da (fast) wunschlos glücklich zu sein. Angesprochen wurden lediglich die aufgelegten Förderprogramme, deren Nutzung mit viel Bürokratie und Zeitaufwand verbunden sei. „Mit der Infrastruktur am Standort sind wir total zufrieden“, so die beiden Chefs.