Die Wiederkehr von Friedrich de la Motte Fouqués Geburtstag am  12. Februar ist ein guter Grund, sich wieder einmal mit dem Dichter zu befassen. Nach der von Arno Schmidt verfassten beinah 800 Seiten starken Fouqué-Biographie und inzwischen zahllosen auf sie aufbauende, sie in Teilen auch widerlegende oder ergänzende Veröffentlichungen fragt man sich allerdings schon, ob es überhaupt noch „weiße Flecke“ im Leben des 1777 auf der Brandenburger Dominsel Geborenen geben kann.

Authentische Einblicke in Fouqués Leben

Doch die gibt es und gar nicht zu knapp. Bis heute existiert keine vollständige Werkausgabe. Bis heute tauchen immer wieder unbekannte oder vergessene Texte des streng königstreuen Romantikers auf. Andere, von denen wir wissen, gelten als verschollen. Am interessantesten aber sind wohl stets neue Brieffunde oder deren Erstveröffentlichungen. Gewähren sie doch den authentischsten Einblick in Fouqués Leben. Und das kann durchaus überraschend sein. Das beweist auch ein nicht weniger als „flammender Liebesbrief“ zu bezeichnendes Schreiben vom 22. Januar 1833, in dem Fouqué ungewohnt offen sein Herz ausschüttet.

Liebesgeständnis an den Preußenkönig

Doch nicht etwa an seine Angebetete sondern an den preußischen Kronprinz, den späteren König Wilhelm IV., ist der Brief gerichtet. Es setzt schon ein sehr inniges Vertrauensverhältnis voraus, wenn der knapp 55jährige ihm vom „wundersamen Eindruck auf (sein) nicht veraltetes Dichterherz“ schreibt, den „die ehemalige Gesellschafterin (seiner) Tochter ((Anmkg. : gemeint ist hier Marie, seine Tochter aus der Ehe mit seiner 1831 verstorbenen zweiten Frau, Caroline von Rochow, geb. von Briest)), Fräulein Albertine Tode“ schon „im vorigen Frühling“ auf ihn gemacht hätte.

Dichter auf Freiersfüßen

Beim Lesen des 2011 im letzten Jahrbuch der Fouqué-Gesellschaft erstmals vollständig abgedruckten Briefes hört man die den Dichter auf Freiersfüßen tragenden Schmetterlingsflügel der Liebe förmlich flattern! Fast möchte man den Tanz der Hormone, die den gerade erst verwitweten und das Trauerjahr kaum abwartenden Fouqué hier trieb, dem zuschreiben was man heute als handfeste „midlife crisis“ bezeichnet. Ausführlich schreibt er von der „überaus anmuthigen Blüthe“, ja weckt die erotischen Phantasien seines Briefempfängers.

Hoffnung auf die Liebe einer jungen Frau

Geziert hätte sich Fouqué „denn sie zählt erst Drei und Zwanzig Jahr“. Nachgerade „schräg“ aber wird es, wo er schwärmerisch plaudert: „unser Umgang gestaltete sich um so unbefangener, bis ich mir endlich bei dem gemeinschaftlichen Lesen meiner und fremder DichterWerke gestehen durfte und mußte, die zartjugendliche Schönheit erwiedre das Gefühl des greisenden Troubadours“! - Sich wie der Kronprinz eine Mätresse zu nehmen, Diskretion vorausgesetzt, tolerierte die gute Gesellschaft damals durchaus.

Gegen gesellschaftliche Konventionen

Sich so offen zu seiner Liebe und zudem einer fast zwanzig Jahre jüngeren und aus niederem Stande zu bekennen, das ging gar nicht. „Von nah und fern herüber“ schreibt Fouqué verständnislos, „vernahm ich mit Entsetzen, man rede auf´s Unwürdigste über meine Dame.“ Mehr oder weniger öffentlich wurde Albertine unterstellt, Fouqué nur zum Schein schöne Augen zu machen, um sich den Titel einer Baroness und damit den Zugang zur besseren Gesellschaft zu erschleichen. Albertines wahre Beweggründe sind bis heute unklar, ihr Liebhaber jedenfalls hielt in ritterlicher Treue zu ihr.

Verlobung wider besseren Wissens

Das muss den Zeit seines Lebens begeisterten Anhänger fouquéscher Ritterromane und späteren „Romantiker auf dem Thron“ beeindruckt haben. Zum Beweis seiner unerschütterlichen Liebe hatte sich Fouqué zudem am 15. Januar 1833 in „Droyssig bei Zeitz im Hause des KammerRaths Döring, wo Fräulein Albertine Tode (seinerzeit) als Erzieherin lebt(e)“ bereits verlobt. Was nichts anderes als ein eindeutiges Eheversprechen war.

Verständnis durch den preußischen König

Kein Wunder, dass seine mit Albertine fast gleichaltrige Tochter Marie und die übrigen Verwandten aus Nennhausen ihn für „toll“ oder doch nicht mehr ganz zurechnungsfähig hielten und, nachdem er so gar nicht wieder zur Vernunft kommen wollte, mit ihm brachen. Der Kronprinz hingegen verstand ihn und offenbar auch Fouqués eigentlichen Wunsch. Der Dichter wollte nicht weniger als durch die Hilfe des Kronprinzen finanziell unabhängig werden, weil sein schriftstellerisches Werk kaum mehr genug abwarf, um mit seiner jungen Liebe tatsächlich einen eigen Hausstaat gründen zu können.

Neue Ehe durch Gönner ermöglicht

Friedrich Wilhelm sorgte dafür, dass Fouqué zunächst einmal fernab der vorgeblichen Missgunst der Verwandten für seinen König und das Vaterland in Halle seinen „getreuen Dienst, mit Feder oder Schwerdt“ leisten konnte.  Ein jährliches Salär, Einkünfte aus Privatvorlesungen, gelegentlich auch von seinen Veröffentlichungen und später manch zusätzliche Aufmerksamkeit seines Gönners ermöglichten die neue Ehe. Noch im Sommer 1833 besiegelten Fouqué und Albertine in Berlin den Bund der Ehe, ehe sie ihren gemeinsamen Haushalt in Halle begründeten.

Intime Einblicke in das Familienleben

Den Kronprinzen aber versorgt Fouqué auch weiterhin mit durchaus intimen Familiennachrichten. So konnte der im Brief vom 22. November 1834 sogar lesen: „Am 22stn Oktober ward meine Frau von einem todten Töchterlein entbunden, um fast Vier Monde zu früh, unter herzzerreissenden Leiden … .“  Fouqué plaudert auch später noch in einer fast schon naiv wirkenden und durchaus an Spitzelberichte erinnernden Ausführlichkeit über die Verhältnisse in Halle. „Mich des mir gewordnen ehrenvollen Auftrages entledigend“, schrieb er unterwürfig am 21. August 1837, „wage ich noch, ein Werklein Von der LiebesLehre, durch mich aufgeschrieben, für´s nächste ehrerbietigst anzumelden.“ 

Von der Gattin „gehörnt“

So verheißungsvoll der Titel auch klingt, das schmale Heftchen erwies sich als verlegerischer Flop. Neben den Verschenkten wurden nur 45 verkauft!
Erst im Sommer 1841 ermöglichte dann eine vom nunmehrigen König Wilhelm IV. Fouqué huldvoll gewährte Pension in Höhe von jährlich 300 Talern der Familie den Umzug nach Berlin. Da hatte der Dichter sich seinem Schicksal längst ergeben. Er verstarb 1843 resigniert und dürfte sich auch des von seiner Gattin längst „gehörnt“ seins ziemlich bewusst gewesen sein.