Jubiläum
: Geburtstagsfeier für 70 Jahre Stadt und Werk in Eisenhüttenstadt

Statt eines Festaktes gab es ein Gespräch und eine Filmpremiere im Friedrich-Wolf-Theater.
Von
Stefan Lötsch
Eisenhüttenstadt
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Generationengespräch: Hans-Dieter Kretschmer erinnerte sich.

Stefan Lötsch

So hat es in der relativ kurzen Geschichte existenzielle Krisen gegeben. Dirk Vogeler, Betriebsratsvorsitzender von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt (AMEH), erinnerte an die Nachwendezeit, wo harte Kämpfe geführt wurden, um das Werk zu erhalten. Letztlich erfolgreich. Und auch jetzt, angesichts der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie gibt es wieder Befürchtungen. „Solche Situationen sorgen immer für Ängste“, sagte Vogeler in einer kleinen Talkrunde mit der RBB-Moderatorin Dorett Kirmse.

Michael Bach, Arbeitsdirektor von AMEH, machte deutlich, dass es ein Zusammenspiel von Stadt und Werk gibt. „Das eine ist nicht ohne das andere vorstellbar. Und ich bin mir sicher, dass sich ArcelorMittal dieser Verantwortung bewusst ist.“ Er sei guter Dinge, dass die jetzige Krise bewältigt werden könne. Doch die nächste Herausforderung wartet schon. Stahl muss künftig CO2-neutral produziert werden. „Wir brauchen einen Technologiewandel. Mit den heute bekannten Produktionsmethoden werden wir nicht in der Lage sein, grünen Stahl herzustellen.“ Bach sprach von einer riesengroßen Herausforderung. Vor allem: „Der Technologiewandel wird mächtig viel Geld kosten.“

Vielleicht ist es gut, sich in solchen Situationen an die Aufbruchstimmung der Gründergeneration vor 70 Jahren zu erinnern. Auch davon war am Dienstag die Rede in einem Generationengespräch. Der 84-jährige Hans-Dieter Kretschmer, der 1954 in die junge Stadt gekommen war, um unter anderem die sechs Hochöfen mit aufzubauen, erinnerte sich unter anderem an den guten Verdienst. „Ich habe alles gefunden, was ich brauchte.“ Er lebe gerne hier, bekräftigte er. Aber ihm geht es, wie wohl vielen Familien in der Stadt: Die Kinder sind weggezogen, eine Tochter lebt in der Schweiz.

Kein Wunder, dass sich Lucy Ahrens, junges Pendant im Generationengespräch, wünscht, dass wieder mehr Leute nach Eisenhüttenstadt ziehen. Sie will in jedem Fall in der Stadt bleiben. „Ich fühle mich sehr verbunden mit der Stadt.“ Sie sei stolz auf die Stadt, die ihre Großeltern mit aufgebaut haben, sagte die 2001 geborene Auszubildende in der Stadtverwaltung.

Heimatgefühl bei den Jungen

Und Lucy Ahrens scheint für ihre Generation keine Ausnahme zu sein, wie Michael Lietz festgestellt hat. Der Reporter beim RBB hat einen Film über die 70-Jährige gedreht, der am Dienstag im Friedrich-Wolf-Theater eine Vorpremiere erlebte, bevor er am Abend im RBB zu sehen war. Gefragt, ob er während der Dreharbeiten in der Stadt, wo er auch geboren wurde, etwas Neues entdeckt habe, sagte er: Anfänglich habe er im Hinterkopf gehabt, dass die Leute aus der Stadt weg wollen. „Aber es hat mich überrascht. Es ist eben nicht so. Viele junge Leute haben ein starkes Heimatgefühl und eine starke Verbundenheit. Das war neu für mich.“ Wobei er in seinem Film auch die zu Wort kommen ließ, die weggegangen sind und nicht dauerhaft wiederkommen wollen, wie der Radfahrer Roger Kluge oder der Musiker Sven Helbig.