Es ging direkt zur Sache in der Hufeisenfabrik. Im Podium: Micheal Kellner (Grüne), Stefan Zierke (SPD), Friedhelm Boginski (FDP), Sebastian Walter, der als Politprofi aus dem Landtag Linken-Kandidatin Isabelle Czok-Alm vertrat, Jens Koeppen (CDU), Niels Neudeck (Die Partei), Stefan Günther (Piraten) und Richard MacLean (Die Basis). Einige Kandidaten hatten abgesagt. Auch AfD-Kandidat Hannes Gnauck sei eingeladen gewesen, habe sich aber nie zurückgemeldet, hieß es seitens der Organisatorin der Akademie Zweite Lebenshälfte. Die „zweite Lebenshälfte“ dominierte auch im überwiegend aus Senioren bestehenden Publikum und bei den Themen. Rente und Alterssicherung hatte Moderator Julian Beyer als erstes auf den Plan gerufen.

Rentensystem in Österreich besser geregelt?

Es sei erbärmlich, dass Menschen vom deutschen Staat in die Altersarmut geschickt werden, kritisierte Richard MacLean von der noch jungen Partei Die Basis, der mit seinen 72 Jahren nah am Thema dran ist. Er warb dafür, den Blick in Länder wie Österreich zu wenden, wo es ein „wunderbares Alterssicherungssystem“ gebe. Jens Koeppen (CDU) erweiterte und relativierte Norbert Blüms legendäres Zitat „Die Rente ist sicher“ auf: „Die Rente muss sicher und finanzierbar sein“. Dies sei gesamtgesellschaftlich zu lösen, die Hausaufgaben müssten aber in Deutschland gemacht werden.
Natürlich könne man in andere Länder schauen, in denen alle in die Rentenkasse einzahlen, konterte Sebastian Walter (Die Linke) und machte die Rechnung auf, dass 57 Prozent der Frauen in Deutschland eine Rente unter 800 Euro bekämen. Seit Jahrzehnten werde die gesetzliche Rente in Deutschland geschwächt. Er hätte nach fünf Jahren als Landtagsabgeordneter einen höheren Rentenanspruch als eine Frau, die 40 Jahre gearbeitet habe, verdeutlichte Walter das Ungleichgewicht. Seine Partei fordere eine Mindestrente von 1.200 Euro.

Boginski und das Baukastenprinzip

Friedhelm Boginski sprach sich für das Baukastenprinzip aus gesetzlicher Rente, betrieblicher Rente und privater Altersvorsorge aus. Ob alle in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen sollten, wurde der Eberswalder aus dem Publikum heraus gefragt. Seine Antwort: „grundsätzlich Nein“. Stefan Zierke hob hervor, dass seine Partei gegen den Widerstand des großen Koalitionspartners CDU die Grundrente durchgesetzt habe und dass sich Altersarmut am besten vorbeugen ließe, indem man gute Arbeit auch gut bezahle. Auch er sehe das Ungleichgewicht, dass, wer viel verdiene zu wenig einzahle, Geringverdiener gar nicht die Möglichkeit hätten, auch privat vorzusorgen.
Aus Sicht von Michael Kellner sei es das A und O, das gesetzliche Rentenniveau bei 48 Prozent zu stabilisieren. Der Geschäftsführer der Grünen lobte die Einführung der Grundrente als guten Schritt. Warum Annalena Bearbock dann die Witwenrente abschaffen wolle, wurde Kellner aus dem Publikum gefragt. Doch diese Äußerung sei eine Fälschung, stellte er dankbar klar. Das habe die Kanzlerkandidatin der Grünen ebenso wenig vor, wie Menschen die Haustiere wegzunehmen. Angeblich sei dieses Gerücht ebenfalls über sie verbreitet worden.

Bürgerentscheide auf Bundesebene

Stefan Günther (Piraten), der aus beruflichen Gründen etwas später hinzustieß, las die Position zur Rente aus dem Parteiprogramm vor. Seine Partei stehe zudem für Bürgerentscheide auf Bundesebene. Dem Bürger als Souverän solle mehr Bedeutung zukommen. Das will auch Die Basis. Die jetzigen Parteien hätten sich als unfähig erwiesen, argumentierte Richard MacLean. Und dennoch sitze ein Verkehrsminister, der Milliarden für die Lkw-Maut in den Sand gesetzt habe, immer noch im Amt sitzt, kritisierte er. MacLean sprach sich beim Thema Pflege und Gesundheit für die Abschaffung der Fallpauschale aus, an der, so hatte es den Anschein in der Runde, niemand mehr so richtig festhalten will.

Eberswalde

Niels Neudeck (Die Partei) erinnerte nochmal daran, dass es Rot-Grün war, die die Pauschale eingeführt hatten. „Krankenhäuser dürfen nicht gewinnbringend arbeiten“, forderte Neudeck und stieß damit kaum auf Widerstand. Auch FDP-Kandidat Friedhelm Boginski sprach sich dagegen aus, dass Krankenhäuser Profit erwirtschaften müssen.

Hartz IV und die soziale Hängematte

Soweit so einig, taten sich Fronten beim Thema Hartz IV als sozialer Hängematte auf. Eine Dame aus dem Publikum brachte das Thema an, weil sie junge Leute in ihrem Aufgang beobachte, die nicht arbeiten gehen würden. Das erwies sich als Steilvorlage für Jens Koeppen. Er kritisierte, dass der Staat statt zu fordern nur fördern würde. Das Geld müsse bei jenen landen, die unverschuldet in Not geraten seien, komme aber häufig „bei den Schnorrern“ an.
Stefan Günther, von Beruf Lehrer, wehrte sich gegen den auch von Koeppen verwendeten Begriff der sozialen Hängematte. Den könne er nicht mehr hören. Der Einzelfall müsse betrachtet werden. Auch Michael Kellner sprach von Handicaps wie etwa Analphabetismus, welche der Grund sein könnten, warum junge Menschen keinen Job hätten. Laut Niels Neudeck seien 53 Prozent der Bevölkerung derzeit beschäftigt – noch nie seien es in Deutschland so viele gewesen. Eine soziale Hängematte sehe daher auch er nicht.

Superreiche oder Neiddebatte

Gestritten wurde darum, ob höhere Einkommen stärker besteuert werden sollten. Friedhelm Boginski sieht darin eine Neiddebatte und fragt sich, wer diese Superreichen seien, die geschröpft werden sollen. Laut Sebastian Walter seien es natürlich nicht die Mittelständischen Unternehmen, sondern solche, die Milliardengewinne erwirtschaften. In dem Zusammenhang holte Walter auch nochmal die Möwenpickspende an die FDP hervor, die zur Regierungszeit von Schwarz-Gelb in Zusammenhang mit Steuervergünstigungen für Hotels gebracht wurde.
Zwei Stunden dauerte der Talk in der Stadthalle, bei dem trotz des personell großen Podiums jeder der Kandidaten mehrfach zu Wort kam. Am Ende dankten mehrere der Teilnehmer den Gästen, die fortwährend Fragen stellen durften, dass sie diese Gelegenheit wahrnahmen und kritisch blieben. Wie Michael Kellner, der tags zuvor in der Sendung des ZDF-Talkers Markus Lanz zu Gast war, dem Publikum bescheinigte, sei das Wählerforum in Eberswalde mindestens genauso spannend gewesen. Es war das vorerst letzte, das in Eberswalde angesetzt ist. Die für den 13. September im Bonhoeffer-Haus geplante Veranstaltung ist abgesagt. Gelegenheiten, den Kandidaten auf den Zahn zu fühlen, gibt es am 8. September in Schwedt, am 14. September in Buckow und am 17. September in Templin.