Ellen Grünwald greift eine Handvoll Erde. Die feuchte dunkle Masse aus dem Boden vorm Grabstein verreibt sie auf Papier von der Rolle. Das Blatt auf die Inschrift gedrückt, wird der verwitterte Namenszug bald lesbar: Sara Cohn. Die Jüdin lebte von 1793 bis 1875. Ihr Grab befindet sich auf dem alten jüdischen Friedhof Eberswalde – ein vor allem im Frühjahr idyllischer Ort, versteckt gelegen auf dem Gelände der Gropius-Klinik.

Grabstein-Abriebe sollen digitalisiert werden

„Ich bin gerade dabei, Grabsteinabriebe zu machen“, erläutert Grünwald, die vor zwei Jahren die Initiative „Spuren jüdischen Lebens in Eberswalde“ begründet hat. Die Abriebe sollen digitalisiert werden und ins Barnimer Kreisarchiv eingehen. Vor allem gehe es darum, die Namen der Bestatteten ins öffentliche Gedächtnis zurückzuholen.

Eberswalde

Überhaupt ist es Ziel der Initiative, Spuren früherer jüdischer Stadtbewohner wieder sichtbar zu machen – unter anderem an der 1751 angelegten Begräbnisstätte. Für Besucherführungen und Bildungsarbeit sollen auf dem überwucherten Friedhofsgelände Wege angelegt und von Bewuchs befreit werden.

Wegen des Sabbats beginnt die Friedhofsaktion zeitversetzt

„Wir haben das schon mal probiert. Aber das ist gar nicht so einfach – Efeu ist eine Macht“, sagt Marieta Böttger. Die Initiative hofft auf Helfer, die dabei im Rahmen des 13. Eberswalder Freiwilligentages mitanpacken – wenn auch mit Rücksicht auf den religiösen Charakter des Ortes etwas zeitversetzt.

Freiwilligentag am kommenden Samstag

Der von der Freiwilligenagentur der Bürgerstiftung Barnim Uckermark ausgerichtete Tag am Sonnabend (29. Mai) fällt auf den Sabbat, den jüdischen Ruhetag, an dem Friedhöfe nicht betreten werden dürfen. „Daran wollen wir uns halten“, sagt Böttger. So soll der Friedhofseinsatz am Sonntag, 30. Mai, stattfinden.

Coronabedingte Absage und Nachbarschaftshilfen im Lockdown

Am Freiwilligentag seien aber alle Eberswalder eingeladen, „etwas für sich und für die Stadt zu tun“ – nach der pandemiebedingten Pause 2020 dieses Jahr wieder bei konzertierten Aktionen. Ganz ausgefallen sei das Helfer-Event allerdings auch im vergangenen Jahr nicht, sagt Katja Schmidt von der Freiwilligenagentur Eberswalde. Während des ersten Lockdowns sei es bei den von der Agentur vermittelten Ehrenamtseinsätzen vor allem um Coronahilfen gegangen. „Viele waren unterwegs, um Nachbarschaftshilfe zu leisten“, so Schmidt. 2021 gibt es nun wieder vielfältige Bereiche, in denen sich Freiwillige zeitgleich an verschiedenen Orten der Stadt engagieren können.

Abstand und Gemeinschaftssinn zugleich möglich

„Ich bin froh, dass der Tag stattfinden kann“, sagt Eberswaldes Sozialdezernent Jan König im Vorfeld. „Wir haben lange überlegt: Wie kriegen wir’s hin?“ Es sei großartig, dass Angebote geschaffen wurden, die sich mit der Eindämmungsverordnung vereinbaren lassen und dennoch Gemeinschaft möglich machen. So lasse sich das Engagement wachhalten. „Wir brauchen die Freiwilligen, wir brauchen das Ehrenamt“, betont der Rathausvertreter. „Das letzte Jahr hat das nochmal ganz plastisch gezeigt.“

14 Mitmach-Angebote von Vereinen im Freien

Insgesamt 32 Angebote hat Katja Schmidt diesmal zusammengetragen, davon 14 im herkömmlichen Sinne Freiwilligentages: Vereine und Initiativen laden zu gemeinsamen Projekten. Alle finden im Freien statt, berücksichtigen Abstandsregeln und setzen eine Anmeldung voraus.

Vieles dreht sich ums Stadtgrün

Viele der Vor-Ort-Einsätze drehen sich ums Stadtgrün. So findet die offizielle Eröffnung der Mitmach-Veranstaltung am Hospiz auf dem Drachenkopf statt. Von 9 bis 14 Uhr können sich Helfer an Gartenarbeiten auf dem Gelände beteiligen. Ums Pflanzen und Säen geht es unter anderem auch an den Hochbeeten im interkulturellen Garten im Familiengarten, am Dietrich-Bonhoeffer-Haus im Brandenburgischen Viertel, am Neuen Blumenplatz und am Steingarten einer Wohnstätte der Lebenshilfe.

Bänke streichen und einen Lastenrad-Unterstand bauen

Bei anderen Einsätzen können sich Freiwillige handwerklich zu schaffen machen. Der Verein Alnus etwa baut einen Unterstand für ein Lastenrad. Am Café „Brücke“ der Awo, einer Begegnungsstätte für Menschen mit psychischer Erkrankung, sind Bänke zu streichen. Bei zwei Stolperstein-Führungen, mit denen die Initiative „Spuren jüdischen Lebens“ bereits am 29. Mai vertreten ist, sollen die Erinnerungssteine aus Messing geputzt werden. Teilnehmer erfahren zugleich vieles über die Lebensgeschichten der Eberswalder Holocaust-Opfer.

Mitmachen individuell und von zuhause aus

Über die Gemeinschaftsprojekte hinaus hat die Freiwilligenagentur zahlreiche Ideen für individuelle Aktionen zusammengetragen. So können Wege in der Stadt per Rollstuhl oder Kinderwagen auf Barrierefreiheit geprüft werden, Unterstützer ihre Erfahrungen auf der App wheelmap.org eintragen. Bei einigen ist Mitmachen zudem von zuhause aus möglich. Mit der digitalen Erfassung von Daten aus historischen Dokumenten kann man etwa den Aufbau des Arolsen Archives, des weltweit größte Online-Archivs über die Opfer des Nationalsozialismus, unterstützen und auch überregional agieren.

Dankeschön-Party diesmal im Internet

Wie in den Vorjahren geben die Veranstalter – die Stadt sowie die Freiwilligenagentur – am Ende des Tages eine Party, allerdings online. Mithilfe von Sponsoren soll dafür ein Buffetangebot in Überraschungspaketen an die Beteiligten verteilt werden. Ohnehin richten sich die Hoffnungen der Organisatoren auf ein dauerhaftes Engagement. „Es ist zwar eine Eintagsaktion“, sagt Katja Schmidt. „Aber letztendlich ist der Freiwilligentag auch immer die Möglichkeit, sich in ein Ehrenamt einzudenken.“

Mitmachen beim 13. Freiwilligentag am 29. Mai


14 Mitmach-Angebote von Vereinen, Initiativen und Bildungseinrichtungen sind über das ganze Stadtgebiet verteilt. Alle finden im Freien und unter Berücksichtigung der aktuellen Eindämmungsverordnung statt. Eine vorherige Anmeldung ist notwendig: www.freiwillig-in-eberswalde.de. Auf der Website gibt es auch ausführliche Informationen zu den einzelnen Angeboten.

Zwölf Angebote richten sich an Freiwillige, die sich individuell engagieren wollen – etwa Baumscheiben bepflanzen oder Joggen und dabei Müll sammeln. Die Veranstalter hoffen auf Fotos von der jeweiligen Aktion. Darüber hinaus lassen sich sechs Ideen von zuhause aus umsetzen.

Von 18 bis 20 Uhr ist eine Dankeschön-Party für die Freiwilligen im Internet geplant.