Jazzvariationen: Gundermann verzaubert den Flügel in Eisenhüttenstadt

Pianist und Komponist: Søren Gundermann spielte im Friedrich-Wolf-Theater voller Leidenschaft.
Gerrit FreitagSagt uns das Konzert „Europe Variations“ von Søren Gundermann, dessen Großteil man auf einer CD hinterher mit nach Hause nehmen kann, nicht genau das: Habt, trotz aller Unbill, Augen für das Schöne in der Welt, für die kleinen Freuden des Alltags?
Der Pianist, Komponist und Improvisateur eröffnete das neue, an Corona angepasste Programm des Friedrich–Wolf–Theaters Eisenhüttenstadt. Ein wenig verloren wirken die, die sich getraut haben, im Großen Saal. Eigentlich sollte die Kleine Bühne der Ort der Emotion sein, aber da wären die Abstandsregelungen problematisch gewesen. Die gut 50 Leute wollen die leeren Plätze jedoch vergessen machen – mit dem Stück für Stück stärker werdenden Applaus.
Gundermann hat 14 Jazzvariationen für Piano zu Beethovens markantem Thema aus dessen 9. Sinfonie, das zur Europa–Hymne wurde, komponiert. Die Idee dazu lebte in ihm, lange bevor das Virus den Globus überfiel. Im Februar, beim Klavierfest „PianOdra“ in Frankfurt, erlebten die Gundermannschen Götterfunken ihre Uraufführung, die CD kam punktgenau zum 250. Geburtstag Beethovens auf den Markt. Und dann vereitelte Corona jegliche öffentliche Präsenz. Nur der Juli verschaffte ein wenig Trost. Nach Brüssel eingeladen, spielte Gundermann auf einem Piano von einem Lkw aus seine „Europe Variations“ an fünf verschiedenen Standorten. Das Konzert in Eisenhüttenstadt war nun das erste nach der Uraufführung.
Der barfüßige Gundermann verzaubert den Flügel. Durch seine ungewöhnlichen Präparationen des Instruments mit Korken, Drähten, Papier klingt er mal wie eine Gitarre, mal wie Percussions, wie Cembalo, wie eine Harfe, wie ein Schrabgefäß, wie Glockengeläut ... Durch seinen kompositorischen Einfallsreichtum kann das Publikum Europa im globalen Kontext fühlen.
Auch wenn Beethovens Musik als Europa–Hymne ohne Friedrich Schillers Text auskommen muss, wir denken ihn mit: „Alle Menschen werden Brüder“ — welch’ „Freude, schöner Götterfunken“! Gundermann zitiert musikalisch Goethes Gedanken aus dessen 1819 erschienener Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“, des deutschen Dichters Brückenschlag zu allen Weltkulturen. Wie auf dem Diwan lehnend, belauschen wir den verliebten Zeus, der, sich in einen Stier verwandelnd, die schöne Europa raubt und nach aller Kunst und Regel verführt.
Und vielleicht hat Beethoven in seiner Verliebtheit, die leider ohne Gegenliebe blieb, die Chaconne so wild getanzt wie Gundermann sie komponiert hat? Beim Belgien Rag riechen wir die lasterhafte Kneipe, aus der die Musik kommt. Man durchquert Olivenhaine Andalusiens, spürt den Morgentau im japanischen Hochland auf der Haut, streift bei Nacht durch die erhitzten Straßen einer Metropole, denkt bei einem Gläschen Roten auf dem Pariser Trottoir an den verarmt und einsam gestorbenen Komponisten Erik Satie, hört das Herz deutlicher schlagen bei der Straßenbahnfahrt durch Warschau — Gundermannsche Götterfunken.
Beethoven begleitet uns, manchmal fast unbemerkt: Freude, schöner Götterfunken. Auch er erfuhr — wie wir heute — das Auf und Ab des Lebens, das Leuchten und die Finsternis der Erdengeschichte. Alle Menschen werden Brüder? Søren Gundermanns „Europe Variations“ machen, dass wir den Kopf heben und die Hoffnung nicht aufgeben.