Schach-Geschichte: Deutsch-Russische-Freundschaft überstand die politische Wende
Am 9. November 1989, einem Donnerstagabend, hatte Manfred Kuhle Aufsicht beim russischsprachigen Film (Pflicht) in der Aula des Schlosses Wiesenburg. Es herrschte Unruhe unter den Schülern, Informationen sickerten durch. Bei ihm zu Hause erfuhr er per Telefon von seinem Düsseldorfer Freund Dr. Peter Umbach: „Die Mauer ist weg!“ Unglaublich – aber wahr.
In der Folge wurde die Spezialschule „abgewickelt“. Russisch war nicht mehr „in“. Der Wiesenburger bewarb sich im Rahmen der Länderpartnerschaft Brandenburg/Nordrhein-Westfalen bei einer bilingualen Schule in Düsseldorf. Dort fragte man ihn: „Sind sie Russe“. „Sehe ich so aus“, die kurze Replik. Man hatte dort das Sprachniveau, über das Kuhle in den 60er Jahre verfügte. Seine Schüler in Wiesenburg waren „Lichtjahre“ voraus. Die Institution, der Regierungspräsident Kölns, erkannte Kuhles Qualifikationen nicht an: „Russisch können wir nicht einschätzen“ – wie wahr.
Er bekam von seinen Großmeister-Russen noch ein marktwirtschaftliches Angebot als Dolmetscher, Betreuer und Vermittler. Kommen sie in Turniere, so ließe sich Geld verdienen. Dies kam für Kuhle aber nicht in Frage. Er musste als Lehrer weiter arbeiten, um sich eine entsprechende Rente zu sichern.
Beim letzten Sprachpraktikum mit der Partnerschule aus Moskau stand der Besuch der historischen Stätte in Cecilienhof auf dem Programm. Eine russische Schülerin fragte: „Darf sich denn meine Freundin Olga auf den Platz von Josef Stalin setzen?“ Der Verantwortliche schluckte: „Das hat noch keiner gefragt, aber ich erlaube es als große Ausnahme.“ Doch Olga wollte nicht – Kuhle reagierte blitzschnell und wurde auf dem Platz des Generalissimo fotografiert.
Russisch war passe, der Osten benötigte Englischlehrer. Manfred Kuhle beantragte eine Freistellung für ein halbes Jahr. Die wurde in kleinen Schritten bewilligt – dank seiner Ablehnung als Stasi-Spitzel und der Eigenfinanzierung. Er durfte zwei bis drei Wochen als Grundschul-Lehrer in Belzig arbeiten. Doch hier hatte man den Bock zum Gärtner gemacht, denn er hatte beinahe zwei Jahrzehnte nur in den Klassen 11 und 12 an der Sprachschule unterrichtet. Dann reiste er halt für Sprachkurse auf die „Insel“, so dass er letztendlich 27 Mal Großbritannien erlebte.
Wladimir Tschutschelow nutzte nach der Wende die Gunst der Stunde und blieb als Profi in der Bundesliga. Der Wiesenburger vermittelt ihn zunächst an den Hamburger Schachklub von 1830 - der älteste in Deutschland und nach Zürich der zweitälteste von Europa. Kuhle förderte ihn stets, begleitete ihn auch hin und wieder zu Turnieren. Bei einem Wettkampf in Düsseldorf reisten sie mit einem Tag Verspätung an. Die Veranstalter boten zunächst an, nach einem Remis gegeneinander einzusteigen. Doch ein bundesdeutscher Großmeister sah wohl seien „Felle davon schwimmen“ und das Angebot wurde zurück genommen. Weiter ging es nach Köln-Porz. Das Startgeld reichte nicht bei Tschutschelow, doch sein deutscher Freund half aus. Seine russischen Landsleute boten Kuhle dann an, ihn, bei einem Erfolg, finanziell zu beteiligen, doch er verzichtete leichten Herzens und fuhr zum Dienst in die Heimat.
Spätestens mit der Heirat einer Belgierin in Eupen war Wladimir Tschutschelow im Westen Europas etabliert. Er spielte viele Turniere, arbeitete als Trainer, zum Beispiel für die niederländische Nationalmannschaft. Er gehörte aber auch zum Beraterteam des Italo-Amerikaners Fabiano Caruana, der den Norweger Magnus Carlsen herausgefordert hatte.
Bei einem Turnier in Essen ließ es sich Manfred Kuhle (nach getaner Arbeit) nicht nehmen ein besondere Gaststätte im benachbarten Bottrop anzusteuern mit dem Namen „ICH DANKE SIE“. Sie gehörte dem holländischen früheren Fußballprofi Willi ("Ente") Lippens, der seinen Spitznamen seinem watscheligen Gang verdankt. Er gehörte zu den Kickern die immer zu Späßen bereit waren und bestach durch seine Schlagfertigkeit. Der Kneipenname ging auf folgende Anekdote zurück. Zu der Zeit gab noch keine Gelben und Roten Karten, als ein Schiedsrichter ihn anherrschte: „Ich verwarne ihnen.“ Die Antwort: „Ich danke sie:“
Als einer der Größten, nicht nur im Schach betreffend, sondern auch charakterlich, menschlich, politisch gereift und progressiv denkend empfand Manfred Kuhle seinen Freund Sergej Kalinitschew, der in seiner Entwicklung, aus Moskau stammend es nicht immer leicht hatte. Der Wiesenburger verdankt dem Offizier der Sowjetarmee viel. Im Gegenzug unterstützte er ihn seit 1984 in vielen Dingen, vor allem bei sprachlichen Barrieren. Kalinitschew sah die Welt realistisch und war nach Kuhles Sicht der deutschen Mentalität am nächsten unter all den Wünsdorfer „Schach-Soldaten“.
Er blieb nach der Demobilisierung der Streitkräfte West in Deutschland. Er spielte in der 2. Bundesliga für Lasker Steglitz, Lübecker SV und SC Krenzburg und krönte seine Schachkarriere mit dem auch für ihn unerwarteten Gewinn der 87. Deutschen Einzel-Meisterschaft im Jahr 2016 als 60-Jähriger. Er ist somit der älteste Deutsche Schach-Meister. Darüber hat sich sein langjähriger Freund Manfred Kuhle sehr für ihn mitgefreut.




