Nachkriegszeit
: Nach Max Herm wird Fritz Lange Oberbürgermeister von Brandenburg an der Havel

Die ersten Wochen nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren auch in Brandenburg an der Havel sehr schwer und dennoch vom Aufbruch und dem Willen nach Normalität geprägt.
Von
Manfred Lutzens
Brandenburg an der Havel
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  • Der in kyrillischer Schrift von den Sowjets ausgestellte Dienstausweis für Oberbürgermeister Max Herm. Er durfte zunächst jedoch nur von Mai bis September 1945 die Geschicke unserer Stadt lenken.

    Der in kyrillischer Schrift von den Sowjets ausgestellte Dienstausweis für Oberbürgermeister Max Herm. Er durfte zunächst jedoch nur von Mai bis September 1945 die Geschicke unserer Stadt lenken.

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  • So präsentierte sich das während der letzten Kriegstage noch erheblich zerstörte Rathaus der Neustadt – hier vom Markt aus gesehen seine Rückfront. Möglicherweise wäre es – wie auch das Kurfürstenhaus (nicht im Bild) – später noch rekonstruktionsfähig gewesen.

    So präsentierte sich das während der letzten Kriegstage noch erheblich zerstörte Rathaus der Neustadt – hier vom Markt aus gesehen seine Rückfront. Möglicherweise wäre es – wie auch das Kurfürstenhaus (nicht im Bild) – später noch rekonstruktionsfähig gewesen.

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  • Wassersportler, unter ihnen das so begeisterte Ruderer-Ehepaar Charlotte und Gerhard Thürling (später BSG Einheit), waren es, die sich schon am 24. Juni 1945 auf den Anlagen des Grillendamms zu leichtathletischen Wettkämpfen trafen.

    Wassersportler, unter ihnen das so begeisterte Ruderer-Ehepaar Charlotte und Gerhard Thürling (später BSG Einheit), waren es, die sich schon am 24. Juni 1945 auf den Anlagen des Grillendamms zu leichtathletischen Wettkämpfen trafen.

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Was jedoch nach dessen Weggang damals im Herbst 1945 folgte, war alles andere als dienlich. Entgegen den allgemeinen Bestrebungen, nun den Sozialdemokraten Konrad Eichler einzusetzen, wollten besonders „rührige“ KPD–Funktionäre unbedingt, dass die Provinzialverwaltung den ortsfremden Kommunisten Fritz Lange zum neuen Stadtchef bestimmt. Aber alsbald nach Amtsantritt zeigte sich sein ihm vorauseilender schlechter Leumund; so trat er gegenüber den Magistratsmitarbeitern oder im Gespräch mit dem einfachen Bürger oft rechthaberisch und unpersönlich auf. Übrigens, dieser selbstherrliche Fritz Lange war es auch, der im Frühjahr 1946 kurzerhand den Abriss vom historisch so bedeutenden Kurfürstenbrunnen und des Denkmals für Friedrich den Großen ("Alter Fritz") auf dem Nikolaiplatz angeordnet hatte. Und das in unserer altehrwürdigen Heimatstadt, wo es ja mittlerweile wahrlich genug Ruinen und wahre Trümmerberge gab, zudem erinnerten mehrere Bunker tagtäglich noch an die Schrecken des Weltenbrandes. Ganz zu schweigen von all den Sorgen und Nöten, bis hin zur weiterhin äußerst angespannten Versorgungslage. Da hätte es für das Stadtoberhaupt (noch bis 1948) weitaus Wichtigeres geben müssen, als seinen Hohenzollern–Hass mit dieser Bilderstürmerei zu befriedigen.

Lassen wir in unserem Rückblick nun einige angenehme Reminiszenzen lebendig werden. Allerdings konnte die Kunde, von der Wiederinbetriebnahme des städtischen Schlachthofs in der Wilhelmsdorfer Landstraße am 1. Juni 1945 aufgrund des äußerst geringen Viehaufkommens nur bedingt Freude auslösen. Schließlich konnten den Fleischereien seitens der Stadtverwaltung doch nur sehr geringe Mengen zugeteilt werden. Einige Tage später nahm in der Kanalstraße die Allgemeine Ortskrankenkasse ihre Tätigkeit auf. Zum anderen richtete sich die Stadtsparkasse, deren angestammtes Gebäude in der St. Annenstraße lediglich noch ein Trümmerhaufen war, ihre Schalter an der Ecke Haupt-/Kurstraße ein. Die Stadtbank öffnete unterdessen wieder im unversehrten, wuchtigen Eckhaus St. Annen-/Steinstraße (erst in den 1960er Jahren kurzerhand abgerissen, d. Verf.)

Erstaunlich: Oberbürgermeister Max Herm hatte während der ersten Wochen sein Augenmerk sogar bereits auch auf die Freizeitbelange „seiner“ Brandenburger gerichtet. Ende Mai ’45 wurden Fritz Lüdemann, Walter Jakob und Paul Prietzel beauftragt, sich dem Instandsetzen der teilweise erheblich beschädigten  Sportanlagen zu widmen. Gemeinsam mit anderen, vor allem älteren Mitstreitern gelang es in relativ kurzer Zeit, zumindest einige Plätze, Turnhallen usw. wieder zu öffnen. Dazu gehörten nach der Musterwiese beispielsweise das Turnerheim, im Dom–Burghof die Turnhalle der einstigen Ritterakademie sowie die Sportstätten nebst dem Freibad am Grillendamm. Das lud bereits ab 4. Juni wieder zum Besuch ein. Im darauffolgenden Monat tummelten sich dort schon fast 9.500 Kinder und Erwachsene.

Als vorteilhaft erwies sich die mittlerweile beim Magistrat  eingerichtete Abteilung Sport; umsichtig geleitet vom bereits erwähnten, so rührigen „Fritze“ Lüdemann. Nun bildeten sich einige Gruppen — und am 24. Juni waren die Grillendamm–Plätze Treffpunkt zum ersten Nachkriegs–Sportfest. Fast 1000 Zuschauer kamen, um die  Teilnehmer — vornehmlich Ruderer, Kanuten und Segler — anzuspornen oder einfach nur dabei zu sein. An gleicher Stelle wetteiferten in leichtathletischen Disziplinen dann ebenfalls die hiesigen Schüler.  Aktivitäten anderer Sparten sowie z. B. auch bei den Schachspielern folgten. Und noch im Mai trafen sich zwei Auswahlmannschaften zu einem Fußball–Vergleich auf der traditionsreichen Musterwiese (Brielower Straße). Drei Monate darauf gewann dort eine Stadt–Elf gegen den FC Schöneberg aus Berlin mit 3:1.

Relativ schnell erwachte auch das kulturelle Leben, insbesondere was Theater– und Konzertvorstellungen betraf. So nahm am 23. Juni 1945 ein weitgehend neu formiertes Ensemble der hiesigen Bühnen mit seinem Programm „Das Leben geht weiter“ in der Stadthalle (Schweizergarten/Grabenpromenade) den Spielbetrieb auf. Bald wurden außerdem Kammermusikabende sowie Solistenkonzerte veranstaltet. Der erste Vorhang für die Theatersaison 1945/45 öffnete sich dann allerdings in den „Adlerterrassen“ (Bergstraße). Den Verantwortlichen gelang es, ein vielseitiges, vor allem jedoch von leichter Kost dominiertes Angebot zusammenzustellen. Und das, obwohl nur solche Inszenierungen möglich waren, für die auch Noten und Texte vorlagen. Vielfach beschafften sich die Künstler ihre benötigten Materialien eher auf abenteuerliche Weise. Und in den beiden Lichtspieltheatern „Konzerthaus“ sowie „Metropol“ (Stein– bzw. Hauptstraße) ertönte inzwischen ebenfalls wieder der Gong zu den Vorstellungen. Leider waren das „Capitol“ und „Alhambra“ (Große Garten– und Jakobstraße) noch während der letzten Kriegstage zerstört worden bzw. ausgebrannt. Die Städtische Bücherei ihrerseits verwies nach erfolgter ideologischer Säuberung auf sehr überschaubare Bestände. Da hatte es ein gegründeter Sängerchor doch leichter, bei geselligen Stunden die Besucher zu erfreuen.

Mit einem Aufruf wandten sich 50 Persönlichkeiten unserer Stadt, vornehmlich aus der fortschrittlichen Intelligenz — so jedenfalls seinerzeit die Sprachregelung, an alle Kulturschaffenden. Ging es doch um die Gründung einer Zweigstelle des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Zentrum wurde gar für einige Jahrzehnte dann der Fontane–Klub an der Jahrtausendbrücke  Schließlich sei ergänzt, dass die sowjetische Kommandantur im Juni 1945 dem hiesigen Magistrat grünes Licht gegeben hatte, eine „Freie Jugend Brandenburg“ zu bilden. Dieser Vorläufer der FDJ lud alle Jungen und Mädchen ab 14 Jahren zunächst ganz unverfänglich zu Heimabenden und Wanderungen ein. Da war jedenfalls — zumindest nach außen hin — eine Jugendorganisation als Kampfreserve der sich dann 1946 zwangsvereinigten Parteien noch kein Gesprächsthema.

Noch viel ließe sich aus Brandenburger Sicht über jene so schwere, von Sorgen und Nöten sowie Leid und Entbehrungen gezeichnete erste Zeit nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg berichten. Wer sie erlebt hat, vergisst sie nie. BRAWO wird sich auch künftighin einigen der damals so bewegenden Themen widmen.