Havelland-Klinik Nauen: ABS-Team überwacht Antibiotika-Einsatz im Krankenhaus

Das ABS-Team Martina Dollmann, Matthias Ingenlath und Johanna Buro (v.li.) in der Apotheke der Havelland-Klinik in Nauen. Hier lagern auch die Antibiotika.
Silvia PassowIn Ländern, in denen Infektionen nicht mit Antibiotika behandelt werden können, sind diese oft Todesursache Nummer eins. Wo sie zu reichlich, zu ungenau und zu wenig spezifizisch zum Einsatz kommen, führen sie zu unerwünschten Nebenwirkungen und schlimmer zu sogenannten Resistenzen. Das heißt, das Antibiotikum wirkt nicht mehr, das Bakterium hat sich angepasst.
Als Alexander Fleming 1928 durch einen Zufall die Wirkung des Penicillins entdeckte, hat er damit eine Waffe gegen vielerlei Krankheiten gefunden, die bis dahin wie ein Todesurteil über den Betroffenen schwebten. Die Einführung der Antibiotika, zu denen auch das Penicillin gehört, zählt zu den bedeutendsten Fortschritten in der Medizin des 20. Jahrhunderts. Bis dahin verliefen Lungenentzündung und Wundinfektionen oft tödlich.
Doch das Schwert, das erfolgreich gegen allerhand Krankheiten eingesetzt wurde, droht stumpf zu werden. Um die Jahrtausendwende zeigten sich erste Anzeichen für die Resistenzbildung von Bakterien. Deren Lebensphasen sind kurz, ihre Fähigkeit sich an äußerliche Umstände anzupassen und dieses Wissen an die folgenden Generationen weiterzureichen, viel höher, als es Menschen gegeben sein könnte. In der Folge verringert sich die Wirksamkeit der Antibiotika, zuweilen bis zur absoluten Wirkungslosigkeit. Als Gründe hierfür gelten Sorglosigkeit bei der Antibiotikagabe in der Humanmedizin, der Einsatz in der Tiermast und Medikamentenrückstände im Wasser. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht im Zusammenhang mit Antibiotikaresistenzen von „alarmierenden Ausmaßen“.
In den Havelland-Kliniken ist man seit 2015 aktiv am Thema, das ABS-Team wurde vor rund einem Jahr gegründet und stellten nun die Inhalte ihrer Arbeit vor. Während Apothekerin Buro nahezu ihre ganze Arbeitszeit auf das Projekt verwenden kann, haben Dollmann und Ingenlath jeder einen Arbeitstag pro Woche, um sich der Aufgabe anzunehmen.
Sie haben sich speziellen Schulungen unterzogen und geben jetzt als Experten Fortbildungen. An den Standorten in Nauen und Rathenow gehen die Drei einmal wöchentlich zur Visite. Dabei werden alle Patienten der Kliniken begutachtet, die mit Antibiotika behandelt werden. „Gemeinsam mit den behandelnden Ärzten sehen wir uns die Befunde der Patienten an“, erklärt Dollmann. Außerhalb dieser Visitentage sind die beiden Ärzte für Fragen durch ihre Kollegen erreichbar. Das Team hat sich Leitlinien erarbeitet und wird durch Mikrobiologen und Hygienefachkräfte unterstützt. Ziel ist eine individuell an den Menschen angepasste Antibiotikagabe.
Wird ein Patient mit einer Infektion im Krankenhaus aufgenommen, greifen die Leitfäden. Sie geben vor, ob und welches Antibiotikum eingesetzt wird. 48 Stunden braucht es, bis Gewissheit herrscht und im Labor bestimmt wurde, welches Bakterium vorliegt. Dann wird mit einem speziellen Antibiotikum behandelt. Hier wird darauf geachtet, dass die Therapie nicht unnötig länger angewendet wird, als es sein muss. „Die alte Regel, unbedingt alle Tabletten aus der Packung einzunehmen, gilt so nicht mehr“, sagt Ingenlath.
Eine weitere Kontrolle gibt es in den Havelland-Kliniken bei der Bestellung der Medikamente für die Stationen. Die meisten Medikamente werden mittels Computer geordert. Der Arzt muss freischalten und schon landet der Bedarf der Station in der Klinikapotheke. Bei den Antibiotika sei mehr Aufwand nötig, sie werden gesondert bestellt, erläutert Buro.
Solche Maßnahmen führen durchaus zum Erfolg. So sind zum Beispiel die Fälle von Patienten, die einen Methicillin Resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) mit sich trugen, in den vergangenen Jahren gesunken. So waren dem Land Brandenburg im Jahr 2017 noch 102 Fälle bekannt, 2018 waren es 71 Fälle und 2019 nur noch 63. Bei den Zahlen ist zu beachten, dass sie nicht alle Infizierten widerspiegeln, dennoch zeigen sie, dass die Rate, wie bundesweit auch, sinkt.
Was Dollmann und ihr Team noch zu schaffen macht, sind die Nebenwirkungen der Antibiotika-Therapien. Eine davon sind Clostridien-difficile-Infektionen. Kommt ein Antibiotikum zum Einsatz, kann es zu Kollateralschäden kommen, auch „gute“ Bakterien im Darm müssen dran glauben. „Es gibt viel mehr von diesen guten Bakterien als Schlechte“, bricht Dollmann eine Lanze für die Winzlinge. „Ungefähr 1,5 Kilogramm Bakterien hat jeder Mensch im Darm“, fügt sie hinzu. Wässrige, schleimige Durchfälle können durch eine Clostridien-Infektion ausgelöst werden und gerade älteren und bereits anderweitig schwer erkrankten Menschen sehr zusetzen. Deshalb ist es gerade für diese Betagten und oft auch mehrfach erkrankten Menschen wichtig, dass „ihr“ Antibiotikum auch wirklich zu ihnen passt.
Was Dollmann noch sehr wichtig ist: Wer im Ausland war und erkrankt, sollte von diesem Aufenthalt dem Arzt erzählen. 34 Prozent der Globetrotter bringen aus dem Urlaub Darmbakterien mit, die bestimmte Antibiotika wirkungslos machen können. Der Effekt müsse nicht immer mit einer Erkrankung einhergehen, könne aber bis zu einem Jahr anhalten, sagt sie. „Je mehr Antibiotika in einem Land verschrieben werden, umso mehr Resistenzen treten dort auf“, sagt Martina Dollmann.