Bäckerei in Oderberg
: Einstmals viele Bäcker - Arnold Voigt erinnert sich

Die Stadt an der Alten Oder hatte einst eine Vielzahl an Bäckerei-Geschäften, in denen es Brot, Splitterbrötchen und Kuchen gab. Ein ehemaliger Bäcker erinnert sich.
Von
Stephan Backert
Oderberg
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Familie Voigt und Mitarbeiter vor der Bäckerei in der Angermünder Straße 9 in Oderberg. Über mehrere Generationen hinweg wurden hier Brötchen, Brot und Kuchen gebacken und verkauft.

Familie Voigt und Mitarbeiter vor der Bäckerei in der Angermünder Straße 9 in Oderberg. Über mehrere Generationen hinweg wurden hier Brötchen, Brot und Kuchen gebacken und verkauft.

Sammlung Arnold Voigt

Frisches Brot oder ein Stück Kuchen im Zentrum von Oderberg zu kaufen, war lange ein Problem. Erst vor wenigen Wochen ist die Bäckerei Rauchzeichen aus Oderberg mit einem wöchentlichen Angebot im Alten Rathaus gestartet. Dabei hatte die Stadt an der Alten Oder einmal neun Bäcker.

Das Bäckerhandwerk wurde Arnold Voigt, der vor 89 Jahren in Oderberg geboren wurde, sprichwörtlich in die Wiege gelegt. 19 Bäcker gab es in seiner Familie, davon 16 Bäckermeister. Ein Urgroßvater war Müller in Gramzow, einige Vorfahren hatten auch eine Landwirtschaft. 1902 kam sein Großvater Otto Voigt nach Oderberg und eröffnete hier ein Jahr später in der Angermünder Straße 9 seine Bäckerei, an einem Standort, an dem es bereits zuvor eine Bäckerei gab.

Neun Bäckereien vor rund 96 Jahren

Im Buch „Chronik von Oderberg“ von Horst Fleischer werden Zahlen aus dem Branchenverzeichnis der Stadt von 1929/1930 genannt. Demnach hatte Oderberg zu dieser Zeit circa 3400 Einwohner und neun Bäckereien.

Ein Lieferfahrzeug aus der Zeit, als Otto Voigt die Bäckerei führte. So kamen die Backwaren auch an entlegenere Orte.

Ein Lieferfahrzeug aus der Zeit, als Otto Voigt die Bäckerei führte. So kamen die Backwaren auch an entlegenere Orte.

Sammlung Arnold Voigt

Aus seiner Erinnerung heraus kann Arnold Voigt diese Zahl auch für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigen. Drei Bäckereien befanden sich allein in der Angermünder Straße. 1938 übernahm Arnold Voigts Vater Max das Unternehmen und führte es mit seiner Frau Else bis 1960.

Im Oktober 1945 fing, ein halbes Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, die Schule in Oderberg wieder an. Arnold Voigt war damals elf Jahre alt. Gute Erinnerungen hat er auch an seinen Lehrer Hans Geisler, der wie so viele Lehrer kurz nach der Nazi-Zeit zu den Junglehrern zählte und selbst erst 19 Jahre alt war. An der Schule lernte er seine spätere Frau Ingrid kennen, deren Familie aus dem heute polnischen Küstrin stammte.

Ingrid und Arnold Voigt haben lange die Bäckerei in der Angermünder Straße 9 betrieben. Jetzt genießt das Paar aus Oderberg seinen Lebensabend inmitten eines Gartenparadieses.

Ingrid und Arnold Voigt haben lange die Bäckerei in der Angermünder Straße 9 betrieben. Jetzt genießt das Paar aus Oderberg seinen Lebensabend inmitten eines Gartenparadieses.

Stephan Backert

Salzkuchen (Roggenbrötchen) halfen beim Kennenlernen. „Sie kann sich sogar erinnern, dass ich ihr mal eine Leberwurststulle mitgebracht habe“, so Arnold Voigt mit Blick auf die gemeinsame Schulzeit. Ingrid Voigt wurde später zunächst Chefsekretärin auf der Oderberger Werft. Ihre Kollegen, so berichtet es Arnold Voigt, haben lange Zeit nicht geglaubt, dass sie es in der Bäckerei schafft.

Verdächtigung durch die Stasi

1954 war Arnold Voigt 20 Jahre alt.  Die DDR existierte bereits fünf Jahre, aber die Mauer war noch nicht gebaut. Mit fünf weiteren Freunden gab es die Idee, gemeinsam Urlaub am Rhein zu machen. Ihm schien dieser Plan später zu anstrengend, er beschloss, mit einem Freund in das näher gelegene thüringische Eisenach zu fahren, während die vier anderen ihre Tour am Bahnhof Oderberg-Bralitz in Richtung Rhein und somit in Richtung Westen starteten.

Als Arnold Voigt und auch die Rhein-Urlauber wieder in Oderberg waren, kam die Stasi in die Backstube. Ein Geheimdienst-Mann nahm ihn mit ins Oderberger Rathaus, in den Raum, wo heute mittwochs der Verkauf der Bäckerei Rauchzeichen stattfindet und welcher früher als Polizeizimmer bekannt war. Dort wurde er beschuldigt, in seinem Urlaub einen Spionagelehrgang gegen die DDR besucht zu haben, was nicht stimmte.

Zwischenstationen im Westen

Ende Juli 1954 ging er dann in den Westen, das Aufenthaltslager in Marienfelde, Sandbostel bei Bremen, Offenburg und Stuttgart waren einige Stationen. Von 1955 bis 1957 arbeitete er als Bäcker bei seinem Cousin Georg Hillmann junior in Westberlin. „Mein Cousin war jahrelang Obermeister der Berliner Bäcker- und Konditoreninnung. Da war ich immer ganz stolz. Und er war nach der Wende auch Landesinnungsmeister von Berlin-Brandenburg“, so Arnold Voigt.

Der neue Oderberger Bäcker Kai Kreutzmann von der Bäckerei Rauchzeichen hat bei Georg Hillmann seine Ausbildung von 2015 bis 2018 gemacht und ist heute stolz darauf, in diesem renommierten Unternehmen gelernt zu haben.

1957 ging es für Arnold Voigt zurück in die DDR. Eine Entscheidung, die er nicht bereut hat. Das Jahr 1958 war wichtig für ihn. Er machte seinen Meister im sächsischen Pirna und heiratete seine Frau Ingrid. Eine Tochter und zwei Söhne gingen aus der Ehe hervor. Er war zu dieser Zeit, als es noch kein Fernsehen gab, im Kulturbund aktiv und sang im Männerchor.

Verantwortlich für die Bäckerei

Sein Vater hatte gesundheitliche Probleme und starb 1963 im Alter von 59 Jahren. Zuvor jedoch wurde die Übergabe des Unternehmens geregelt. Am Abend vorher führte der Vater noch die Bücher, am 1. April 1960 war Arnold Voigt für die Bäckerei verantwortlich.

Er erinnert sich noch gut an die Zeit der Planwirtschaft in der DDR, in der es auch einiges an Kreativität bedurfte, um Mangelerscheinungen auszubügeln. Zitronat zählte zu den raren Zutaten. An seiner Stelle taten es im Stollen auch gesüßte, grüne Tomaten. Marzipan und das Ersatzprodukt Persipan zählten ebenso zu den Zutaten, die es selten bis gar nicht gab. Von 1960 bis 1990 sei kein einziger Vertreter in der Backstube gewesen. Das Mehl wurde zugewiesen, er bekam seines von der Konsum-Mühle in Finowfurt.

Frei trotz Zwängen

Trotz der Zwänge fühlte er sich eigenständig und „irgendwie auch frei“. Als der Bürgermeister zu DDR-Zeiten bestimmen wollte, wann Brot verkauft wird, legte Arnold Voigt seinen Protest ein. Mit dem Ende der DDR drohte zunächst auch das Aus der Bäckerei. Sein Sohn Jörg meldete sich aus Wien, eine Gesellin ging über die Prager Botschaft in den Westen.

Die neun Bäckereien in Oderberg im Jahr 1929/1930

● Paul Grunow, Angermünder Straße 43

● Karl Junge, Berliner Straße 65

● Fritz Lehmann, Angermünder Straße 2

● Clemens Ohl, Wilhelmstraße 16

● Wilhelm Schultze, Wilhelmstraße 35

● Arthur Unruh, Kietzer Straße 32

● Otto Voigt, Angermünder Straße 9

● Franz Weckwerth, Berliner Straße 39

● Robert Winzer, Berliner Straße 81

Quelle: Horst Fleischer, Chronik von Oderberg, 2. Auflage, erschienen 2021 bei LinDesign, Schwedt. 

Sohn Jörg habe gesagt, dass sein Vater die Bäckerei nicht schließen soll. Er komme zurück. Große Investitionen standen an. Ein neuer Ofen für 100.000 D-Mark, neue Maschinen für 30.000 D-Mark. Ein neues Verkaufsfahrzeug kam hinzu und die Ladeneinrichtung wurde auch erneuert. Doch auch in Oderberg machte sich die Konkurrenz durch Billigangebote in Supermärkten bemerkbar.

Arnold Voigt im April 2024 am Tag der Eröffnung der neuen Bäckerei vor dem Oderberger Rathaus. Hier probiert er ein Brot seines indirekten Nachfolgers Kai Kreutzmann.

Arnold Voigt im April 2024 am Tag der Eröffnung der neuen Bäckerei vor dem Oderberger Rathaus. Hier probiert er ein Brot seines indirekten Nachfolgers Kai Kreutzmann. Er selber hat gern Schweineohren aus Blätterteig oder Splitterbrötchen gebacken.

Stephan Backert

Die Öffnungszeiten im Laden wurden schrittweise reduziert und 2012 die Bäckerei aufgegeben. Ingrid und Arnold Voigt hatten das Rentenalter damals schon lange erreicht. Jetzt betreibt Sohn Jörg in der Angermünder Straße 9 einen An- und Verkauf.