Kunst in Eisenhüttenstadt
: Die Platte – mehr als ein DDR-Modell

Eisenhüttenstadt ist einst auch Hochburg der Plattenbauten gewesen. Viele sind mittlerweile abgerissen worden. Andere gibt es noch. Die stehen nun im Rampenlicht durch Balkontheater.
Von
Janet Neiser
Eisenhüttenstadt
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Alexandra Wilke, Regisseurin, kommt mit Mach dir 'ne Platte nach Eisenhüttenstadt. Ab der Holzwolle wird es an zwei Abenden Balkontheater geben.

Regisseurin Alexandra Wilke kommt mit einem Künstlerkollektiv und „Mach dir 'ne Platte“ nach Eisenhüttenstadt. In der Plattenbausiedlung An der Holzwolle wird es an zwei Abenden Balkontheater geben.

Janet Neiser

Plattenbauten waren in der DDR ein Zukunftsversprechen. Nach der Wende galten sie oft als Bausünde. Herrscht irgendwo in den neuen Bundesländern Leerstand, werden sie als erstes abgerissen. Auch in Eisenhüttenstadt. Doch nun hat das serielle Bauen mit Betonplatten wieder Fans – erlebt die Platte etwa eine Renaissance? Ist sie die Rettung für Großstädte, wo nicht Leerstand, sondern Wohnungsknappheit herrscht? Fragen über Fragen.

„Mach dir 'ne Platte!“ Dieser Slogan passt da wie die berühmte Faust aufs Auge. Aber nicht nur. „Mach dir 'ne Platte!“ ist auch der Name eines Künstlerkollektivs und das Motto eines Kunstprojektes, das nun in Eisenhüttenstadt zu erleben sein wird. Balkontheater wird es geben. Wo? Im Wohngebiet An der Holzwolle. Wann? Am 21. und 22. Juni, jeweils um 19 Uhr. Auf mehreren Balkonen der Plattenbauten vom Typ P2, die Anfang der 1980er-Jahre gebaut wurden, wird dem Publikum etwas geboten. Und das muss nicht mal Eintritt bezahlen, sondern einfach nur einen Campingstuhl oder Getränkekasten zum Sitzen mitbringen. Eine gewisse Anzahl an Stühlen wird vorgehalten. Gegrilltes und Getränke gibt es auch. Der Innenhof der Plattensiedlung wird zum Treffpunkt, zum Kulturzentrum.

In Brandenburg an der Havel ging alles los

Alexandra Wilke, ihres Zeichens Theaterregisseurin und Liedermacherin, kann es kaum erwarten, endlich loszulegen mit ihren Platten-Spielern. „Eisenhüttenstadt ist unsere erste Spielstation als Kollektiv außerhalb von Brandenburg an der Havel. Was natürlich toll ist, weil eben Eisenhüttenstadt die erste neu erbaute sozialistische Stadt werden sollte. Das ist, finde ich, jetzt für unser ‚Mach dir 'ne Platte!‘-Kollektiv der beste Startpoint außerhalb unserer Geburtsstätte.“

Los ging alles vor drei Jahren durch die Wohnungsbaugenossenschaft (WBG)  in Brandenburg an der Havel. Dort wurden Alexandra Wilke und das Plattenteam gefragt, ob sie in einem Neubaugebiet nicht Theater machen wollen, Balkontheater. Sie wollten, und wie. „Das ist so erfolgreich, dass wir jetzt den dritten Teil rausgeben.“ Über die WBG sei vor etwa anderthalb Jahren auch der Kontakt zur Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft (EWG) entstanden.

EWG hatte von Beginn an Interesse

Das Spannende an Plattenbauten ist für die Künstlerin, dass in vielen Wohngebieten noch immer nicht klar ist, ob und wann sie abgerissen werden. Das sei ja auch für die Menschen, die dort noch leben, eine Art Schwebezustand. Der Zuspruch seitens der EWG am Balkontheater hat Alexandra Wilke sehr gefreut. Dieses Interesse habe man nicht in jeder Stadt. Sie nennt Cottbus, ihre Heimatstadt, als Beispiel.

Und was war ihr erster Eindruck, als sie die Holzwolle erstmals live gesehen hatte?  „Ich war sehr dankbar, dass das nicht zu saniert ist, sondern dass man die alte Geschichte noch sieht, dass da noch Menschen wohnen.“ Wie eine „kleine Insel“ habe sie das Plattenbaugebiet empfunden, „sehr poetisch“ irgendwie, sagt Alexandra Wilke. Warum? Weil es dort etwas zu erzählen, zu recherchieren und zu entdecken gibt.

Mehrere Balkone in Eisenhüttenstadt gehören zur Szenerie

Das haben Alexandra Wilke und die anderen dann auch gemacht. Publikationen wurden gewälzt und es gab Gespräche mit Bewohnern, die nun mit ins Theater einfließen sollen. Es handele sich um eine Mischung aus persönlichen Geschichten und wissenschaftlicher Recherche.

Auf zwei Balkonen wird in Eisenhüttenstadt gespielt, weitere sind auf andere Art und mit Überraschungsgästen miteinbezogen – genau wie eine Erdgeschosswohnung. Damit alle alles richtig gut verstehen, bringt das Theaterkollektiv Headsets und Lautsprecher mit. Es wird übrigens nicht nur gesprochen, sondern es erklingen auch Lieder, live gespielt natürlich. Der Zuschauerbereich wird mit einbezogen, „sodass wir einen Spagat haben zwischen den Balkonen und dem Publikum“. Hier und da werde improvisiert, denn die Erfahrung hat den Theaterleuten gezeigt, dass spontan Dialoge entstehen, wenn ein Zuschauer etwas hineinruft. Viele, die dort sitzen, hätte ähnliche Geschichten zu erzählen.

So steht es um die P2-Bauten an der Holzwolle

Und was würde sie, die ebenfalls in einem Plattenbau aufgewachsen ist, sagen, wenn jemand die Holzwolle als „Unfall der DDR-Neubaustrategie“ bezeichnet? Diese Worte sind vor rund zehn Jahren gefallen, als die Holzwolle zu einem Abrissgebiet erklärt wurde.

„Dann würde ich fragen, warum?“, antwortet Alexandra Wilke. „Die, die dort hingezogen sind oder gelebt haben, die haben dort eine Geschichte und die würden das, glaube ich, niemals als Unfall bezeichnen.“ Gemessen an den heutigen Standards sei die Holzwolle aber sicherlich nicht die erste Adresse zum Wohnen.

Abgesehen davon, wird es die P2-Blöcke in einigen Jahren kaum noch geben. Der Rückbau des Südflügels soll – Förderung vorausgesetzt – 2025 beginnen, heißt es seitens der EWG, die dort Vermieterin ist. Zu den Abrissterminen der übrigen Aufgänge gebe es aktuell Gespräche mit allen Beteiligten, denn noch gibt es Mieter in den Blöcken – vor allem, weil die Miete erschwinglich ist. Mehrere Hunderte Wohnungen werden auf absehbare Zeit verschwinden.

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