Ausstellung
: Die Simson – eine Skulptur

Eine Sonderschau im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR widmet sich dem Bauhauserbe
Von
Stefan Lötsch
Eisenhüttenstadt
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Alltagsgegenstände: Verschiedene Stühle werden in der Ausstellung unter anderem als Beispiele dafür gezeigt, wie sich das Bauhaus-Erbe weiter entwickelt hat.

Stefan Lötsch

Hat jemand von Ihnen noch 602?“ Einige Hände im vollbesetzten Vortragsraum des Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR gehen nach oben. „Das ist erfreulich. Denn sie wissen ja: Das sind Möbel von Bauhäuslern. Das steigt ständig im Wert.“ Nein, am Sonntag war im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR nicht eine Folge aus der Serie „Bares für Rares“ zu erleben, wo Antiquitäten auf ihren Wert geschätzt wurde. Der Kunsthistoriker und Designexperte Walter Scheiffele erwähnte vielmehr ein besonders gelungenes Beispiel in der neuen Sonderausstellung des Dok-Zentrum zur Bauhaus-Moderne in der DDR: die Möbelserie 602, die Franz Ehrlich entworfen hat. Der Anspruch war, ein universales Möbelsystem zu konstruieren, das nie mehr abzulösen wäre, so Scheiffele.

Die neue Sonderausstellung ist mit ein Beitrag dazu, eine Lücke zu schließen, der derzeit noch sehr groß ist, aber nach und nach geschlossen wird. Walter Scheiffele nannte es die Ostmoderne. „Über die Ostmoderne wissen wir so gut wie gar nichts. Das ist die Situation im Westen. Und die gehört korrigiert.“

Im Jubiläumsjahr von 100 Jahre Bauhaus hat sich das Dok-Zentrum vorgenommen, die Traditionslinien des Bauhauses in der DDR nachzuzeichnen. Anhand von Objekten der Alltagskultur – Möbeln, Gefäße, Technik, Grafikdesign – und ihren Gestaltern lassen sich die Aspekte des Bauhauses und ihres Anspruches wiederfinden, sagte Florentine Nadolni, Leiterin des Dok-Zentrums.

Exponate aus der Sammlung

Für die Schau konnte die Einrichtung auf Exponate aus der Sammlung von Alltagsgegenständen zurückgreifen. „Ergänzt werden sie um Leihgaben anderer Museen, Stiftungen und Sammler“, erklärte die Museumsleiterin. Auch wenn unsere Sammlung nicht als Designsammlung gelten kann, so geben doch die alltäglichen Dinge einen aussagekräftigen Einblick in die Formgestaltung in der DDR.“ Deren Anspruch sei es nicht gewesen, einzelne stilisierte Designerobjekte zu entwicklen. „Sie war vielmehr an dem in der Praxis oft nur eingeschränkt einlösbaren Ansatz orientiert, einen gleichermaßen guten Gebrauchswert für die breite Bevölkerung zu schaffen“, betonte Florentine Nadolni.

Das lässt sich nicht nur an den Mitropa-Kaffeekännchen sehen, die auch präsentiert werden. Walter Scheiffele hatte als weiteres Beispiel erneut eine Möbelserie parat, diesmal das MDW, entwickelt von Rudolf Horn, gleichsam ein Enkel der Bauhausgründer. „Es ist ein unverwüstlich, ewig verwendbares Möbelprogramm mit unendlicher Variabilität.“ Und die Probefrage des Kunsthistorikers im Publikum bestätigte: Auch diese Möbel sind nach wie vor in Verwendung. Das Besonders ist, dass der Käufer bestimmt, wie das Programm zusammengesetzt wurde, er es auch selber aufbaut. Walter Scheiffele schlug einen Bogen in den Westen: „Wir sind bei IKEA, nur etwas früher.“

Das berühmteste Gestalterduo

Selbst das Moped Simson, das in der Ausstellung zu sehen ist, steht durch die beiden Designer Lutz Rudolph und Karl Clauss Dietel – das berühmteste Gestalterduo der DDR, wie Walter Scheiffele sagte – in der Tradition des Bauhauses. Der Kunsthistoriker erwähnte, dass sich Dietel von einem Künstler der Moderne inspirieren ließ von Karl Arp. Das Moped habe eine skulpturale Formgebung.

Es gab viel Lob: „Es ist eine wunderbare Ausstellung, wie ich sie schon lange nicht gesehen habe“, sagte Walter Scheiffele. Sabine Kuder von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur meinte. Einmal mehr sei durch das Dok-Zentrum ein hochinteressantes Projekt erarbeitet worden. Es ein ein überregionaler Ort für DDR-Geschichte.

Weitere Veranstaltungen im Dok-Zentrum

Zu der Ausstellung , die bis 5. Januar 2020 dauert gibt es begleitende Veranstaltungen.

19. Mai Dipl.-Ing. Tanja Scheffler (Architekturhistorikerin, Dresden) "Bauhäusler in der DDR. Netzwerke, Strippenzieher und Verfemte".

9. Juni Dr. Sylke Wunderlich (Kunsthistorikerin, Stiftung Plakat Ost) "Bürgerlich-dekadent oder modern? Gebrauchsgrafik der DDR unter dem Einfluss der Avantgarde"

18. August Wolfgang Thöner (Stiftung Bauhaus Dessau, Sammlungsleiter) "Das Bauhaus in der Kultur- und Gesellschaftspolitik der SBZ/DDR"

8. September Tag des offenen Denkmals: Führung zu architektonischen Highlights in Eisenhüttenstadt, Axel Drieschner (Kurator Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR)

15. September Dr. Katharina Pfützner (College of Art and Design in Dublin) "Die soziale Orientierung der Industriegestalter der DDR: Buchvorstellung von ‚Designing for Socialist Need‘.

27. Oktober Prof. Dr. Jörn Düwel (Architekturhistoriker, Hamburg) "Moderne und Gegenmoderne in Architektur und Städtebau: Stalinstadt und weitere Beispiele"

3. November Dipl.-Ing. Azemina Bruch Selmanagić, Landschaftsarchitektin (Berlin) "Selman Selmanagić"