Porträt: „Kleine Brötchen backen, die schmecken“

Von der Backstube an den Schreibtisch: Ulrich Zimmers Mutter Käthe übernahm nach dem Krieg in Müllrose die Bäckerei, er sollte aber lieber die Maschinen reparieren und führt heute sein eigenes Unternehmen.
Jörg KotterbaAm Büro-Eingang von Ulrich Zimmer hängt ein Spruch. Autor: Winston Churchill. „Es gibt Leute“, ist zu lesen, „die halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse. Andere meinen, der Unternehmer sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne. Nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht.“
„Da steckt viel Wahrheit drin“, sagt Ulrich Zimmer nachdenklich. Er ist Chef der HTS Müllroser Hoch-, Tief-, Straßenbau GmbH mit Sitz im Müllroser Gewerbeparkring, 2002 gegründet. Das Unternehmen hat seitdem viele Spuren in und um Müllrose hinterlassen. Noch vor dem Hahnenschrei steht Zimmer, Meister im Maschinenbauhandwerk, auf, um als erster im Unternehmen zu sein. Und ist abends noch in so manchem Ehrenamt unterwegs. Zum Beispiel als Stadtverordneter der Fraktion von Parteiunabhängiger Wählergemeinschaft Müllrose (PWM), CDU und FDP. „Du musst wirklich ackern wie ein Pferd, darfst nicht nachlassen in deiner Arbeit, musst deine Mitarbeiter täglich motivieren. Und dich selbst natürlich auch“, sagt Ulrich Zimmer. Er ist seit43 Jahren mit seiner Annelies verheiratet. „Nur gemeinsam haben wir all das erreicht, worauf die Zimmers als Familie heute stolz sein können.“
Kaum zu glauben: Ulrich Zimmer sollte eigentlichBäcker werden. Schließlich kommt der heute 75-Jährige aus einerBäcker-Dynastie. Gleich nach Kriegsende übernahm MutterKäthe die kleine Bäckerei am Müllroser Marktplatz, buk dort Brot für die Rote Armee.
Aus seiner Bäckerlehre wurde nichts. Das Leben schlägt manche Haken. „Onkel Kurt, der Bruder meines Vaters undBäckerobermeister aus Golzow, entschied: Du wirst Schlosser. Einer musste ja die Maschinen reparieren.“ Mehr als vier Jahrzehnte hatte er dann mit Anlagen, Gerätschaften und Metallen jeder Art zu tun. Baute Stahlfenster und Maschendraht- und Gitterdrahtzaunfelder, Türbeschläge, Überdächer, Bootsstege aus Stahl und Stahltreppen. Und immer und immer wieder lernte er dazu. Anfangs im Eisenhüttenstädter KIB, dem Kraftfahrzeug-Instandsetzungsbetrieb. „Ich war Motorrad- und Radsportler, fuhr eine MZ ETZ 250 Kubik. War auch bei den Sechs-Tage-Fahrten dabei. Da schraubt man natürlich selbst und bekommt ein gutes Gefühl zur Technik.“
Ende Juni 1967, Ulrich Zimmer ist noch keine 24 Jahre alt, erwirbt er den Meisterbrief im Maschinenbauhandwerk. Und führt ein Vierteljahr später die Bau- und Reparaturschlosserei von Brunnenbau- und Schmiedemeister Walter Schmiedel weiter, der gerade verstorben war.
„Es ging stetig bergauf. Aber nur, weil meine Annelies und ich zusammenhielten. Und wir nie auf die Uhr schauten.“ Im Leben des Ulrich Zimmer, der neben dem Motorrad- und Radsport noch heute Hand- und Fußball und die Leichtathletik liebt, gab es Mitte der 70er-Jahre zwei entscheidende Ereignisse. 1974 zog sein Betrieb auf das elterliche Grundstück in der Müllroser Bahnhofstraße. Sein Gewerbe-Angebot wurde um Dachklempnerei sowie Heizung- und Sanitärinstallation erweitert. Und zwei Jahre später gaben sich Ulrich und Annelies Zimmer das Eheversprechen. Die Töchter Claudia und Andrea und Sohn Jens sorgten danach fürs komplette Familienglück.
Mit 46 Jahren erweiterte er seinen Betrieb in Richtung Rohrleitungsbau und Erschließungsarbeiten. Und investierte jede D-Mark, die über war, in den Maschinenpark. „Andere Unternehmer haben sich vom ersten Gewinn einen 7er-BMW gekauft. Von meinen Eltern hatte ich aber gelernt: Lieber kleine Brötchen backen. Aber welche, die schmecken. Ich habe das Geld lieber in einen neuen Bagger, in einen modernen Transporter oder in die Weiterbildung gesteckt. Und es auch für die Weiterbildung meiner Mitarbeiter ausgegeben“, gibt Ulrich Zimmer ein Stück seiner Lebensphilosophie preis.
Mittlerweile ist in Zimmers Büro nicht nur der Goldene Meisterbrief zu sehen. Stolz ist der engagierte Mann auch auf den Zukunftspreis des Handwerks für sein Lebenswerk. Und auf manche lobenden Worte, so von Hendrik Fischer, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Der nannte Zimmer einen waschechten Handwerker, „der alle Eigenschaften vereint, die wir uns als Land nur wünschen können“. Der Unternehmer stehe für meisterliche Qualität, für Regionalität und für Verantwortung.“
Viel Lob zollen ihm auch zahlreiche Müllroser. Weil Zimmer und sein Team im Städtchen viele Spuren hinterlassen haben. Er als Unternehmer zahlreichen Vereinen unter die Arme greift. Und er seit 2006 jährlich in Zusammenarbeit mit der Grund- und Oberschule auf dem Firmengelände einen „Tag des Offenen Unternehmens“ organisiert. „Bildung ist das A und O“, bringt es Zimmer auf den Punkt. Der Nachwuchs liege ihm besonders am Herzen. „Wenn es uns dann noch gelingt, Schüler für das Handwerk zu interessieren, ist das Glück fast perfekt.“
Sechs Fragen an Ulrich Zimmer
Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten beeinflusst, geprägt?
Mein Elternhaus. Und vor allem Kurt Zimmer, der Bruder meines Vaters. Er hat mich fürs Handwerk begeistert.
Was würden Sie als Erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeister von Müllrose wären?
Wichtig wäre mir als Bürgermeister, den Zusammenhalt und das Vertrauen zwischen den Wählern und den gewählten Vertretern in der Stadtverordnetenversammlung zu stärken.
Möchten Sie noch einmal 17 sein?
Aber sehr gern doch. Freilich mit den Erfahrungen und dem Wissensdrang von heute.
Was wünschen Sie sich seit Jahren?
Gleichbleibend eine gute Gesundheit – nicht nur für mich, sondern für all meine Lieben. Gern würde ich mir auch diesen Reisewunsch erfüllen: Eine Schiffsfahrt mit Enkel Odin auf dem alten Postweg nach Norwegen. Ich liebe die Fjorde und die wunderbare Natur.
Träumen Sie gern?
Ja, sehr gern, sehr viel, sehr emotional und aufregend. Wobei ich nicht die Träume im Schlaf meine. Sondern jene, die auch wahr werden können.
Was hält Sie in Ihrer Heimat? Würden Sie noch mal woanders hinziehen?
Ein Umzug kam und kommt nicht in Betracht. Müllrose ist mein Lebensmittelpunkt.