Seit 2008 befindet sich im ehemaligen Paulikloster in der Neustädtischen Heidestraße 28 das Archäologische Landesmuseum Brandenburg und bewahrt mit etwa 10.000 Exponaten einen bedeutenden Schatz der kulturhistorischen Geschichte des Landes Brandenburg. Ein Jahr lang lüften besondere Exponate in dieser Serie ihr Geheimnis, wollen mitnehmen auf eine Zeitreise und auch einladen, das Landesmuseum in der Stadt Brandenburg zu besuchen.

 Im Jahr 1974 barg man im Zuge von Baggerarbeiten bei Wagenitz im Havelland ein mit Verzierungen bedecktes Geweihbruchstück. Während die Arbeiten weitergeführt wurden, geriet der Fund zunächst in Vergessenheit. Erst nach mehreren Monaten übergab man ihn an das damalige Museum für Ur- und Frühgeschichte in Potsdam.
Die Experten erkannten sofort die Bedeutung des Stückes: Es handelte sich um das Fragment eines reich verzierten, gebrochenen Lochstabes aus Rothirschgeweih. Ein seltener, wenn auch mehrfach in Brandenburg belegter Fundgegenstand. Zeitlich gehört das 27 Zentimeter lange und etwa sechs Zentimeter breite Artefakt in die Mittlere Steinzeit (9000 bis etwa 5000 vor Christus).

Geweihstange gelocht und gemustert

Der gut erhaltene Lochstab wurde aus dem mittleren Abschnitt einer linken Geweihstange gefertigt. Abzweigende Sprossen und die so genannte Geweihrose hatte man abgetrennt und die gesamte Geweihoberfläche sorgfältig bearbeitet und geglättet. Namensgebend ist die oval-runde Durchlochung des Stücks, die durch Einschnitte erzielt wurde.
Neun eingeritzte Zickzack-Linien bedecken die Staboberfläche. Auch wenn das Muster auf den ersten Blick einheitlich wirkt, so sind die Linien teilweise unterschiedlich ausgeführt und nur bedingt symmetrisch. Man erkennt Linien, die rechtwinklig aneinander stoßen ebenso wie Zickzacklinien, die von angesetzten Kerben gesäumt werden. Auch ein Muster, das nur aus einigen Kerbschnitten besteht, gehört zum Dekor. Das Anbringen der Verzierung erfolgte mit scharfen Werkzeugen aus Feuerstein.

Geweihe wurden schon in der Altsteinzeit durchboht

Das tief eingekerbte Muster war möglicherweise mit einer harzigen Masse ausgefüllt, wie es von anderen Lochstäben aus Norddeutschland und Südskandinavien überliefert ist. Das Hervorheben der Gravuren mit einer Harz- oder Graphitmasse sollte das Dekor sicher betonen.
Derartige Lochstäbe fertigten nicht nur die mesolithischen Jäger, Sammler und Fischer. Bereits bei den Rentierjägern der jüngeren Altsteinzeit waren durchbohrte Geweihgeräte bekannt.

Die einstige Funktion?

Die einstige Funktion dieser Artefakte ist nicht endgültig geklärt. Dementsprechend zahlreich und unterschiedlich sind die Deutungen – sie reichen von Kultstab oder Zepter bis zum profanen Zelthering. Besonders aufschlussreich sind ethnologische Beobachtungen bei indianischen Ureinwohnern und den Inuit Nordamerikas. Hier werden ähnliche Geräte zum Geradebiegen von Pfeilschäften und Geschossspitzen verwendet. Ein ähnlicher Einsatz wäre für die Lochstäbe der europäischen Steinzeit denkbar, auch wenn andere Funktionen nicht ausgeschlossen werden können und sollen.