Dryad Networks aus Eberswalde
: „Internet der Bäume“ erkennt Brände vor Entstehung

Brände riechen, bevor Rauch aufsteigt? Dryad Networks aus Eberswalde hat Drohnentechnologie im Kampf gegen Waldbrände entwickelt. Ein Start mit Hindernissen.
Von
Sophia Schwan
Eberswalde
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CEO und Co-Gründer Carsten Brinkschulte präsentiert einen Silvanet Sensor und den Silvaguard Drohnen-Prototyp.

CEO und Co-Gründer Carsten Brinkschulte präsentiert einen Silvanet Sensor und den Silvaguard Drohnen-Prototyp.

Dryad Networks
  • Dryad Networks aus Eberswalde stellt KI-gesteuerte Drohne Silvaguard vor, erkennt und löscht Waldbrände frühzeitig.
  • Rund 85% der Waldbrände durch Menschen verursacht; CO₂-Emissionen durch Brände wie globaler Verkehrssektor.
  • Silvanet-Sensoren riechen Brände; Drohnen reagieren autonom aus solarbetriebenen Hangars.
  • EU unterstützt Projekt mit 3,8 Mio. Euro; internationale Einsätze in mehreren Ländern.
  • Ziel: globales Netzwerk zur autonomen Brandbekämpfung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es war eine Premiere mit Symbolkraft: Im Brandenburger Forst in Blütenberg bei Eberswalde stellte das Hightech-Unternehmen Dryad Networks sein neuestes Produkt vor – und läutete damit eine neue Ära in der Waldbrandbekämpfung ein. „Silvaguard“ heißt die autonome, KI-gesteuerte Drohne, die in Kombination mit einem bestehenden Sensornetzwerk Waldbrände erkennen soll, bevor sie sich ausbreiten können.

Die Vorstellung des Prototyps war jedoch mehr als eine technologische Demonstration. Sie war ein Weckruf. Denn die Waldbrandsaison hat gerade erst begonnen – und Brandenburg gilt mit seinen trockenen Böden und Kiefern-Monokulturen als „Pulverfass“. Schon jetzt wurden die ersten Brände gemeldet, die Warnstufen stiegen landesweit Anfang März bis zu Gefahrenstufe vier. Waldbrände sind längst kein Randphänomen mehr. Rund 85 Prozent aller Waldbrände gehen auf menschliches Handeln zurück. Jahr für Jahr bedrohen sie Gemeinden, vernichten Existenzen, Ökosysteme und Menschenleben.

Drahtloses, intelligentes Netzwerk soll Leben retten

Dryad Networks, einst als Start-up in Eberswalde gegründet, ist heute Weltmarktführer im Bereich der „ultra-frühen" Waldbranddetektion. „Unsere Vision ist, den Wald zu schützen, bevor das Feuer beginnt“, erklärt CEO Carsten Brinkschulte.

Brinkschulte betont: „Angesichts der jährlich zunehmenden Zerstörungskraft von Waldbränden reicht die Ultrafrüherkennung jedoch allein nicht mehr aus, weil die Reaktionszeiten bei der herkömmlichen Brandbekämpfung oft zu lang sind. Wir brauchen schnelle und autonom operierende Löschsysteme." Hier kommt Silvaguard ins Spiel. Das KI-gesteuerte Drohnensystem erkennt und soll Brände löschen, bevor sich diese ausbreiten.

Ein Silvanet Sensor verfügt über integrierte künstliche Intelligenz und erkennt Brände über eine Art elektronische Nase, indem es das Feuer „riecht“.

Ein Silvanet Sensor verfügt über integrierte künstliche Intelligenz und erkennt Brände über eine Art elektronische Nase, indem es das Feuer „riecht“.

Dryad Networks

„Wir sehen immer dramatischere Waldbrände und dadurch einen immer stärkeren Verlust der biologischen Vielfalt. Etwa 20 Prozent aller CO₂-Emissionen entstehen durch Waldbrände – das sind zwischen sechs und acht Milliarden Tonnen CO₂. Diese Menge entspricht ungefähr dem gesamten globalen Verkehrssektor – also allen Autos, Flugzeugen und Schiffen zusammen.“

Das Herzstück der Technologie ist das Silvanet-System – ein drahtloses Mesh-Netzwerk aus solarbetriebenen Gas- und Umweltsensoren, die wie elektronische Nasen Brände „riechen“ können – noch bevor Flammen oder Rauch sichtbar sind. „Wir bauen das ‚Internet der Bäume‘“, so Brinkschulte. „Ein Netzwerk mitten im Wald, über das unsere Sensoren kommunizieren können. Diese solarbetriebenen Mesh-Netzwerke entstehen in sehr abgelegenen Gegenden, wo kein 4G, LTE oder Smartphone funktioniert. Speziell für diese Sensoren bauen wir ein eigenes Netzwerk auf.“

Made in Germany – entwickelt im Wald für den Wald

Ein weiterer Aspekt, der Dryads Technologie besonders macht: Entwicklung und Herstellung finden komplett in Deutschland statt. „Ein System, das den Wald schützen will, gehört auch in den Wald“, sagt Brinkschulte. Der Standort Eberswalde ist dabei kein Zufall – hier treffen Technik, Natur und Forschung auf ideale Weise zusammen. „Unsere Sensoren sind keine billigen Importprodukte, sondern langlebige Hightech-Lösungen aus deutscher Fertigung und dazu noch kostengünstig, effizient, robust und zuverlässig.“

Silvaguard: Die fliegende Verstärkung

Silvaguard ergänzt dieses Netzwerk nun um eine entscheidende Komponente: die Luftüberwachung. Bei einem Echtzeit-Waldbrand-Szenario in einem Forst bei Eberswalde reagierte die Silvaguard-Drohne auf ein kontrolliertes Feuer, das vom Silvanet-System binnen Minuten erkannt wurde. Die Drohne startete aus ihrem solarbetriebenen Hangar, flog autonom zur Brandstelle, analysierte das Feuer visuell und übermittelte optische und Infrarotdaten.

Der solarbetriebenen Hangar – ein stationäres Ladesystem, das vollständig energieautark arbeitet und auf schnelle Reaktionszeiten ausgelegt ist.

Der solarbetriebenen Hangar – ein stationäres Ladesystem, das vollständig energieautark arbeitet und auf schnelle Reaktionszeiten ausgelegt ist.

Dryad Networks

„Unsere Demonstration markiert den Einstieg in eine zukunftsweisende Waldbrandbekämpfung, die Feuer schon im Anfangsstadium innerhalb von Minuten erkennen und löschen wird. Dryad ist in der Lage, diese Vision auch wirklich umzusetzen“, sagt der Tech-Gründer.

Dabei verlief die Vorführung nicht ganz ohne Zwischenfall: Ein beschädigtes Verbindungskabel – nötig für die große Bildschirmübertragung – sorgte für einen kurzfristigen Ausfall der Verbindung. Die Panne konnte jedoch rasch behoben werden, sodass die Live-Demonstration erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

In einer späteren Entwicklungsphase sollen Silvaguard-Drohnen mit innovativen Löschtechnologien wie niederfrequenten Schallwellen ausgestattet werden.

Klimakrise und Technologie im Dialog

Lindon Pronto, führender Experte für Waldbrandbekämpfung am European Forest Institute ergänzte: „Wenn ein Feuer gemeldet wird, erfolgt automatisch ein Großeinsatz. Das kann Ressourcen blockieren – etwa bei einem parallelen medizinischen Notfall. Technologien wie Silvaguard helfen, Einsätze besser zu priorisieren und Personal gezielter einzusetzen.“

Brandenburg ist von Waldbränden besonders gefährdet, allerdings nicht nur wegen der Klimakrise: Mit rund zwölf Prozent seiner Fläche ist es das am stärksten kampfmittelbelastete Bundesland. In Regionen wie den Seelower Höhen, dem Kessel von Halbe oder Städten wie Oranienburg und Potsdam lauern historische Gefahren im Boden. Mehr als 170 Bomben wurden allein in Oranienburg seit 1991 entschärft. Jährlich vernichtet der Kampfmittelbeseitigungsdienst Hunderte gefährliche Altlasten – von Bomben bis Kleinmunition.

Pronto betont: „Zwei Prozent der deutschen Landfläche sind durch Blindgänger kontaminiert. Das bedeutet: Wenn in einer angrenzenden Siedlung ein Feuer ausbricht, müssten Feuerwehrleute theoretisch tatenlos zusehen, wenn sie die Regeln strikt befolgen. Dort braucht es Sicherheitsradien von mindestens 1.000 Metern. Genau in solchen Szenarien sind autonome Lösungen wie Silvaguard nicht nur sinnvoll – sie sind lebenswichtig.“

Von Kalifornien bis Brandenburg: verheerende Brände nehmen zu 

Die Dringlichkeit ist global. Die jüngsten Feuer in Kalifornien verursachten Schäden von 250 Milliarden US-Dollar. Eine Studie im Fachmagazin Science zeigt, dass sich die täglichen Wachstumsraten zerstörerischer Waldbrände seit 2001 im Westen der USA mehr als verdoppelt haben. Zwischen 2001 und 2023 wurden laut Global Forest Watch weltweit 1,38 Millionen Quadratkilometer Wald durch Brände zerstört – eine Fläche viermal so groß wie Deutschland.

Der Weg zur globalen, autonomen Brandbekämpfung

Dryad plant, Silvanet und Silvaguard vollständig zu integrieren. Sobald Silvanet ein Feuer detektiert, startet automatisch die nächstgelegene Drohne zur Lageeinschätzung – künftig auch zur Brandbekämpfung. Die EU unterstützt das Projekt mit 3,8 Millionen Euro aus dem EFRE-Fonds.

„Unser langfristiges Ziel bleibt, auch das Löschen autonom durchzuführen – eventuell sogar mittels innovativer Methoden wie niederfrequenten Schallwellen, um schweres Wasser oder Löschschaum zu vermeiden“, erklärt Brinkschulte.

Die Vision: ein globales, intelligentes Netzwerk, das verheerende Waldbrände autonom erkennt und löscht.

Die Vision: ein globales, intelligentes Netzwerk, das verheerende Waldbrände autonom erkennt und löscht.

Dryad Networks

Die Vision: Ein skalierbares, autonomes Drohnennetzwerk zur Waldbrandbekämpfung, das weltweit an strategischen Standorten einsatzbereit ist. In der nächsten Entwicklungsphase soll die Drohne selbstständig Löschvorgänge durchführen, mehrere Drohnen koordinieren und mithilfe künstlicher Intelligenz Entscheidungen treffen.

Schon heute ist Dryad international aktiv: Über 50 Installationen mit mehr als 20.000 Sensoren sind in Ländern wie Spanien, Griechenland, Kanada, Thailand, den USA und Südafrika im Einsatz – weitere Märkte wie Australien und Neuseeland sollen folgen. Für die internationale Skalierung arbeitet das Unternehmen eng mit Partnern wie Vodafone und Bosch zusammen.

Potenzielle Anwender sind nicht nur Feuerwehren, sondern auch Versorger, Bahnbetreiber, Forstbetriebe, Versicherungen und Umweltorganisationen – überall dort, wo schnelles Eingreifen Leben und Ressourcen schützen kann.

Brinkschulte fasst zusammen: „Unsere Sensoren ergänzen Satelliten und Kameras. Die sehen nur, was über dem Blätterdach geschieht – wir riechen das Feuer darunter. Das verschafft uns entscheidende Zeit.“