Stadterweiterung
: Bürgerstadt Buch gefällt nicht jedem

Die Idee riesiger neuer Wohngebiete am Rand des Niederbarnims zu Berlin erregt die Gemüter.
Von
Andrea Linne
Panketal
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  • Viel Zeit nötig: Schon jetzt gibt es täglich Stau auf der Hobrechtfelder Chaussee aus Richtung Französisch Buchholz und Berlin.

    Viel Zeit nötig: Schon jetzt gibt es täglich Stau auf der Hobrechtfelder Chaussee aus Richtung Französisch Buchholz und Berlin.

    Sergej Scheibe
  • Ehrgeizige Pläne: Das Gelände zwischen Hobrechtsfelder Chaussee und den Karower Teichen bis zur Schönerlinder Straße und der A 114 soll zur "sozial gerechten" Bürgerstadt entwickelt werden.

    Ehrgeizige Pläne: Das Gelände zwischen Hobrechtsfelder Chaussee und den Karower Teichen bis zur Schönerlinder Straße und der A 114 soll zur "sozial gerechten" Bürgerstadt entwickelt werden.

    Sergej Scheibe
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Als sich Winfried Hamann und Julia Tophof von der Projektgruppe vor wenigen Wochen vor die Presse stellten und ihre Ideen von der Bürgerstadt Buch präsentierten, ging ein Aufschrei durch Berlin und die angrenzenden Landkreise im Norden. Es gebe genug Flächen, beschrieben die Planer, die Infrastruktur sei vorhanden, um 100 000 Einwohner anzusiedeln und 40 000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Auf den früheren Rieselfeldern, so die Architekten und Soziologen, sei eine klimaneutrale Entwicklung möglich. Wo heute Wälder und Büsche wachsen, könnte eine neue Stadt entstehen, die Bürgerstadt Buch.

Areal ist gut erschlossen

Nicht nur der Vorsitzende des Fachausschusses Soziale Stadt der Berliner SPD, Volker Härtig, sprach dem Ganzen zu. Bis 2030 wachse Berlin über die vier Millionen Einwohner hinaus. Mit einer neuen Stadt an der Stadt sei dem Problem vielleicht beizukommen. Grüne und Linke als Koalitionspartner der Berliner Regierung lehnten glattweg ab.

Doch die Projektgruppe beharrte: Mit der A 114, Straßenbahnen und zwei S–Bahnen, der S2 und S8, sei das Areal zwischen Buch und Französisch–Buchholz sehr gut erschlossen. Genossenschaften, Initiativen und Wohngesellschaften müssten nur ins Boot geholt werden. 16 Quartiere über neun Baufelder hatte die Gruppe ausgemacht. „Es herrschen beste Voraussetzungen“, so Julia Tophof. Mit Radwegen und Carsharing könne auch dem experimentellen Wohnungsbau Tür und Tor geöffnet werden. Die Bürgerstadt des 21. Jahrhunderts, so die Grundidee, müsse wirtschaftlich machbar und sozial gerecht“ sein. Das Gelände zwischen Hobrechtsfelder Chaussee und Karower Teichen hin zur Schönerlinder Straße und A 114 sei zu entwickeln.

Auch in der Gemeinde Panketal, in der bereits ziemlich argwöhnisch auf den Blankenburger Süden mit geplanten 20 000 Einwohnern geschaut wird, stößt die Idee nicht auf große Begeisterung. Aus Sicht des Bahnkundenverbands, dessen Vizelandesvorsitzender Hans–Joachim Bona in der Kommune lebt, sei schon der Blankenburger Süden überdimensioniert. Bisher sei die Infrastruktur mit den steigenden Bevölkerungszahlen nicht genügend mitgewachsen, vorgelegte Verkehrskonzepte nicht beachtet worden. So fehle beispielsweise die Verlängerung der Straßenbahnlinie M2 nach Blankenburg noch immer. Die Verdichtung der S2 sei auf die Zeit nach dem Jahr 2030 verschoben worden. Egal, was nun im brandenburgischen Landtagswahlkampf behauptet werde, eine vorzeitige Verdichtung werde es wohl kaum geben, sagen auch andere Panketaler Kommunalpolitiker.

Für den Pankower Bürgermeister Sören Benn (Linke) sei die Idee von einem „13. Bezirk“ auf keinen Fall der „Befreiungsschlag für das Berliner Mietenproblem“. 7,5 Quadratkilometer Fläche seien mitnichten in Vergessenheit geraten, sondern bewusst der Natur zugeführt worden. „Menschen in Bezirks– und Landespolitik, beim Senat und in unserer Verwaltung reiben sich verdutzt die Augen und können kaum glauben, dass hier eine Projektidee medial mit großen Aplomb ,gehyped‘ wird, ohne jeglichen Faktencheck“, wirft er der Projektgruppe vor. Ein Teil der Flächen befinde sich im Rahmenplan Buch–Süd in der Planung. Forstflächen und Bereiche des Landschafts– und Naturschutzes seien unantastbar. Die Gewerbegebiete zwischen A 10 und A 114 seien zudem im Flächennutzungsplan verwurzelt. Nur 137 Hektar von insgesamt von der Bürgerstadt Buch gekennzeichneten 769 Hektar Fläche seien überhaupt entwickelbar. „Die Aussage, dass sich 70 Prozent der Fläche im Landeseigentum von Berlin befänden, können wir überhaupt nicht nachvollziehen, und dass die Region verkehrstechnisch gut erschlossen sein soll, ist absurd“, sagt Sören Benn.

Details zum Projekt gibt es unter der Adresse www.buergerstadt.de