Seit 47 Jahren spielen Sham 69 auf den Bühnen der Welt und haben die Punkrockszene maßgeblich mit beeinflusst. Die Single „If The Kids Are United“ prägte eine ganze Subkultur. Für den 05. November 2022 steht nun ein Konzert in Eberswalde auf dem Plan.
Während die Band um Original-Sänger Jimmy Pursey gerade Shows in England vorbereitet, ist der langjährige Sham-69-Drummer Ian Whitewood mit seiner Gruppe in Europa unterwegs – aktuell existieren nämlich zwei Sham-69-Formationen. Eine davon kommt nun nach Eberswalde. Deren Sänger Tim V verrät, wieso es die Band hierhin verschlägt, wie die Zukunftspläne für Sham 69 aussehen und welche „harte Wahrheiten“ junge Menschen von heute hören müssen.

Punkrock gehört in die kleinen Städte

Eure Tourdaten sind interessant. Es fällt auf, dass große Städte wie Berlin, Köln und München auf dem Plan stehen. Eberswalde sticht da ganz schön hervor als kleine Stadt. Warum habt ihr euch diese Location ausgesucht?

Eberswalde… Der Wald der Eber… Warum denn nicht? Unsere Agentur ist deutsch und wir arbeiten seit mehreren Jahren mit Sandra von BilligPeople zusammen. Wir vertrauen ihrem Urteilsvermögen. Das Entscheidende ist aber, dass wir gerne neue Leute erreichen wollen. Für viele Bands ist es ein Ethos, dass man nur in großen Städten spielen sollte – für uns aber nicht. Dieses Punk-Ding hat in kleinen Städten angefangen und wird sehr wahrscheinlich auch dort enden.

Ihr seid bereits seit langer Zeit dabei, schon seit Mitte der Siebziger. Ihr habt oft über die Frustration geschrieben, die Menschen mit ihrem Leben und dem System verspüren. Die Musikszene und mehrere Generationen wurden von euch geprägt. Glaubt ihr, dass ihr denselben Effekt auch noch auf jüngere Generationen haben könntet?

Kurz gesagt Nein. Ich fürchte, selbst nach all den Kriegen auf der Welt haben wir als Menschen noch immer nichts gelernt. Was man tatsächlich in den Leuten erreichen kann, ist ihre schlummernde Frustration. Wenn wir also Leute dazu inspirieren zu schreiben, aufzutreten oder ihnen dieses Gefühl von Aufregung und einer guten Zeit geben – dann ist das toll, dann haben wir unser Ziel erreicht. Ich befürchte jedoch, das „Arbeiterklasse-Helden-Mythos-Schiff“ ist schon lange davon gesegelt. Heutzutage sehen wir Bands, die unter der Flagge von Autonomie und Anarchie segeln und der Arbeiterklasse-Straßenkämpfer wird eher mit Margaret Thatcher assoziiert, anstelle von Bakunin. Die jungen Menschen haben sich in eine blasse Generation verwandelt. Heutzutage sind die meisten Jugendlichen orientierungslos. Es ist wie „The Walking Dead“ da draußen. Wir versuchen immer noch ihre Lust aufzuwecken oder ihnen einen Denkanstoß zu verpassen. Klar ist es echt cool, dass wir in unserem Alter noch spielen können, aber meiner Meinung nach gehört das Rampenlicht den jungen Bands, die noch wirklich verstehen, wie sie junge Menschen erreichen können. Wir hatten unsere Einflüsse, die Jugend hat ihre eigenen.

Wir sind Senioren der Arbeiterklasse

Wen wollt ihr heute noch erreichen und warum?

Gott… Hoffentlich die Krankenschwester, die mich vorm Fallen bewahrt (lacht). Aber um ehrlich zu sein, ist das schon ein Problem. Wie kann man denn bitte über „Kids auf den Straßen“ schreiben, wenn man selbst in seinen Sechzigern oder Siebzigern ist? Songs von Leuten wie uns sollten eher unsere Erfahrung als „Senioren“ der Arbeiterklasse reflektieren und wie die Dinge aus unserer Perspektive aussehen. Wir „alten Säcke“ haben auch nicht das Privileg, immer richtigzuliegen. Ich denke aber du solltest über das schreiben, was du wirklich fühlst. Wenn man es bis heute nicht schafft, die Wahrheit zu sagen, dann lass es doch gleich sein!

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Was für „harte Wahrheiten“ müssen jüngere Generationen oder Leute in meinem Alter hören?

Hmm… (lacht). Keine Ahnung, wie alt du bist, aber ich schätze nicht über 30? Dafür muss ich jetzt meine tote Mutter ins Interview holen – natürlich nicht wortwörtlich. Jedenfalls sagte sie etwas zu mir, als ich gerade mal zehn war und wir nicht viel Geld hatten. Wir fuhren auf unseren Fahrrädern zusammen einen kleinen Berg hinab. Ich fiel vom Rad und direkt hinein in einen Busch mit Stacheln und Brennnesseln. Meine Mutter sah mich nur an und begann zu lachen. Dann sagte sie mir, ich solle aufhören zu weinen und mich zurück aufs Rad setzen. Seit diesem Tag an nutze ich genau diese Philosophie. Ich kann weinerliche Menschen nicht leiden. Wenn du jung bist und denkst, das Leben ist schwer, dann geh da raus und kämpfe für ein besseres. Setze dich nicht einfach auf deinen Arsch und jammere.

Die meisten jungen Menschen protestieren über die Umwelt und trotzdem kaufen sie jedes Mal das nächstbeste iPhone oder machen einen Modetrend nach dem anderen mit. Die Welt wurde schon immer von Heuchlern besiedelt und das resultiert oftmals in Konflikten. Ich denke, was du als junge Person tun solltest, ist auf die Vergangenheit zurückzuschauen. Verstehe, was passiert ist. Kritische Momente in der Vergangenheit sollten Teil unserer zukünftigen Bildung sein.

Was motiviert euch dazu, mit dem Schreiben von Musik und den Auftritten weiterzumachen?

Ich denke, was mich und die anderen motiviert zu schreiben ist ziemlich ähnlich zur Philosophie von Malcom X: „by any means necessary“ (deutsch: um jeden Preis notwendig). Wir genießen das Schreiben und es ist für uns eine Möglichkeit, jemanden zu berühren oder unsere Wut in Form von Musik und Worten zu verbreiten. Natürlich auch, um jemanden zum Lächeln zu bringen. Es ist ein Weg für uns zu sagen, wir verstehen dich. Jeder, der es in unserem Alter noch auf die Bühne schafft, sollte auch ordentlich die Sau rauslassen und die Zeit genießen. Sich nicht hinsetzen und denken „Oh ja… Der Tod kommt als Nächstes“. Nah, drauf geschissen. Ich gehe lieber drauf in dem Wissen, dass ich alles erreicht habe, was ich wollte.

Keiner ist perfekt

Fühlt ihr auch heute noch Druck, bevor ihr Musik veröffentlicht? Nach all dieser Zeit haben immerhin Fans und Menschen gewisse Erwartungen an euch und euren Sound entwickelt. Wie geht ihr damit um?

Gott nein… Druck ist was für Weicheier. Wir schreiben und produzieren Musik, die uns persönlich viel bedeutet. Keiner ist perfekt. Wir haben jedoch hart als Band daran gearbeitet, eine Grundlage aufzubauen. Wir spielen mit Herz und Seele und ich hoffe, die Leute sehen das. Obwohl Punkrock seine eigene Seele viele Jahre zuvor verkauft hat, glauben einige Bands noch und kämpfen weiter. Wir gehören dazu. Druck also eher weniger. Ich denke, wir gehen einfach auf die Bühne und geben 110%. Wenn Leute uns dafür hassen oder denken, das sind nicht Sham 69Songs, dann haben sie die freie Wahl zu gehen.

Eine Menge Leute glauben, dass Punkrock tot ist. Wenn ihr euch Bands aus diesem Genre anschaut, dann sind viele Bands aus dieser Subkultur noch immer erfolgreich. Zum Beispiel die Toten Hosen in Deutschland - nur eben älter. Wie würdet ihr sagen, sieht die Zukunft für das Musikgenre Punkrock aus?

Die Toten Hosen sind die Toten Hosen. Sie sind eine Band, die ihren eigenen Mythos hervorgebracht haben. Sie sind aufgetreten, weil sie es geliebt haben und genau das spiegelt sich in ihrer Musik wider. Natürlich sind sie älter, aber hier geht es um Freiheit und Entscheidungen.

Punkrock ist nie gestorben, es entwickelt sich ständig weiter. Und wenn es sich mit einem Haufen von 16-jährigen und alten Musikern entwickelt, die darüber singen, was sie anpisst - dann ist das toll! Das ist die Ethik von Punk. Jedoch glaube ich, dass die Punkbewegung genau dann gestorben ist, als die Fashion-Szene sie aufgekauft hat… Zu sehen, wie T-Shirts von Ramones und The Clash in Shops rumhängen oder auf Catwalks von Chanel und Gucci präsentiert werden, ist total abgefuckt. Punk ist mehr als das.

Leute gehen und sehen sich The Exploited wegen Wattie und den Jungs an. Weil sie eben bedeutsame Musik schreiben und verkörpern… Die Widerspiegelung von Wut. Genauso ist das mit uns. Ich hoffe und bete, dass junge Bands eben diese Punk-Ethik finden und eine Band formen, die auch diesen Geist zeigt.

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Irgendwelche unerfüllten Ziele auf eurer Liste? Errungenschaften, die ihr noch gerne erreichen würdet?

Außer dass Großbritannien das deutsche Team in der WM platt macht, haben wir nicht wirklich Ziele (lacht). Immerhin sind wir schon weltweit auf Tour gewesen - selbst in Russland und China. Ich schätze, irgendwann wird diese Band als das hervortreten, was sie wirklich ist und Menschen fangen an, die Dinge so zu sehen, wie sie auch sind. Währenddessen hast du Leute, die rasende Irre wählen und die Kardashians glotzen, die beliebt im Fernsehen sind. Wir als Welt sind absolut gefickt!

Wo findet das Konzert statt und wie bekomme ich Karten?

SHAM 69 treten am 05. November im Exil in Eberswalde auf. Die Karten kann man ganz einfach an der Abendkasse erwerben. Einlass ist um 19 Uhr und Konzertbeginn laut Veranstalter um 20:30 Uhr.