Schwer krank in Bernau
: Marc Kirch (51) bereitet sich jetzt auf seinen Suizid vor

Marc Kirch aus Bernau hat grünes Licht für seinen begleiteten Suizid bekommen und das Datum für seinen Sterbetag. Der schwerst Erkrankte muss dafür aber eine letzte Reise antreten.
Von
Britta Gallrein
Bernau
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Für Menschen, die schwerst an ME/CFS erkrankt sind, besteht das Leben aus totaler Erschöpfung, Dunkelheit und Stille, da Sinnesreize ihre Erkrankung deutlich verschlechtern.

Für Menschen, die schwerst an ME/CFS erkrankt sind, besteht das Leben aus totaler Erschöpfung, Dunkelheit und Stille, da Sinnesreize ihre Erkrankung deutlich verschlechtern. (Symbolbild) Der 51-jährige Marc Kirch aus Bernau plant seinen begleiteten Suizid.

Lea Aring/Deutsche Gesellschaft für ME/CFS
  • Marc Kirch (51) aus Bernau plant assistierten Suizid wegen schwerer ME/CFS-Erkrankung.
  • Krankheit führt zu extremer Erschöpfung, Bettlägerigkeit und Überempfindlichkeit auf Sinnesreize.
  • Assistierter Suizid findet in Berliner Bestattungshaus statt – Termin und Räumlichkeiten festgelegt.
  • ME/CFS betrifft rund 700.000 Menschen in Deutschland, Forschung ist stark rückständig.
  • Wissenschaftler fordern globale Forschungsoffensive für ME/CFS und Long Covid.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Marc Kirch hat die letzten Dinge erledigt. Sich aus allen digitalen Netzwerken abgemeldet. Von allen Freunden verabschiedet. Die Zugangsdaten bei Bezahldiensten gelöscht. Seine eigene Grabrede geschrieben. Der schwer an ME/CFS-Erkrankte hat das Datum für seinen Todestag erhalten. In wenigen Tagen wird der Bernauer den Weg in den assistierten Freitod antreten.

„Ich spüre, wie das Ende naht und werde traurig, weil ich so viele liebgewonnene Freunde einfach so im Stich lasse“, schreibt er in seiner letzten Mail an seine Freunde. „Dennoch weiß ich, dass viele für meine Entscheidung Verständnis haben.“

Marc Kirch, der in einer Pflegeeinrichtung in Bernau lebt, ist schwerst an der Krankheit „Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom“, kurz ME/CFS, erkrankt. Unserer Redaktion erzählte er vor einigen Wochen seine Geschichte, die viele Leser sehr bewegte. Marc Kirch wollte erreichen, dass die Menschen mehr über die Erkrankung erfahren, die leider noch immer vielen Menschen unbekannt ist, obwohl sie nicht zu den seltenen Krankheiten gehört. Rund 700.000 Menschen in Deutschland sind von der neuroimmunologischen Multisystemerkrankung betroffen. Vor acht Jahren wurde die Krankheit bei Marc Kirch diagnostiziert.

Die Krankheit geht mit einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität einher. Betroffene leiden unter einer extrem beeinträchtigten Leistungsfähigkeit, die von schwerer körperlicher wie geistiger chronischer Erschöpfung begleitet wird. Oft treten Muskelschmerzen, grippale Symptome, extreme Kopfschmerzen, Herzrasen und Schwindel auf. Experten gehen inzwischen davon aus, dass es durch die Erkrankung zu einer Fehlregulation des zentralen und autonomen Nervensystems kommt.

Marc Kirch aus Bernau fühlt sich wie lebendig begraben

Im Fall des Bernauers hat die Krankheit zu einer weitreichenden Behinderung geführt. Seit zwei Jahren ist er bettlägerig und pflegebedürftig. Der 51-Jährige leidet unter einer Überempfindlichkeit auf Sinnesreize, kann nur noch in einem dunklen Raum mit Augenmaske und Ohrenschutz liegen, da er weder Licht noch Geräusche ertragen kann. Unser Gespräch hat im Flüsterton und mit Pausen stattgefunden. Informationen tauscht er per Mail aus, die er über einen Sprachcomputer erstellt.

Wissenschaftler fordern Ausbau der Forschung

Gerade haben mehr als 60 international führende Wissenschaftler und Mediziner eine neue Deklaration unterzeichnet. Sie fordern ein global koordiniertes Vorgehen bei der Erforschung und Entwicklung von Medikamenten für ME/CFS und Long Covid.

Die Deklaration weist auf die wachsende Gesundheitskrise hin, die durch ME/CFS und Long COVID entsteht, und unterstreicht die dringende Notwendigkeit, die biomedizinische Forschung und Arzneimittelentwicklung weltweit voranzutreiben.

Die Unterzeichnenden fordern, Anreize für die aktive Beteiligung von Pharma- und Biotechnologieunternehmen zu schaffen, damit diese in die Forschung und Arzneimittelentwicklung investieren.

Quelle: „ME/CFS Research Foundation“

Über sein Leiden hat er einen Song geschrieben. „Geblendet von Licht, umhüllt von keinem Ton im abgedunkelten Raum, bin ich schon mit Augenmaske und Gehörschutz ganz allein“, heißt es in dem Song, den er mithilfe von künstlicher Intelligenz vertonen ließ. „Ich bin 51 Jahre jung, nie hätte ich mir vorgestellt, so im Schmerz zu schweben“, heißt es in seinem Song weiter. Es gebe keinen Rettungsanker. „Kein Sonnenstrahl, kein Laut, keine Wahl.“

Er fühle sich oft wie lebendig begraben, sagt er. Und so möchte er nicht weiterleben. Doch am Ende hatte der 51-Jährige eine Wahl. Und diese Chance ergriff er.

Interviewanfragen und Wunderheilung abgelehnt

Marc Kirch hat sich für den Weg in den assistierten Suizid entschieden. Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2020 gibt es diese Möglichkeit auch in Deutschland. Dafür ist er in die „Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben“ eingetreten, die ihren Mitgliedern professionelle und rechtssichere ärztliche Suizidassistenz anbietet. Der Bernauer legte Gutachten vor und führte die vorgeschriebenen Gespräche mit einem Juristen und einem Arzt, die seinen Suizid begleiten werden. Sie gaben grünes Licht. Nun steht der Termin fest.

Seine Freunde bat der 51-Jährige um Verständnis, dass er sich jetzt zurückziehen werde. Nach dem Bericht auf diesem Nachrichtenportal und in der Märkischen Oderzeitung meldete sich ein Wunderheiler bei ihm. „Er wollte mich mit kosmischen Strahlen behandeln. Ich habe dankend abgelehnt“, berichtet Kirch. Er bekam weitere Interviewanfragen. Auch diese lehnte er ab. „Ich möchte die restliche verbleibende Zeit ohne weitere Verpflichtungen verbringen, genießen und mich innerlich auf das vorbereiten, was kommt.“ Er habe auch Sorge, dass ihm sonst die körperliche Kraft fehle, seinen Suizid selbst durchzuführen.

Denn der begleitete Freitod ist in Deutschland nur möglich, wenn der Patient selbst die Infusion aufdreht, mit dem ihm das entsprechende Mittel verabreicht wird.

Bestatterin stellt ihre Räume für den begleiteten Suizid zur Verfügung

Inzwischen hat der 51-Jährige auch das letzte Hindernis überwunden: geeignete Räumlichkeiten für den begleiteten Suizid zu finden. In der Bernauer Pflege-Wohngruppe, in der er derzeit lebt, untersagte man ihm, diesen Weg vor Ort zu gehen. Marc Kirch machte sich auf die Suche nach anderen Möglichkeiten. Er habe viele geprüft. Von fast allen sei sein Wunsch abgelehnt worden, berichtet er.

Hilfe fand er schließlich in Gestalt von Helena Giuffrida. Die gebürtige Italienerin betreibt in Berlin das Bestattungshaus Magnolia. Dorthin wird Marc Kirch an seinem Todestag mit einem Krankentransport gebracht. Der assistierte Suizid kann dann in den Räumlichkeiten des Bestattungshauses stattfinden.

Für die Berliner Bestatterin ist das Neuland. „Aber ich finde es gut, dass es endlich die Möglichkeit des assistierten Suizids gibt und möchte das deshalb unterstützen“, erklärt sie, warum sie sofort bereit war, ihre Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Mit vor Ort werden dann unter anderem der Arzt und der Jurist sein.

ME/CFS: Ursachen der Krankheit nicht geklärt

Die Entscheidung für das selbstbestimmte Lebensende fällt dem 51-Jährigen nicht leicht. Gern hätte er sich noch weiter für sein großes Ziel eingesetzt, mehr Anerkennung für die Krankheit zu erreichen, die von vielen Menschen immer noch als psychische Erkrankung abgetan werde, als „Psychomacke“, wie Marc Kirch sagt.

Die Forschung steckt in den Kinderschuhen. Was die Krankheit auslöst und warum die Zahl der Erkrankten steigt, ist immer noch nicht vollständig geklärt. Es gibt keine allgemein verfügbare Therapie. In Bezug auf die Menge der wissenschaftlichen Veröffentlichungen im Vergleich beispielsweise zur Multiplen Sklerose sei die Forschung zu ME/CFS etwa 40 Jahre im Rückstand, heißt es von der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS. Marc Kirch weiß, dass er nicht auf einen Forschungsdurchbruch zu hoffen braucht. „Für mich wird der Tod eine Erlösung sein“, sagt er.

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