Spurensuche: Bewegende Momente ohne TV-Kamera

Schnappschuss zur Erinnerung: Nick Ross fotografiert in der Messingwerksiedlung die Gedenktafel für seinen Großvater Felix Rosenblüth, der seine Kindheit und Jugend in diesem Haus verbrachte und später Israels erster Justizminister wurde.
Thomas BurckhardtDie herzliche Aufnahme in Eberswalde, der Heimat seiner Vorfahren, gehörte neben dem bevorstehenden Brexit zu den Auslösern dafür, dass der britische TV-Moderator Nick Ross deutscher Staatsbürger geworden ist. Jetzt war der 71-Jährige auf Spurensuche wieder zu Besuch.
In Großbritannien dürfte Nick Ross noch den meisten Fernseh-Zuschauern bekannt sein. Bis Juli 2007 hatte der studierte Psychologe allem in allem 23 Jahre lang die BBC die Serie „Crimewatch“ moderiert, die dem deutschen „Aktenzeichen XY“ nachempfunden ist. Auch danach ist der Vielbeschäftigte nie so ganz vom Bildschirm verschwunden. Er dreht seither vor allem Dokumentarfilme und hatte im dienstlichen Auftrag gerade in Berlin zu tun. Deshalb passte es zeitlich, als ihn die Einladung des Eberswalder Bürgermeisters Friedhelm Boginski erreichte. „Ich hab’ im Dezember ein langes Porträt über Nick Ross in der ,Süddeutschen Zeitung’ gelesen, in dem Eberswalde mehrfach lobend erwähnt wird. Da dachte ich mir, den Mann willst Du unbedingt näher kennenlernen“, berichtet das Stadtoberhaupt.
Der Moderator kommt gänzlich ohne Star-Allüren daher. Er ist in Beleitung seiner Frau Sarah Chaplin, mit der er seit 1985 verheiratet ist und drei erwachsene Kinder hat. Das Paar spricht fast nur Englisch, versteht aber einigermaßen Deutsch. Nick Ross weicht, ganz Profi, keiner Frage zum Brexit und zu seiner Entscheidung, neben der britischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, aus. Für ihn gehöre Großbritannien unbedingt in die EU. Doch eigentlich will er sich diesmal ganz auf die Geschichte seiner Vorfahren konzentrieren, sagt der Moderator zu Beginn des Rundganges durch die Messingwerksiedlung in Finow. Zu seinen Altvorderen zählte sein Opa Felix Rosenblüth, später erster Justizminister des noch jungen Staates Israel, der seine Kindheit und Jugend dort verlebte. Nick Ross und Sarah Chaplin werden von Bürgermeister Friedhelm Boginski, Pressesprecher Johan Bodnar sowie Rathaus-Mitarbeiterin Severine Wolff begleitet. Die beiden Letztgenannten teilen sich die Übersetzungsarbeit. Und haben dabei viel zu tun. Denn Karl-Dietrich Laffin vom Förderverein für den Wasserturm und sein Umfeld ist, was die Geschichte Finows, des Messingwerkes und die Fabrikanten-Familie Hirsch betrifft, ein wandelndes Lexikon. Das britische Paar hört dankbar zu und fragt mehrfach nach.
Im kleinen Museum im Torbogenhaus, das sich vor allem der jüdischen Vergangenheit widmet, hängt ein Foto, das links Felix Rosenblüth, den Großvater von Nick Ross, und rechts Michael Rosenblüth – den Bruder von Felix – zeigt. Auch wenn der Moderator und seine Frau das Bild bereits von vorherigen Besuchen kennen – sie waren seit der Wende schon mehrfach in Finow und haben dabei unter anderemden ehemaligen Ortsvorsteher Arnold Kuchenbecker schätzen gelernt – ist es ein bewegender Moment, als der Enkel auf seinen Großvater deutet.
Die Rosenblüths sind bereits 1912 nach Berlin verzogen. 1933 ist die Familie, zu der schon Hans, der spätere Vater von Nick, gehörte, nach Großbritannien ausgewandert. Auch mit der Lebensgeschichte von Hans, der seinen Nachnamen erst in Rosenbluth veränderte und irgendwann zu Ross verkürzte, ließen sich spannende Bücher füllen.
Sein Sohn Nick Ross fühlt sich auch diesmal in Eberswalde wohl. Der Moderator wird auf Bitten des Bürgermeisters um den 9. November herum an einer Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht teilnehmen.
