Test: Von Mönchen und Smombies

Hinten real, vorn digital: Das Kloster, wie es im Mittelalter aussah, ist auf dem Smartphone dargestellt. Heute ist der Innenhof offen. Auf dem Bildschirm ist er durch einen Gebäudeteil begrenzt. Per Schwenk werden weitere Unterschiede sichtbbar.
Marco MarschallSteffen Schönfelder schwenkt sein Smartphone zum Eingangsgebäude der Choriner Klosteranlage. Dort, wo die Besucher ankommen und am Samstagnachmittag unter weißen Sonnenschirmen Kaffee schlürfen, erscheint auf dem Bildschirm ein Weinberg. Das Gebäude fehlt. Wer aufs Textfeld in der rechten Ecke seines Telefons tippt, erhält die Erklärung. Das Eingangsgebäude war früher ein Schafstall und wurde erst 1825 errichtet. Da waren die Mönche längst ausgezogen. Die virtuelle Realität aber soll darstellen, wie es zu ihrer Zeit aussah.
Schönfelder und seine Kollegen von der Firma Reunion media aus Emden haben diese mittelalterliche Realität am Computer grafisch nachgebaut. Das Ganze lässt sich als kostenlose App herunterladen. Für die Gruppe, die am Nachmittag die erste Klosterführung mit neuer Technik mitmacht, ist das mit wenigen Bildschirmberührungen geschehen. Wer in App– oder Playstore nach Kloster Chorin sucht, wird schnell fündig.
Zwei Realitäten
Und schon kann es losgehen. Eine Karte mit dem Grundriss der Anlage erscheint und zeigt den Besuchern an welchen Punkten der digitale Schwenk Sinn macht. Der funktioniere im Grunde überall, auch auf dem heimischen Sofa. „Doch da hat man keinen Vergleich zu den realen Klostergebäuden“, erklärt Schönfelder. Kennzeichnungen der Orientierungspunkte im realen Kloster, zum Beispiel als Nummer auf dem Fußboden, folgen noch. Bis dahin muss der Entdecker den Standort mit der Karte auf dem Smartphone abgleichen.
Doch das Prinzip ist klar: An sieben Stellen der Anlage kann sich der Klosterbesucher in zwei Realitäten bewegen. In den greifbaren Klostermauern und im mittelalterlichen Nachbau auf dem Bildschirm. Die Stätte, die einst vom meditativen Gang der Mönche geprägt war, hat nun den Smombies das Tor geöffnet – jene Menschen, deren Blick stets auf den Bildschirm ihres Smartphone gerichtet ist – süchtig nach dem, was sich auf dem digitalen Spielzeug tut. So zumindest könnte es für Außenstehende wirken, die die Gäste mit den Telefonen hantieren sehen. Doch der Vergleich trifft nicht ganz zu. Um die Unterschiede zwischen damals und heute zu erkennen, wird auch die analoge Klosterwelt nie völlig ausgeblendet. Die Fürstenempore im Kirchenschiff, die es längst nicht mehr gibt, überhaupt die Wände der heute offenen Gänge.
Das Bild vom mittelalterlichen Leben im Kloster wird durch die App komplettiert, erklärt Kloster–Chefin Franziska Siedler. Der virtuelle Rundgang und der 17–minütige Animationsfilm „Der geistliche Alltag im Kloster Chorin“, der im Ostflügel läuft, sind der dritte und letzte Teil der aufwändig konzipierten Dauerausstellung im Kloster und seit dem Wochenende zu erleben. Den Anfang bildete Teil 1 „Klosterbau und Klosterwirtschaft“ sowie „Karl Friedrich Schinkel in Chorin“ 2017, gefolgt von der Sonderausstellung „Sprechende Steine — Inschriften in Backstein“ 2018.
860 000 Euro wurden für alle Ausstellungsteile insgesamt ausgegeben. Eine Investition, die zur Hälfte vom Bund getragen wurde. 30 Prozent kamen vom Land. Die restlichen 20 waren Eigenmittel unterstützt, von Sparkasse, Landkreis und Gemeinde.
