750 Jahre Groß-Ziethen
: Hugenotten und Wallonen – eine Geschichte voller Geheimnisse

In Groß-Ziethen spiegeln sich 750 Jahre Geschichte, voller Integration von Flüchtlingen und Konflikte um Religionsfreiheit – ein Dorf mit überraschend moderner Vergangenheit.
Von
Antje Schroeder
Groß-Ziethen
Jetzt in der App anhören
Die Dorfkirche in Groß Ziethen steht im Zentrum einer wechselvollen Geschichte voller Neuanfänge und Zerstörung.

Die Dorfkirche in Groß-Ziethen steht im Zentrum einer wechselvollen Geschichte voller Neuanfänge und Zerstörung.

Cornelia Müller
  • Groß Ziethen feiert 750 Jahre mit Festumzug und Hugenotten-Ausstellung.
  • Dorfgeschichte geprägt von Flüchtlingsintegration und Religionsfreiheit seit 1275.
  • Zisterzienser, Wallonen und Hugenotten prägten Wirtschaft und Kultur.
  • Dreißigjähriger Krieg zerstörte Dorf, Wiederaufbau durch Religionsflüchtlinge.
  • Dorfkirche bleibt Zentrum – einzigartige französisch-reformierte Gemeinde in Brandenburg.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Am Wochenende wird es hoch hergehen in Groß-Ziethen. Die Gemeinde feiert ihr 750-jähriges Bestehen – mit großem Festumzug und einer Ausstellung zur hugenottischen Geschichte in der Dorfkirche.

Es gibt nur wenige Dörfer in der Mark Brandenburg, die ihre Geschichte derart weit in die Vergangenheit nachweisen können. Groß-Ziethen wurde erstmals im Jahr 1275 erwähnt, als die Markgrafen Otto V. und Albrecht III. den Ort an das Kloster Mariensee bei Chorin veräußerten.

Die Zisterzienser von Chorin brachten den ersten Aufschwung

Der Übergang an das Kloster sei einer der entscheidenden Meilensteine in der Geschichte des Ortes gewesen, sagt der Historiker und Geschichtslehrer Robin Villain, der mittlerweile in der Schulleitung des Freien Gymnasiums Joachimsthal tätig ist. Die unter dem Motto „Ora et Labora“ („Bete und arbeite“) angetretenen Zisterziensermönche hätten einen entscheidenden Beitrag zur Kultivierung der Landschaft geleistet.

Villain, der aus Groß-Ziethen kommt und zwischenzeitlich am Lehrstuhl für Landesgeschichte in Potsdam gearbeitet hatte, hat sich eingehend mit der Geschichte seines Heimatdorfes befasst, und auch die entsprechenden Artikel in dem historischen Online-Lexikon Brandenburgs, „Brandenburgikon“, verfasst.

Tatsächlich waren es meistens die Laienbrüder, die die Arbeit erledigten – und das Dorf wechselte noch mehrmals zwischen dem Landesherren oder seinen Vasallen und dem Kloster den Besitzer. Auch das Nachbardorf Klein Ziethen kam 1466 bis zur Säkularisierung 1542 zum Kloster Chorin.

Angermünde und Eberswalde nur eine Tagesreise entfernt

Die Dörfer, gelegen in der Grundmoränenlandschaft des Parsteiner Beckens mit ihrem fruchtbaren Geschiebelehm, prosperierten. Hierzu trug auch der Fischreichtum der Umgebung bei. Noch bis ins frühe 19. Jahrhundert erstreckte sich um Groß-Ziethen ein ausgedehnter Seebruch, was wohl auch den Ausschlag für den Namen „Sit’n“ – „Cythene“ oder Riedgras beziehungsweise Binsen ergeben hatte.

Alte Schmiede in Groß-Ziethen.

Alte Schmiede in Groß-Ziethen.

Nadine Wüstner

Hinzu kam die günstige Lage an der alten Handelsstraße nach Stettin und somit der Einbindung in den baltischen Wirtschaftsraum, wie Villain schreibt. Das nicht selbst konsumierte Getreide konnte also ohne große Umwege vertrieben werden. Die nächstgelegenen Märkte Angermünde und Neustadt (heute Eberswalde) waren jeweils nur eine knappe Tagesreise von Groß-Ziethen entfernt.

Ketzerprozesse in Angermünde und Berlin

Vermutlich über diese Handelsverbindungen gelangten auch waldensische Prediger in die Gegend. Diese Laienbewegung, die apostolische Armut predigte, wurde in ganz Europa von der katholischen Kirche und der Inquisition verfolgt – so auch in Ziethen.

Nachdem bereits 1336 ein Ketzergericht in Angermünde 14 Waldenser zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt hatte, gab es Ende des 14. Jahrhunderts weitere Inquisitionen in Groß-Ziethen. 1458 wurde der Priester Matheus Hagen aus Klein Ziethen in Berlin verbrannt, einige Monate später wurde die ganze Gemeinde von Klein Ziethen vor das Ketzergericht zitiert.

Die Handelsstraße begünstigte aber nicht nur Handel und Austausch – sie bedeutete auch Heerstraße in Kriegszeiten, wie Villain betont. Genauer gesagt, im Dreißigjährigen Krieg. 1638 wurde Groß-Ziethen vollständig zerstört. 1653 lebte dem Landreiterbericht zufolge nur noch ein Kossäte mit seiner Hausgemeinschaft im Dorf.

Die meisten Siedler waren Wallonen aus dem heutigen Belgien

Dies eröffnete aber auch eine neue Chance für die beiden Ziethen-Dörfer. Im Rahmen der „Peuplierungs“-Politik wurden hier Religionsflüchtlinge, sogenannte „Refugiés“ aus Frankreich, Belgien und der Pfalz angesiedelt.

Tatsächlich habe es sich im Fall der Ziethen-Dörfer hauptsächlich um Wallonen aus dem Hennegau (heute Belgien) gehandelt, sagt Villain. Diese seien oftmals nicht direkt von den Folgen der Re-Katholisierung betroffen gewesen, sondern vorbeugend geflohen, um einer Verfolgung zuvorzukommen.

Festumzug und Hugenotten-Ausstellung

  • Freitag, 25. Juli, 17:00 Uhr – Eröffnungskonzert der „Tastenteens“ (Dorfkirche Groß-Ziethen)
  • ab 20:00 Uhr – Open Air Disco mit DJ Marcio Kantana (Festplatz)
  • Samstag, 26. Juli, 12:00 Uhr – Festumzug begleitet vom Spielmannszug „ConPassione“
  • 13:00 Uhr – Offizielle Eröffnung (Festplatz)
  • 14:00 – 17:00 Uhr – „Groß-Ziethen hat sich herausgeputzt“: Festlich geschmückte Häuser, offene Tore bei der Freiwilligen Feuerwehr Groß-Ziethen, kostenloser Eintritt im „Eiszeitmuseum“, Ausstellung zur hugenottischen Geschichte in der Dorfkirche Groß-Ziethen
  • 16:30 Uhr – Auftritt der Kita „Knirpsenranch“
  • 17:00 Uhr – Sportliches Kräftemessen beim Feldstein- und Hufeisenzielwurf
  • 19:00 Uhr – Siegerehrungen
  • 19:30 Uhr – Auftritt der „Dobbysisters“
  • ab 20:00 Uhr – Tanz mit der Liveband „Impression“ und DJ Andy
  • nach Einbruch der Dunkelheit – Lasershow

Hugenotten seien meistens eher in die Städte gezogen. Villain zufolge hat es sich aber eingebürgert, sämtliche protestantischen Religionsflüchtlinge der Epoche unter dem Label „Hugenotten“ zu beschreiben. Es habe auch in Ziethen vielfach Verbindungen zu Hugenottenfamilien gegeben.

Die Siedlungsarbeit auf dem verwilderten Boden war schwer

Nach einer Aufstellung des hugenottischen Historikers Karl Manoury lebten in den Jahren 1686/94 in Groß-Ziethen vier Bauern aus Flandern, zwei aus dem Hennegau, fünf aus der Pfalz, einer aus der Normandie und ein Kossäte aus der Schweiz. Der Grundbesitz war damals vergleichsweise gleich verteilt, die meisten Bauern hatten vier Hufen Land, zwei Bauern hatten nur die Hälfte.

neues Element: Ökofilmtour erstmals in Groß Ziethen

Das Eiszeit-Museum ist ein Geheimtipp in Groß-Ziethen.

Herbert Ostwald

Das Land sei damals nach dem mitgebrachten Besitz verteilt worden – man habe aber auch darauf geachtet, ungefähr gleiche Verhältnisse zu haben, so Villain. In Klein Ziethen kamen damals die meisten Bauern aus dem Hennegau.

„Planteure“ brachten den Tabakanbau nach Groß-Ziethen

Die Wirtschaften entwickelten sich gut – wenngleich der Anfang schwer gewesen sein muss. Manoury beschreibt, wie eine ganze Reihe von Bauern aus Altersgründen bald wieder aufgeben mussten. Nur junge Kräfte oder Vater und Sohn gemeinsam konnten die schwere Siedlungsarbeit auf dem verwilderten Boden leisten.

„In ein Paradies kamen sie also nicht“, schreibt Manoury. Die neuen Siedler brachten auch den Tabakanbau in den Barnim und in die Uckermark – wozu meistens Flächen an sogenannte „Planteure“ verpachtet wurden. Das sei ein Zubrot für die Bauern gewesen, sagt Villain, der Getreideanbau sei aber immer dominant gewesen.

Die alte Mühle in Groß-Ziethen ist inzwischen das Besucherzentrum des Geoparks Eiszeitland.

Die alte Mühle in Groß-Ziethen ist inzwischen das Besucherzentrum des Geoparks Eiszeitland.

Nadine Wüstner

Die Hugenotten und Wallonen waren mit Privilegien wie der Befreiung von Frondiensten und Abgaben ausgestattet – was die Missgunst der Nachbarn und der deutschen Verwaltungen auf sich zog und lange Auseinandersetzungen um diese Privilegien mit sich brachte. In der frühen Neuzeit habe es noch keinen Rechtsstaat im heutigen Sinne gegeben, so Villain. „Es war immer möglich, dass der Landesherr ein Machtwort spricht.“

Noch heute sind die Kirchenmitglieder französisch-reformiert

Entscheidend war auch das Recht auf freie Religionsausübung. Die neuen Bewohner bauten die zerstörte Dorfkirche wieder auf und errichteten den verbretterten Kirchturm mit Zeltdach. Noch heute sind die Protestanten in Groß-Ziethen automatisch Mitglieder der französisch-reformierten Kirche. Das sei einer Besonderheit in Ziethen und einmalig in Brandenburg, wie Pfarrerin Cornelia Müller berichtet. Die Gemeinde zählt in den beiden Ziethen-Dörfern und in Senftenhütte 100 Mitglieder.

Doch trotz aller aus der alten Heimat mitgebrachten Traditionen vollzog sich die Assimiliation schnell. Viereinhalb bis fünf Generationen nach der Ansiedlung sei die Umgangssprache Deutsch gewesen, so Villain. In der Kirche wurde im Jahr 1800 das erste Mal der Neujahrsgottesdienst auf Deutsch abgehalten. Von den alten Familien sind Villain zufolge nur noch drei da – Rouvel, Dupont und Villain. Heute sprechen die Ziethener kein Französisch mehr, es sei denn, sie haben es sich später angeeignet.