Es ist stockdunkel, als Amadeu Antonio und seine Freunde aus dem „Hüttengasthaus“ treten. Eigentlich wollen sie direkt nach Hause gehen, doch laufen nur wenige Meter entfernt einem rechten Mob in die Arme – zwischen 50 und 60 Jugendliche und junge Erwachsene. Mit Holzlatten und Softballschlägern wird auf die drei Gastarbeiter eingeschlagen.
Die beiden Anderen können fliehen, doch Amadeu Antonio wird umringt und bleibt zurück. Vielleicht zehn Leute schlagen weiter auf ihn ein. Als Antonio bereits am Boden liegt, springt ein Angreifer auf seinem Kopf herum. Dabei verliert Antonio das Bewusstsein. Für immer. Am Abend des 24. Novembers 1990 fällt er in ein Koma. Am 6. Dezember, nur wenige Tage später, stirbt er an den Folgen seiner Verletzungen.
Wie ist die Stadt Eberswalde seitdem mit der Tat umgegangen? Und ist der Prozess der Erinnerung und Aufarbeitung jemals abgeschlossen?

Brandenburg ein Vorreiter der Aufarbeitung rechter Gewalt

Timo Reinfrank, der Geschäftsführer der Amadeu-Antonio-Stiftung, positioniert sich klar. „Es geht vorrangig um eine Verhinderung weiterer Todesopfer,“ sagt er, „darum bemühen wir uns um viel Engagement vor Ort und um Förderung der Menschen in der Kommune. Mit Eberswalde und dem Land Brandenburg haben wir vor Ort lokale, starke Partner.“ Die Amadeu-Antonio-Stiftung wurde 1998 im Zuge des Mordes gegründet und unterstützt heute Opfer rechter Gewalt in ganz Deutschland.
Reinfrank betont, dass das Land Brandenburg ein „Vorreiter bei der Auseinandersetzung mit rechter Gewalt“ sei. „Der Prozess rund um die Gewalt und die Klarheit sind in Brandenburg sehr fortschrittlich“, sagt er. Im Kleinen zeige die Stadt Eberswalde, wie Aufbereitung nach einer Gewalttat richtig funktioniere. „Die Stadt hat es sich selbst auferlegt, das Gedenken innerhalb der Stadt sichtbarer zu machen. Ein sehr wichtiges Vorhaben.“

Gewalttat veränderte Zusammenleben in der Stadt Eberswalde

Jan König, Dezernent für Wirtschaft und Soziales in Eberswalde und Stellvertretender Bürgermeister, sieht dies genauso. „Diese Aufarbeitung ist auch eine Mahnung an uns selbst und kommende Generationen, dass so etwas nicht noch einmal passieren darf.“ Es brauche eine Erinnerungskultur, die sich langfristig mit der Vergangenheit auseinandersetze, da eine solche Gewalttat – egal ob politisch, religiös oder anderwärtig motiviert – das Zusammenleben innerhalb einer Stadt nachhaltig verändere.
Dass die Erinnerungskultur wichtig ist und dringend gebraucht wird, zeigen die Zahlen aus den Statistiken der Opferperspektive. Seit 2015 ist wieder ein Anstieg von rechten Gewalttaten in Brandenburg zu verzeichnen. Zudem ist die Anzahl der rechts-politisch motivierten Gewalttaten seitdem auf einem gleichbleibend hohen Niveau.
Statistik der Zahlen von Opfern durch rechts-motivierte Gewalt von 2002 bis 2020 (Quelle: Opferperspektive)

Zu Beginn kein Drang zur Erinnerung im Barnim

Gerade um 2000 war von einer Aufarbeitung allerdings nur wenig zu sehen. Ein Beitrag der Serie Panorama der ARD zitiert den damaligen Bürgermeister der Stadt Eberswalde: „Wir haben eben seit zehn Jahren mit diesem Problem zu tun, dass wir immer wieder darauf hingewiesen, dass es vor zehn Jahren diese schreckliche Tat gab. Wir sind da nicht glücklich drüber.“ Verdrängung statt Erinnern.
„Viele Menschen innerhalb der Stadt wollten den Raum für die Problematik nicht wahrnehmen. ‚Was ist mit den deutschen Opfern,‘ war unter anderem eines der Argumente, was natürlich auch ein sehr wichtiges Thema ist,“ so Reinfrank. Dabei habe sich die Diskussion innerhalb von Eberswalde mit Diskussionen auf Bundesebene gedeckt, die in der Zeit nach der Gewalttat auftraten.
Die Stimmung danach sei in der Stadt ebenfalls lange schwierig gewesen, viele andere Vertragsarbeiter wie Amadeu Antonio zogen in den Jahren nach der Tat weg aufgrund von verbalen Attacken von Neonazis sowie dem Anzünden des Afrikanischen Kulturvereins im Jahr 2000. So auch Antonios damalige Verlobte und Mutter seines kurz darauf geborenen Kindes.

Straßenumbenennung war in Eberswalde lange ein brisantes Thema

In der Zeit zwischen 2000 bis hoch zu 2011 wird die Initiative „Light me Amadeu“ gegründet, die vor allem eines antreibt: eine Diskussion um eine Umbenennung einer Straße nach Amadeu Antonio. Anfang 2012 sammelte „Light me Amadeu“ Unterschriften, um die Umbenennung anzukurbeln. Als diese dem damaligen Bürgermeister vorgelegt wurde, kamen Gerüchte auf, dass eine andere Unterschriftensammlung existiere, die sich gegen ein solches Vorhaben aussprach. Diese war jedoch nicht öffentlich einsehbar. Da es solchen Gegenwind gab, wurde damals als Mittelweg ein neues Gedenkkonzept ausgearbeitet, in dem auch der Name des geplanten Bürgerbildungszentrums in der Puschkinstraße besprochen wurde.
Auch zum 31. Gedenktag in 2021 gab es wieder eine Feier - auch wenn diese wegen der Corona-Pandemie kleiner ausfallen musste.
Auch zum 31. Gedenktag in 2021 gab es wieder eine Feier - auch wenn diese wegen der Corona-Pandemie kleiner ausfallen musste.
© Foto: Thomas Burckhardt
„Das Bürgerbildungszentrum nach Amadeu Antonio zu benennen, war eine Art Kompromiss“, so Reinfrank. Trotzdem sei eine mögliche Straßenumbenennung nach Amadeu Antonio für die Stiftung nicht vom Tisch. König sagte dazu: „Das Thema wurde zwar breit in der Bevölkerung diskutiert. Aber aus Sicht der Politik gab es keine politische Mehrheit.“ Dies sei aus Sicht der Stadt auch immer noch nicht der Fall.

Jährliche Mahnwachen und bundesweiter Kunstpreis für Amadeu Antonio

Außerhalb der Straßenbenennung gibt es auch andere Anstrengungen, das Andenken an Amadeu Antonio am Leben zu erhalten. Reinfrank lobt auch hier das Engagement der Stadt zur Erinnerung und Mahnung. „Die Vergabe des Amadeu-Antonio Kunstpreises und die jährlichen Mahnwachen tragen ihrerseits zur Erinnerung in der Stadt bei.“ In Corona-Zeiten fanden diese Mahnwachen ebenfalls statt, nur eben auf digitalem Wege.
Zusätzlich wurden unter anderem eine Infotafel am Bürgerbildungszentrum und eine Gedenktafel in der Eberswalder Straße 24a angebracht. Auch werden regelmäßig Projekte angeboten, die sich mit Rechtsextremismus und Rassismus auseinandersetzen, gerade für interessierte Jugendliche, aber auch für alle anderen Bewohner und Gäste von Eberswalde. Beispielsweise eine „Nacht der Jugend“ in 2018 war ein solches Projekt.

Aufstellung eines Gedenkbaumes nicht ohne Diskussionen

Auch die Aufstellung eines Gedenkbaumes in 2022 soll weiterhin zur Erinnerung beitragen. Ein Schritt, den König und Reinfrank gleichermaßen begrüßen. „Der Gedenkbaum ist eine weitere Möglichkeit, allgemein Leiharbeiter der damaligen Zeit in den Mittelpunkt zu rücken“, so Reinfrank. „Der Baum könnte auch durchaus eine Art Sightseeing-Punkt werden.“
Und König ergänzt: „Der Baum soll ein weiterer Schritt in die richtige Richtung sein.“ Wann der Baum genau aufgestellt werden soll ist noch unklar. Allerdings wurde auch die Planung des Gedenkbaumes wieder durch Diskussionen innerhalb der Stadtverordnetenversammlung überschattet. Zwar wurde am Ende der Baum beschlossen, doch trotzdem gibt es immer noch Diskussionen um die Notwendigkeit der Aufarbeitung und Erinnerung.
Unter anderem sprach sich „Die Mitte“ gegen das Aufstellen eines Gedenkbaumes aus. Der Fraktionsvorsitzende, Heinz-Dieter Parys, reagierte jedoch nicht auf die Anfrage der MOZ zu den Gegenargumenten.

Rassismus lebt immer noch in Eberswalde

Jan König spricht sich deutlich für ein Weiterführen der Erinnerungskultur aus. „Wir sind immer verpflichtet, zu mahnen, egal wie lange der Tod von Amadeu Antonio her ist. Dieser Prozess der Aufarbeitung und Erinnerung kann nicht einfach aufhören.“ Auch wenn die Tat nun 32 Jahre her sei und es keine oder wenige Berührungspunkte mehr mit den derzeit in Eberswalde lebenden Bürgern gebe, müsse man diese Punkte eben schaffen.
30.Todestag von Amadeu Antonio

Gedenken 30.Todestag von Amadeu Antonio

Trotzdem ist Eberswalde weit gekommen – Timo Reinfrank sieht auch auf die Arbeit der letzten Jahre zurück. „Man darf auch nicht vergessen,“ sagt Reinfrank, „dass es ein langwieriger Prozess ist. Wir sehen hier zurück auf die Bemühungen von Jahren, die immer noch anhalten. Und das sind definitiv Bemühungen, die wir als Stiftung ebenfalls begrüßen.“ Und auch Bemühungen, die weiterhin anhalten werden – als Erinnerung an die Vergangenheit, die sich nicht wiederholen sollte.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie Rechtsextremismus in Brandenburg und Sachsen von LR und MOZ.