Fast 750 Mädchen und Jungen werden seit nunmehr vier Wochen als Abc-Schützen in den hiesigen Bildungsstätten unterrichtet. Eltern, Großeltern sowie Verwandte und Bekannte hatten zuvor dafür gesorgt, dass die Kleinen den ersten Schulgang mit einer bunten Tüte antreten konnten. Oftmals kamen noch einige in Miniaturformat hinzu, ebenso diverse Geschenke, bis hin zu ansehnlichen Geldbeträgen. Der offiziellen Zeremonie folgte zumeist eine Familienfeier.

Rückblick ins Jahr 1946

Das alles sah vor 75 Jahren, nur 16 Monate nach Kriegsende, völlig anders aus. Wenn überhaupt, gestaltete sich dieser Start in den neuen Lebensabschnitt äußerst bescheiden. So zum Beispiel fanden sich in der Klasse 1b der Rolandschule (heute Curie-Schule / Große Münzenstraße 14) am 2. September 1946 mehr als 60 (!) Jungen ein. Jeweils drei mussten sich deshalb auf eine Bank zwängen. Die allermeisten Kinder litten Hunger, waren unterernährt; ihre Kleidung sprach Bände. Glücklich konnten sich da jene schätzen, die zumindest ein Paar Schuhe – wenn auch geflickt – trugen. Etliche der Abc-Schützen waren älter als eigentlich üblich. Sie gehörten den aus den deutschen Ostgebieten vertriebenen Flüchtlingsfamilien an.

Ein Anzug aus Restbeständen der Wehrmacht

Dagegen ging es mir 1946 richtig gut! Meiner Mutter war es sogar gelungen, aus Restbeständen der Wehrmacht ein Stück Stoff aufzutreiben, damit Schneidermeisterin Erbstößer in der Jacobstraße daraus einen schicken Anzug für mich fertigte. Weitaus problematischer gestaltete sich das Beschaffen einer Schulmappe. Indes lag die damals unverzichtbare kleine Umhängetasche für das Pausenbrot (sofern vorhanden) schon länger parat, sie stammte von meiner Magdeburger Cousine. Der Zufall half uns in Sachen Schiefertafel – notwendig, um das Schreiben zu lernen. Wir hatten sie von der Familie Mannewitz in „unserer“ Kurstraße erworben. Der Preis – e i n ganzes Brot! Da musste der Gürtel vorübergehend noch enger geschnallt werden...

Die Einschulungsfeier

Aber zumindest war nun alles komplett, als es in Begleitung meiner Mutti und des Bruders zur Einschulungsfeier ging. Im Hof der Bildungsstätte erfreuten Kinder einer oberen Klasse mit dem Märchenspiel „Der Wolf und die sieben Geißlein". Von der Schulleitung vorbereitet, bekamen wir sogar einige Bonbons und Kekse. Da leuchteten die Augen! Nach Begrüßungsworten des Direktors namens Hecht ging es erwartungsvoll in unser Klassenzimmer, das sich im Erdgeschoss zur Hofseite hin befand. Als der erste Schulgang absolviert war, gab es von meiner Mutter eine kleine, bedingtermaßen teilweise mit Papier ausgestopfte Schultüte.

Und das war in der Schultüte

Ihr Inhalt: einige nach Notrezepten gebackene Plätzchen, etwas Fondant (eine gefärbte Zuckermasse) sowie mehrere Äpfel. Ich freute mich riesig. Dazu trug auch meine Großmutter bei, hatte sie doch ihre bunte Tüte mit zwei, drei Tomaten, Pflaumen und Printen – diese noch aus der Honigkuchen-Fabrik König (Wredowstraße) – bestückt. Hinzu kamen fünf Reichsmark. Und von Haus-Mitbewohnerin Szczeponik gab es eine mit Schmalz bestrichene Stulle! Die schmeckt mir noch heute...