Am 19. November wäre ein Frau 85. Jahre alt geworden, die zeitweilig in Stalinstadt, dem heutigen Eisenhüttenstadt, gelebt hat. Ihr Name taucht bei mehreren Geheimdiensten, in der internationalen Presse und in Geschichtsbüchern auf. Bis heute wird ihr Leben erforscht. In Eisenhüttenstadt aber scheint sie nahezu vergessen, dabei gibt es mehrere Orte, die mit ihr in Verbindung gebracht werden können.
Die Rede ist von Haydée Tamara Bunke, die am 19. November 1937 in Buenos Aires geboren wurde, nachdem ihre Eltern Nadja und Erich Bunke vor den Nationalsozialisten von Deutschland nach Argentinien geflüchtet waren.

90-Jährige erinnert sich an Tamara Bunke

Die Berührungspunkte mit Stalinstadt haben jüngst die Eröffnung einer kleinen, aber intensiven Ausstellung in den Räumen der Volkssolidarität in der Alten Ladenstraße in Eisenhüttenstadt so emotional gemacht. Denn Tamara Bunke, die an der Seite Che Guevaras in den revolutionären Kampf nach Bolivien zog, ist manch älterem Eisenhüttenstädter in Erinnerung geblieben.
Vera Rückert kennt Tamara Bunke aus den 1950er-Jahren in Stalinstadt. Die Ausstellung in Eisenhüttenstadt schaute sich die 90-Jährige mit großem Interesse an.
Vera Rückert kennt Tamara Bunke aus den 1950er-Jahren in Stalinstadt. Die Ausstellung in Eisenhüttenstadt schaute sich die 90-Jährige mit großem Interesse an.
© Foto: Janet Neiser
So wie Vera Rückert, die 1953 nach Stalinstadt kam, ein Jahr nach Familie Bunke. Sie lebte im gleichen Hausaufgang in der Straße der Jugend, heute Saarlouiser Straße. Anfang 20 sei sie selbst damals gewesen, erzählt 90-Jährige, die sich die 18 bedruckten Informationstafeln ganz genau anschaut. Eine davon zeigt Tamara Bunke in jungen Jahren, so wie Vera Rückert sie damals kennengelernt habe – „als sehr lebhafte, sehr aufgeschlossene und immer aktive junge Frau, die gerne in der GST-Uniform unterwegs war“. Aber es habe auch Momente gegeben, wo diese starke, selbstbewusste Jugendliche mal einen Kinderwagen schieben wollte.

Heiße Diskussionen zu Che Guevara und Tamara Bunke

An deren Mutter erinnert sich die Seniorin ebenfalls. Nadja Bunke sei sehr temperamentvoll gewesen. Sie habe als Lehrerin gearbeitet. „Sie konnte den Kindern zwar Russisch beibringen“, erzählt Vera Rückert, „aber eine Klasse in Schach halten, das konnte sie nicht.“ Später sei sie Standesbeamtin geworden. Vera Rückert habe sie nach dem Tod von Tamara Bunke (1937-1967) sogar noch einmal getroffen.
Die Ausstellung in der Alten Ladenstraße, die bis 26. November bis auf montags täglich zu sehen ist, war sozusagen ein Pflichtprogramm für Vera Rückert. Sie hat viel über Tamara Bunke gelesen und sich ihr eigenes Bild gemacht, soweit das eben geht.
Was das Verhältnis von Tamara Bunke zu Che Guevara (1928-1967) angeht, ist auch in der Alten Ladenstraße heiß diskutiert worden. Spekulationen gibt es viele. Als 1959 eine kubanische Wirtschaftsdelegation unter Leitung Ches Ost-Berlin besuchte, wurde Tamara Bunke als persönliche Dolmetscherin für Ernesto Guevara eingesetzt. Die junge Frau soll sofort Feuer und Flamme gewesen sein, heißt es. 1961 folgte sie Che nach Kuba.

Vergessen in Eisenhüttenstadt

Lebendige Forschung nennt Kathrin Chod vom Kommunalpolitischen Forum Land Brandenburg in Bernau die Diskussion und Darstellung verschiedener Geschichtsinterpretationen während der Auftaktveranstaltung in Eisenhüttenstadt. Mithilfe von Heidemarie Wiechmann (Linke) hat sie die Wanderausstellung nach Eisenhüttenstadt gebracht. Das sei ihr wichtig gewesen, immerhin habe Tamara Bunke dort einige Jahre gelebt, die Oberschule „Clara Zetkin“ (ist bereits abgerissen) besucht und dort ihr Abitur gemacht. Kathrin Chod ist verwundert, dass nichts in der Stadt an die Frau erinnert, die eine durchaus bekannte Persönlichkeit sei. Nicht mal eine Gedenktafel gebe es an dem Wohnhaus.
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Dabei ist Familie Bunke gezielt nach Stalinstadt gekommen, betont Professor Dr. Oliver Rump, der die Ausstellung konzipiert und realisiert hat. „Das war die Vorzeigestadt der DDR.“ Und Tamara sei in einem kommunistischen Haus groß geworden. Rump habe indirekt den Nachlass von Tamaras Mutter erhalten, berichtet er. Zusätzlich habe er die Literatur über Tamara Bunke komplett gesichtet.

Weitere Veranstaltung mit Film am 19. November

„Und wir sind an die Archive der Geheimdienste herangegangen“, sagt er und zählt Staatssicherheit, KGB und CIA auf. Darin gebe es komplett verschiedene Darstellungen, und genau das sei die Herausforderung gewesen. Aber es seien auch weiterhin Sachen ungeklärt, betont Rump.
Er wird am 19. November 2022 noch einmal in Eisenhüttenstadt sein. Da gibt es anlässlich des 85. Geburtstags von Tamara Bunke eine weitere Sonderveranstaltung in der Alten Ladenstraße 11. Ab 15 Uhr heißt es „Tania la Guerillera – von Eisenhüttenstadt an die Seite Che Guevaras“. Gezeigt wird der Film „Tania la Guerillera“ der Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna. Zudem ist eine Gesprächsrunde mit Professor Oliver Rump und dem Journalisten Bernd Marx geplant. Beide habe zu Tamara Bunke geforscht.
Erste Zeitzeugen haben sich bereits gemeldet. Die Veranstalter hoffen, dass sich weitere zur Sonderveranstaltung einfinden.
Ausstellung „Tania la Guerillera – Von Eisenhüttenstadt an die Seite Che Guevaras“, zu sehen bis 26. November 2022, Alte Ladenstraße 11, Eisenhüttenstadt, Di.-So. von 10 bis 16 Uhr, Eintritt frei