30 Jahre Deutsche Einheit: „Deutschland einig Vaterland“? im Brandenburger Dom gefeiert
Trugen bisher vor allem hochkarätige Festredner, deren Ausführungen einen Einblick in die Hintergründe der Wiedervereinigung gaben, dazu bei, dass der Dom Jahr für Jahr von vielen Brandenburgern und Gästen besucht wurde, sorgte in diesem Jahr Alwin Ziel für Zulauf. Ihn konnte der Rotary Club für einen Festvortrag gewinnen.
Der Lehrer, Jurist und Sozialdemokrat trat 1989 in die SDP ein. 1990 ernannte ihn Lothar de Maizière zum parlamentarischen Staatssekretär im Ministerium für Arbeit und Soziales. Nach der deutschen Einheit setzte Alwin Ziel seine politische Karriere fort. Im Oktober 1990 zog er in den Brandenburger Landtag ein und übernahm das Amt des Innenministers. Fast zehn Jahre später, im Oktober 1999, wechselte er seinen Geschäftsbereich und wurde bis 2002 Minister für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen. In seiner Rede ging er deshalb auf die Ereignisse von damals ein und schilderte die unterschiedlichen Ansichten der Verhandlungsparteien. „Damals haben wir unsere Autos noch weitab vom Veranstaltungsort abgestellt, weil wir nicht wollten, dass die Stasi dahinterkommt. Das war, wie ich heute weiß, völlig vergebens — die Stasi wusste ganz genau, wer sich wo traf“, erzählte der ehemalige Innenminister, der sich damals zudem stark für eine Anerkennung der DDR–Berufsabschlüsse einsetzte: Dass ein Jurist neue Prüfungen ablegen muss, war klar. Aber eine Krankenschwester oder ein Ingenieur?“
Wie Ziel betonte auch Oberbürgermeister Steffen Scheller, dass der Prozess der Einheit, trotz Erfolgsmeldungen, alle immer wieder vor große Herausforderungen stellt; obwohl die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands von 43 Prozent im Jahr 1990 auf 75 Prozent des westdeutschen Niveaus im Jahr 2018 gestiegen ist und die Arbeitslosenquote im August 2019 bei 6,5 Prozent lag. Im Jahr 2005 waren das noch 18,7 Prozent.
Dagegen sind nur vier Prozent der Führungskräfte in Deutschland in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Unter den 100 größten deutschen Firmen gibt es nur zwei Vorstandschefs aus dem Osten. Eine Null–Nummer bei der Wissenschaft. Kein einziger Rektor oder Präsident der 81 öffentlich–rechtlichen Hochschulen in Deutschland stammt laut Centrum für Hochschulentwicklung zudem aus dem Osten. Die Hochschulen in Ostdeutschland mit eingeschlossen.
Der Osten holt also wirtschaftlich auf. Steigendes Einkommen oder höhere Renten alleine jedoch sind kein Allheilmittel. Es geht vielmehr darum, bei Ost und West insgesamt eine gerechte Behandlung zu erreichen. Kein Wunder also, dass oftmals auch Klischees geblieben sind und die ostdeutsche Identität nicht verschwunden, sondern eher stärker geworden ist.
Für viele, die dachten– „Ostdeutschland werde sich schon anpassen“, bedeutet das einen Lernprozess. Bei der Vorstellung des Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit stellte der Ostbeauftragte der Regierung Christian Hirte fest: „Angesichts einschneidender Umbrüche mit negativen Erfahrungen seit der Wende seien viele Menschen im Osten „veränderungsmüde“.
Und so wundert es nicht, dass laut einer Umfrage der Bundesregierung nur noch 38 Prozent die Wiedervereinigung für gelungen halten. Bei den unter 40–Jährigen, denjenigen die die DDR nur als Kinder oder gar nicht mehr kannten, sind das sogar nur 20 Prozent. Besonders gravierend kommt jedoch hinzu: Fast die Hälfte der Befrragten ist mit der Funktionsweise der Demokratie unzufrieden.

