Einen genetischen Zwilling zu finden, das ist seine ganze Hoffnung. Torsten Frommholz ist auf einen Stammzellenspender angewiesen. Dringend. Der 50-jährige Eberswalder ist an Knochenmarkkrebs erkrankt. An einer besonders aggressiven Form.
Vier Zyklen Chemotherapie hat der Familienvater bereits hinter sich. Behandlungen, die ihn gezeichnet haben. Die Haare sind ausgefallen. Aber das sei noch das Geringste, so der Familienvater. Die Prozeduren kosten Kraft. Enorm viel Kraft. Haben zum Teil heftige Nebenwirkungen. Aber er sei stark, fügt seine Frau Diana (49) hinzu. „Ich will einfach wieder ein normales Leben führen“, sagt Torsten Frommholz. Ein Leben wie noch vor wenigen Monaten. Vor der Diagnose.
Alles begann relativ harmlos. Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Rückgang der Leistungsfähigkeit. „Ich dachte erst, es wäre vielleicht ein Infekt.“ Oder auch Corona. Die unspezifischen Symptome, das hätte irgendwie gepasst. Die Tests aber waren negativ. Das war im Juni. Als dann auch noch Nasen- und Zahnfleischbluten hinzukamen, stellte sich Torsten Frommholz, der vorher eigentlich immer kerngesund war und „fit wie ein Turnschuh“, bei der Hausärztin vor. Nach den ersten Blutanalysen dort gab es einen Verdacht. Frommholz wurde sofort nach Berlin-Buch an ein Zentrum im dortigen Klinikum überwiesen. Etliche Untersuchungen und anderthalb Wochen später, im Juli, war der Verdacht zur Gewissheit geworden. Plasmazellen, die entartet sind. Eine Art von Knochenmarkkrebs. Die Mediziner sprechen vom Multiplen Myelom.

Schicksal trifft die Familie zum zweiten Mal

Sein erster Gedanke, seine erste Reaktion? „Ganz ehrlich, sein erster Gedanke war: Da falle ich jetzt als Spender für Elvis aus“, erzählt Diana Frommholz. Elvis, das ist ihr elfjähriger Sohn. Mit drei Jahren hatte der sich einer Nierentransplantation unterziehen müssen. Diana hatte damals ihrem Sohn eine Niere gespendet. Das Transplantat, das Spenderorgan, werde nicht ewig „halten“, ahnen die Eltern. „So ist er, Torsten denkt immer an andere, an uns.“ Er sei so etwas wie „unser Mentor“. Aber irgendwie auch mehr. Alles eben. „Wir denken mit- und füreinander.“ Immerhin arbeiten die Zwei auch seit fast 30 Jahren zusammen. Frommholz ist Mitinhaber der Eberswalder Firma „Wild- und Fischpräparationen“, ein Unternehmen, das in Fachkreisen einen hervorragenden Ruf genießt. Seine Frau ist dort ebenfalls als Präparatorin tätig.

Eine Arbeit aus dem vorigen Jahr: ein präparierter Elch. Der Elch wurde im Herbst 2019 in Eberswalde verletzt aufgefunden und musste getötet werden. Christian Bresk und Torsten Frommholz haben ihn für die Eberswalder HNE präpariert.
Eine Arbeit aus dem vorigen Jahr: ein präparierter Elch. Der Elch wurde im Herbst 2019 in Eberswalde verletzt aufgefunden und musste getötet werden. Christian Bresk und Torsten Frommholz haben ihn für die Eberswalder HNE präpariert.
© Foto: Thomas Burckhardt
Jetzt jedoch bestimmt der Kampf gegen den Krebs das Leben der Familie. Nichts ist, wie es einmal war. Seit Juli pendelt das Paar für Behandlungen und Besuche zwischen Berlin und Eberswalde. Die ersten Therapien, eine sogenannte Antikörpertherapie und die Plasmapherese, hätten nicht den erhofften Erfolg gebracht. Chemos wurden verordnet. „Anfangs haben wir von Woche zu Woche geplant. Jetzt denken wir manchmal nur noch von Tag zu Tag“, beschreibt Diana Frommholz den Alltag. Einen Alltag, der von Klinikaufenthalten und Arztterminen bestimmt wird. Und zusätzlich Nerven in der Auseinandersetzung mit der Krankenkasse kostet. Um Formulare, Bewilligungen, Kostenübernahmen für Therapien und Medikamente.

Lebenszeit gewinnen, vielleicht zehn Jahre

Frommholz‘ geben aber nicht auf. „Um die Tür zuzuschmeißen, bin ich noch zu jung“, sagt Torsten Frommholz entschlossen. Er schaue nicht zurück. Frage nicht nach dem Warum. Auch wenn er einfügt: „Ich habe immer alle Vorsorgeuntersuchungen mitgemacht.“ Nie sei etwas gewesen. Er konzentriere sich auf das „Wie-kriege-ich-das-weg“. Er schaue nach vorn.
Heilung gibt es nicht. Das wissen Torsten Frommholz und seine Frau. Aber er könne Lebenszeit gewinnen. Zehn Jahre. Vielleicht mehr. „Und wer weiß, vielleicht ist dann die Forschung schon wieder ein Stück weiter.“ Dafür braucht er aber eine Stammzellspende. So schnell wie möglich. Mit der Chemotherapie, so erklärt seine Frau, versuche man, den Krebs gewissermaßen in Schach zu halten oder zurückzudrängen. Auch eigene Stammzellen, Stammzellen von ihm selbst, seien bereits gewonnen und eingefroren worden. All das reiche aber nicht. Es braucht einen genetischen Zwilling. Nur eine Stammzellentransplantation könne ihm langfristig helfen. Das ist der Strohhalm, an den sich die Familie klammert. Und der Plan. Schnell einen Spender finden. Also die Nadel im Heuhaufen? Es könne der erste oder der 1000. Freiwillige sein, der sich meldet, sagt Diana Frommholz.

Online-Aktion „Mein Papa soll leben“

Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei DKMS, die eigenen Angaben zufolge weltweit größte Stammzellspenderdatei, hat deshalb auf ihrem Online-Portal eine Aktion gestartet. Unter dem Titel „Mein Papa soll leben“ bittet der elfjährige Elvis Bürger darum, sich registrieren zu lassen. Er würde gern mit seinem Vater wieder angeln gehen. Wie umgekehrt der Vater seinen Sohn gern würde aufwachsen sehen. Das gebe ihm die Kraft, den Willen. Die Familie. Und die Hoffnung auf ein „wieder normales Leben“.
Exotisches: Zu Frommholz’ Arbeiten gehört auch dieses Krokdil. Es wurde in Tansania erlegt und misst 3,30 Meter. Das Gewicht des Tieres lag bei 250 Kilogramm.
Exotisches: Zu Frommholz’ Arbeiten gehört auch dieses Krokdil. Es wurde in Tansania erlegt und misst 3,30 Meter. Das Gewicht des Tieres lag bei 250 Kilogramm.
© Foto: Thomas Burckhardt
Wenn es ihm einigermaßen ginge und die Nebenwirkungen nicht überborden, möglichweise zwischen zwei Chemo-Zyklen, würde er gern im November nach Paaren/Glien fahren. Zur Landes-Rassegeflügelschau. Mit seinen Hühnern, Wyandotten. Und 2022 mit Familie im Wohnmobil nach Norwegen. Das wäre der Traum.
„Das ganze Leben ist anders. Ja, mit 50 wollten wir etwas kürzertreten“ sagt Diana Frommholz. Aber nicht so. Einfach mehr leben. Leben. Die Chance dazu wünscht sich Torsten Frommholz. Dafür kämpft er. „Und es gibt ja auch schon eine positive Resonanz“, was ihn ermutige. Aufgeben, erklärt er beim Abschied, sei definitiv keine Option. Er hat schließlich noch was vor ...

Stammzellspende

- Ein „genetischer Zwilling“ ist ein Mensch, der in entscheidenden Gewebemerkmalen mit dem Patienten übereinstimmt und deshalb für eine Stammzellspende infrage kommt. Diese ist vor allem bei der Behandlung der verschiedenen Formen von Blutkrebs nötig. Stammzellen können nämlich „frische“, neue Blutzellen bilden.
- Bei einer peripheren Stammzellspende werden die Stammzellen direkt aus der Blutbahn gewonnen. Dazu wird dem Spender Blut abgenommen. Zuvor erhält er ein Medikament, das die Bildung von Stammzellen im Knochenmark so steigert, dass sie in die Blutbahn übertreten und sich dort enreichern.
- Für eine etwaige Spende oder die Prüfung ist zunächst nur eine Registrierung auf www.dkms.de nötig. Der Registrierte erhält dann per Post ein Testkit für einen Abstrich der Mundschleimhaut. Das ist die Voraussetzung für die sogenannte Typisierung der Gewebemerkmale. Neu registrieren lassen können sich alle gesunden Menschen zwischen 17 und 55 Jahren.