Industriegeschichte
: Vater eines Eberswaldes Wahrzeichens

Hermann Werth hat Kräne für Russland und Brasilien bauen lassen. Heute lebt der 95-jährige Chefkonstrukteur des VEB in Joachimsthal.
Von
Marco Marschall
Eberswalde
Jetzt in der App anhören
  • Viele Erinnerungen: Hermann Werth in seinem Wohnzimmer in Joachimsthal. Seine Erinnerungen an die Zeit beim Kranbau hat er zu Papier gebracht und auch Auszüge der 2400 Seiten dicken Stasi-Akte aufbewahrt. Vor elf Jahren kehrte Werth in den Osten zurück.

    Viele Erinnerungen: Hermann Werth in seinem Wohnzimmer in Joachimsthal. Seine Erinnerungen an die Zeit beim Kranbau hat er zu Papier gebracht und auch Auszüge der 2400 Seiten dicken Stasi-Akte aufbewahrt. Vor elf Jahren kehrte Werth in den Osten zurück.

    Marco Marschall
  • Hafenkran in Eberswalde: Als dieser erst kürzlich in der Zeitung abgebildet war, hatte sich Hermann Werth gemeldet.

    Hafenkran in Eberswalde: Als dieser erst kürzlich in der Zeitung abgebildet war, hatte sich Hermann Werth gemeldet.

    MOZ/Thomas Burckhardt
1 / 2

Die Geschichte von Hermann Werth passt gut ins 30. Jahr des Mauerfalls. Der 95-jährige ehemalige Chefkonstrukteur des Eberswalder Kranbaus hat in Ost- und Westdeutschland gelebt. Er hat in der DDR Erfolg gehabt und bekam die Idiotie des Systems zu spüren. Hermann Werth hat die Kräne aus Eberswalde in den 60er-Jahren in die Welt gebracht und eine Stasiakte, die knapp 2400 Seiten umfasst.

Heute lebt der Rentner in Joachimsthal, geboren wurde er im Juni 1924 in Rostock Laage. Mit 18 wurde der gelernte Schlosser Soldat, kämpfte, wie er berichtet, an vorderster Front und bekam viele Orden. „Die haben mir alle nicht geholfen“, sagt er. Er habe Glück gehabt, wurde nur einmal verwundet und geriet für viereinhalb Jahre in russische Gefangenschaft. Eine schicksalshafte Station, denn für die Russen reparierte er Kräne.

Gute Aufstiegschancen

Erste Station nach der Entlassung: Thüringen. Dort lebten Hermann Werths Eltern mittlerweile und dort in Schmalkalden studierte er nach dem Krieg Maschinenbau. Als junge Ingenieure seien er und die anderen seines Jahrgangs umworben worden. „Ich wollte dorthin, wo etwas los ist“, sagt er. So wurde er 1952 nach Eberswalde zum Kranbau geschickt. Einstiegsgehalt 640 Mark. Das ging schnell nach oben. Die Tatsache, dass viele zu jener Zeit in den Westen „abhauten“, versprach für jene, die blieben glänzende Aufstiegsmöglichkeiten. Irgendwann sei er eben auch dran gewesen. Nach Abteilungsleiter Maschinenbau kam Chefkonstrukteur. In die Partei aber trat er nie ein – eine Unbeugsamkeit, die sein Schicksal weiter bestimmen sollte.

„So erlebte eine parteilose Führungskraft die DDR“ steht auf dem Deckblatt des Schnellhefters mit einem Abriss seines Lebens. 67 groß bedruckte Seiten hat Hermann Werth verfasst. Sie liegen auf dem Wohnzimmertisch seines Hauses in Joachimsthal. Das Alter zeigt seine Spuren beim Rentner. Ein Schlauch in der Nase sorgt dafür, dass sein Blut mit Sauerstoff versorgt wird. Doch der 95-Jährige ist klar bei Verstand, zeigt bei den Anekdoten aus seiner Biografie Humor, schildert eingängig und unterhaltsam.

Kräne habe er bauen sollen, deren Pläne der TÜV nie abgesegnet hatte, Schwimmpfahlrammen für die Russen, deren Einzelteile nicht aufeinander abgestimmt waren und die am Ende nicht funktionierten. Werth solle das übernehmen, habe es oft geheißen. Doch gerade hanebüchene Aufträge habe der Chefkonstrukteur sich „übergeben lassen.“ So konnte er für absehbare Misserfolge nicht verantwortlich gemacht werden. Dazwischen ständige Weigerungen gegen einen Partei-Beitritt, Vorgesetzte ohne Ahnung vom Kranbau und die Anschuldigungen der informellen Mitarbeiter. „Die waren gefährlicher als die Stasi selbst“, so Werth. Er hat mehrere dieser Anschuldigungen gegen ihn  aus seiner Stasiakte zusammengetragen. Doch die Vorwürfe der Sabotage wurden nach Ermittlungen der Stasi jedes Mal wieder ausgeräumt. Werth hat diese Stellen in seiner Akte markiert.

Rückendeckung habe der Chefkonstrukteur von dem später eingesetzten Werksdirektor Schomburg erhalten. Im Vieraugengespräch habe der ihn gefragt, wie den dereinst kritischen Ergebnissen des VEBs entgegengewirkt werden könne. Hermann Werth machte eine simple Rechnung auf: „Wenn wir unsere mehr als 3000 Mitarbeiter sinnvoll beschäftigen wollen, müssen wir im Jahr 100 Kräne herstellen“, erinnert er sich. Mindestens die Hälfte müsste in Serie gefertigt werden. Den passenden Auftraggeber wusste er auch: die Russen.

Wolfgang Schomburg war der erste Direktor, der ihm zuhörte. Drei Moskaureisen später hatten sie den Auftrag für 200 Kräne in fünf Jahren zusätzlich zur bisherigen Produktion in der Tasche. Als der Osten versorgt war, ging es auf Messen in den Westen. Das brachte einen weiteren Großauftrag: 320 Kräne für Brasilien. Dorthin zu reisen aber war den SED-Genossen vorbehalten.

Werth habe während seiner Dienstreisen nie die Absicht gehabt, im Westen zu bleiben, erzählt er. Bis er einen Tipp bekam, dass er verhaftet werden sollte. Schomburg als größte Stütze war bereits an andere Stelle versetzt worden. „Dann kamen die Ratten aus ihren Löchern“, so Werth. Bei einer Geschäftsreise 1968 nach Essen, blieb der damals 44-Jährige drüben, kündigte ordentlich unter Inanspruchnahme seines Urlaubs. Die Ehe mit seiner damaligen Frau sei zu diesem Zeitpunkt bereits kaputt gewesen. Doch Hermann Werth ließ in Eberswalde auch seine zwölfjährige Tochter zurück. Jeden Monat habe er Pakete geschickt und doch begann nun ein neues Leben. Sein Vater wurde über die Grenze beordert, um den Chefkonstrukteur zurückzuholen. „Stattdessen hat er mir davon abgeraten“, erinnert sich Werth.

Zurück in den Osten

Arbeit zu finden erwies sich im Westen als unproblematisch. Der Mann vom Eberswalder Kranbau wurde Technischer Leiter einer Firma, die eine Hafengesellschaft, zwei Schrotthandel und eine Maschinenfabrik innehatte. Doch Werth wollte zurück in seinen alten Beruf, „Kraner werden“, wie er sagt. Auch das glückte und er wurde Chefkonstrukteur einer Kranbaufirma in Peine (Niedersachsen), hatte unweit in Hämelerwald ein Haus. Werth heiratete wieder und besuchte mit seiner neuen Frau 15 Jahre nach dem Weggang die DDR. Er wollte seine Tochter wiedersehen. Die hatte mittlerweile einen Sohn. Zuvor habe er sich in Bonn informiert, ob er gefahrlos reisen könne. Tatsächlich sei der neue Westbürger zwar abgehört worden, meint er, konnte aber wieder zurück. Seine Tochter habe das repressive System zu spüren bekommen, durfte beispielsweise kein Abitur machen, erzählt Werth.

Zurück in Westdeutschland wurde der Kraner im Alter von 63 seinen Job los. Die Firma wurde verkauft und Werth machte sich mit einem Ingenieurbüro selbstständig, plante unter anderem eine Buchförderanlage für die Staatsbibliothek in Göttingen und verdiente so gut wie nie zuvor. In Rente ging er erst vor elf Jahren im Alter von 84. Nachdem seine zweite Frau gestorben war, wollte er in die Nähe seiner Tochter, die noch immer in Eberswalde lebt. „Aber nicht zu nah. Das macht man nicht“, sagt Werth. Deshalb kaufte er ein Haus in Joachimsthal, in dem er heute mit neuer Lebensgefährtin lebt. Eine 24-Stunden-Pflegekraft kümmert sich um beide.