Landwirtschaft
: Havelländer retten Rehkitze mit Drohne

Marina Stolle, Frank Neumann und Jochen Aderhold (v.li) sind die drei Engel für Rehkitze. Mit Hilfe einer Drohne finden sie die jungen Rehe in den Feldern, bevor der Bauer mit dem Mähwerk kommt.
Von
Silvia Passow
Dallgow-Döberitz/OT Seeburg
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Marina Stolle, Frank Neumann und Jochen Aderhold (v.li) sind die drei Engel für Rehkitze. Mit Hilfe einer Drohne finden sie die jungen Rehe in den Feldern, bevor der Bauer mit dem Mähwerk kommt.

Silvia Passow

Nur so lange der Boden kühl ist, liefert die Wärmebildkamera ihrer Drohne verlässliche Bilder. Mithilfe dieser Technik finden sie die katzengroßen Rehkitze in den Wiesen. Neumann und Stolle leben in Seeburg, einem Ortsteil von Dallgow–Döberitz, zwischen Berlin und Potsdam. Nicht weit entfernt, in Wustermark, lebt Jäger Jochen Aderhold, der das Paar bei der Mission „Rehkitzrettung in Brandenburg“ unterstützt.

Dass diese Rettung dringend notwendig ist, zeigen die Zahlen. Etwa 90.000 Rehkitze sterben jährlich unter den Mähwerken der Landwirte, schätzt die „Rehkitzrettung Osnabrücker Land“. Bei den Niedersachsen haben Neumann und Stolle viel über die Rehkitzrettung mittels Drohne gelernt, erzähltNeumann.

Eine vernachlässigte Pflicht

Die Rehkitz–Mutter, im Jägerlatein Ricke genannt, legt ihren Nachwuchs gern im hohen Gras ab. Hier machen sich die Kleinen noch kleiner, ducken sich, denn ihnen wurde mit dem Instinkt in die Wiege gelegt, klein machen und nicht bewegen, damit man nicht als Raubtierfutter endet. Dieser Instinkt reicht so weit, dass sich die Rehkitze auch bei nahender Gefahr nicht rühren.Der fehlende Fluchtimpuls wird zum Verhängnis, wenn der Mähdrescher naht. Oft werden die Beine vom Körper des Kitz getrennt und sie sterben qualvoll im Gras.

Eigentlich sind die Landwirte verpflichtet, vor der beabsichtigten Mahd den zuständigen Jäger zu informieren. Dieser muss dann die Wiese absuchen und Rehkitze sichern. Sie werden aus dem Gefahrengebiet getragen oder der Landwirt mäht um das Kitz herum, lässt also etwas Gras stehen. Ob es nun die Landwirte sind, die ihre Absicht die Wiese zu mähen nicht weitergeben oder die Jäger, die ihrer Pflicht nicht nachkommen, lässt sich nur im Einzelfall sagen, erklärt Jäger Aderhold. Er sagt, er kenne durchaus Jäger, die würden dieser Aufgabe nicht nachkommen.

Das Ablaufen einer Wiese ein aufwendiges Unterfangen, das wissen Neumann und Stolle, sie haben selbst so angefangen. Mit der Drohne geht es schneller und effektiver. Sie bieten ihre Dienste den Landwirten in Brandenburg kostenlos an.

Es war Marina Stolle, die den Stein ins Rollen brachte. Vor ungefähr sechs Jahren wurde sie durch einen Radiobericht auf das Problem aufmerksam. Die Außendienstmitarbeiterin eines medizinischen Unternehmens verbringt viel Zeit im Auto und auf Landstraßen. Fortan hatte sie ein Auge auf die Wiesen und brauchte nicht lange, um ein Reh auf einer abgemähten Wiese zu entdecken. Sie hielt an und konnte sich dem Reh nähern, bevor es sein Heil in der Flucht suchte. Stolle ging zu der Stelle, an der das Reh gestanden hatte und fand ein schrecklich zugerichtetes Rehkitz. Von dem Moment an wusste sie, hier musste was geschehen. „Wenn ich mir mal etwas vorgenommen habe, dann mache ich das auch“, sagt sie.

Zunächst, erzählt Stolle, informierte sie sich über Rehe und ihr Verhalten, suchte Jäger auf, um bei ihnen zu lernen. Dann nahmen sie und Frank Neumann Kontakt zu Landwirten auf und boten an, die Wiesen nach Rehkitzen abzusuchen. „Da sind wir schon mal zwölf, fünfzehn Kilometer abgelaufen“, sagt sie. Denn die kleinen Rehkitze sind gut versteckt, nur bei engmaschiger Suche sind sie zu finden. Drei Jahre ging das so. Stolle sagt, sie weiß gar nicht, wie oft sie für ihr Ansinnen belächelt wurde, doch sie ließ sich nicht beirren, blieb hartnäckig am Ball.

Einer der ersten Landwirte, bei denen sie nach Rehkitzen suchen durften, ist Willi Groß aus Dallgow. „Ich war zunächst skeptisch, ich kannte die Leute ja nicht und ich wusste auch nicht, dass sich dafür überhaupt jemand interessiert.“ Groß erzählt, er habe von seinem Großvater gelernt, die Wiesen vor der Mahd selbst abzugehen. „Das ist sehr aufwendig, gehört aber dazu, wenn man für Naturschutz einsteht. Mit der Drohne geht die Suche schneller und ist effektiver“, sagt Landwirt Groß, der das Dreiergespann nun regelmäßig vor der Mahd ruft.

Mit moderner Technik

Leben retten

Vor drei Jahren haben sich die Rehkitz–Engel eine Drohne mit Wärmebildkamera zugelegt. Mehr als 10.000 Euro haben sie in das Gerät investiert, dazu kommen die Kosten für das Zubehör. „Dafür haben wir auf einige Urlaube verzichtet“, sagt Neumann. „Aber das war es wert.“

Neumann hat enge Kontakte zur „Rehkitzrettung Osnabrücker Land“ aufgebaut. Dort hat man gute Erfahrung mit dem Drohneneinsatz. „Mit der Drohne haben wir unsere Erfolgsquote auf 99 Prozent steigern können“, sagt Aderhold, der fast bei jedem Einsatz dabei ist. „Die Drohne ist am besten mit zwei Leuten zu bedienen, wenn man Rehkitze finden will“, sagt Neumann. „Und wir lernen viel von Jochen. Er ist sehr engagiert und hat das Herz am rechten Fleck.“

Zwischen zwei und zehn Freiwillige sind bei den Einsätzen dabei. Hat die Drohne ein Kitz aufgespürt, werden die Helfer zum Fundort gelotst, dort wird es vorsichtig geborgen. Dabei sollte der Mensch das Tier nicht direkt anfassen. Denn später, nach der Mahd, wird das Tierkind wieder zurückgelegt und die Mutter nimmt es nicht an, wenn es dann nach Mensch riecht. Rehe riechen Menschen auf etwa 300 Meter Entfernung.

52 Rehkitze haben die Retter aus Brandenburg allein in diesem Jahr das Ende durch das Mähwerk erspart. Dabei waren sie an 31 Einsatzorten im Land aktiv, unter anderen in Cottbus, Eisenhüttenstadt, Potsdam, Werder, Phöben, Bötzow, Wustermark und Dallgow. „Da die Ricken zeitversetzt ihre Jungen zur Welt bringen, sind wir von Anfang Mai bis Anfang Juli auf den Wiesen unterwegs“, sagt Stolle.

Vereinsgründung geplant

Auf Facebook kann man die Abenteuer des Teams unter „Rehkitzrettung Brandenburg“ verfolgen. Stolle, Neumann und Aderhold sind als Privatleute unterwegs, doch das soll sich bald ändern. Neumann sagt, er plane einen Verein zu gründen. Menschen, die das Team unterstützen und Landwirte, die ihre Dienste in Anspruch nehmen möchten, können sich direkt an Frank Neumann wenden. Kontakt: 0173/5667403.