Stahlmarkt
: „Unfaire Stahlimporte sind gestiegen“

Zunehmende Einfuhren machen ArcelorMittal zu schaffen, erklärt Frank Schulze, Geschäftsführer der Europa-Holding des Konzerns.
Von
Ina Matthes
Eisenhüttenstadt
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  • Frank Schulz ist Geschäftsführer der ArcelorMittal Germany Holding. Er stammt aus Eisenhüttenstadt und hatte einige Jahre das Eisenhüttenstädter Werk geleitet, bevor er in seine jetzige Position wechselte.

    Frank Schulz ist Geschäftsführer der ArcelorMittal Germany Holding. Er stammt aus Eisenhüttenstadt und hatte einige Jahre das Eisenhüttenstädter Werk geleitet, bevor er in seine jetzige Position wechselte.

    Gerrit Freitag
  • Nico Dewachtere

    Nico Dewachtere

    ArcelorMittal
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Herr Schulz, ArcelorMittal hat angekündigt, die Flachstahlproduktion in Europa in diesem Jahr um drei Millionen Tonnen zu kürzen. Was heißt das für die deutschen Werke, besonders auch das in Eisenhüttenstadt?

ArcelorMittal hat sich aufgrund der aktuellen Gesamtlage entschlossen, die Produktion zu drosseln. In Polen und in Spanien wird jeweils ein Werk für einige Monate stillgelegt. In Italien wird die Produktionsmenge von Flachstahl vorerst nicht erhöht, so wie es eigentlich vorgesehen war. So sollen die Produktionsreduzierungen von etwa drei Millionen Tonnen Flachstahl erreicht werden.

Welches sind die Ursachen für die aktuellen Probleme?

Es gibt zwei wesentliche Ursachen. Wir haben eine Abschwächung der Konjunktur. Die Nachfrage bei unseren Kunden ist rückläufig. Das hat sich schon Ende vergangenen Jahres angedeutet, darauf mussten wir reagieren. Vor allem im Autobau ist dies der Fall, wo die Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent zurückgegangen ist. Auch andere Industriezweige haben ihren Stahlbedarf reduziert.  Außerdem bauen die Kunden bei der gegenwärtig schwachen Konjunktur zunächst Lagerbestände ab. Der zweite Grund für die Produktionskürzungen liegt in den angestiegenen Importen. Die von der Kommission entschiedenen Handelsschutzmaßnahmen sind nicht effektiv und schützen nicht ausreichend gegen unfaire Importe und Umlenkungen, die durch Stahlzölle in den USA ausgelöst wurden.

Gibt es auch in Deutschland Kürzungen?

Wir haben auch in Deutschland bereits Produktionsreduzierungen aufgrund der Nachfrageschwäche. Wir diskutieren aber keine kompletten Stilllegungen, sondern Anpassungsmaßnahmen, was die Arbeitszeit betrifft.

Was heißt das für Eisenhüttenstadt?

Wir denken über Kurzarbeit nach. Darüber ist die Geschäftsführung in Eisenhüttenstadt auch mit dem Betriebsrat in Eisenhüttenstadt im Gespräch. Die Diskussionen laufen, denn wir müssen vorbereitet sein. Wir hoffen aber, dass wir Kurzarbeit verhindern können, wenn die Konjunktur anzieht. Wir erwarten außerdem, dass die Europäische Kommission die Schutzmaßnahmen für die europäische Stahlindustrie so anpasst, dass sie ihre volle Schutzwirkung entfalten können, denn der Hauptgrund für die Stilllegungen ist, dass die unfairen Stahlimporte nach Europa so stark gestiegen sind.

Wie stark sind die Importe gestiegen?

Im vergangenen Jahr hatten wir eine Erhöhung der Importmengen um gut zehn Prozent im Vergleich zu 2017. Aber allein im ersten Quartal dieses Jahres sind die Importmengen noch einmal um zehn Prozent gestiegen im Verhältnis zum ersten Quartal 2018.

Die Sonderzölle der USA auf Stahl führen dazu, dass vorrangig Hersteller aus der Türkei, Russland und der Ukraine verstärkt auf den europäischen Markt drängen. Die EU hat versucht, dieser Importschwemme Herr zu werden, indem sie die Importmengen begrenzt. Wie gut funktioniert das aus Ihrer Sicht?

Die Schutzmaßnahmen sind nicht effizient. Die Importe sind trotzdem gestiegen. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, die Importkontingente zum Juli noch einmal zu  erhöhen, um fünf Prozent. Das muss verhindert werden. Es wäre fatal in der gegenwärtigen Marktsituation. Außerdem brauchen wir realistische Zielwerte beim Emissionshandel, die für uns erreichbar sind. Wir müssen in Europa Emissionszertifikate zukaufen. Selbst die besten Werke haben dadurch Zusatzkosten. Diese Extrakosten haben die Hersteller des importierten Stahls nicht. Das System ist unfair.

Sie haben einen sogenannten Grünen Grenzausgleich gefordert. Was ist darunter zu verstehen?

Es kann aus unserer Sicht nicht sein, dass Stahl nach Europa importiert wird und keiner fragt, unter welchen Umweltbedingungen er erzeugt wurde. Deshalb schlagen wir vor, dass auch auf die Importe C02-Kosten erhoben werden, und zwar entsprechend der dabei angefallenen Menge CO2.

Es gibt Pläne in Brüssel, die europäische Stahlindustrie bei der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien zu unterstützen. Die Rede ist von einem millionenschweren Förderprogramm der EU für Forschung.  Ist es das, was Sie von der EU erwarten?

Wir stellen uns der Aufgabe, unsere Werke zukunftsfähig zu machen, was die CO2-Reduzierung angeht.  Aber wir brauchen Zeit, um die Technologien zu entwickeln. Und wir brauchen erhebliche finanzielle Mittel. Das EU-Forschungsprogramm Horizont Europa geht da in die richtige Richtung. Wir benötigen für diese Forschungsförderung auch die Unterstützung des Landes Brandenburg - dazu gibt es bereits Gespräche mit der Landesregierung. Außerdem sind Instrumente notwendig, die eine wirtschaftliche Stahlproduktion bei höheren operativen Kosten bedingt durch die neuen Verfahren ermöglicht.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat jetzt ein Förderprogramm zur Dekarbonisierung der Stahlindustrie angekündigt. Was sagen Sie dazu?

Wir sind dankbar für jede Unterstützung, mit der wir Projekte umsetzen können. In dem Programm sind 15 Millionen Euro im ersten Jahr, dann 30 Millionen Euro in den Folgejahren vorgesehen.

Diese  Summe ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man die Aufwendungen betrachtet, um Stahlwerke zukunftsfähig zu machen. Da geht es um viele hunderte Millionen Euro.

Neues Projekt für umweltfreundlichere Stahlproduktion

Neues Projekt: Was unternimmt ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt, um den C02 Ausstoß des Werkes zu senken? "Wir haben in Eisenhüttenstadt schon allein durch technologische Anpassungen CO2 deutlich senken können", sagt Nico Dewachtere, Geschäftsführer Finishing bei ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt. Nun soll in Eisenhüttenstadt Erdgas am Hochofen gesetzt werden, um den Einsatz von Koks auf ein technisches Minimum zu reduzieren. Dafür gibt es ein Investitionsprojekt. Das sei allerdings nur eine Übergangslösung und noch kein Durchbruch, um C02 drastisch zu senken, sagt Dewachtere. Die Herausforderung sei, diesen Durchbruch zu schaffen. "Daran arbeiten wir. Dafür brauchen wir Fördermittel, die wir hoffentlich bald in Projekten in Eisenhüttenstadt einsetzen können." Nico Dewachtere wurde zum ersten Mai als neuer Geschäftsführer Finishing in die Geschäftsleitung von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt berufen. Er hatte zuvor in Bremen und im belgischen Gent in verschiedenen Managementpositionen für ArcelorMittal gearbeitet. Im Bremer Werk hatte Nico Dewachtere das Ressort Technik Finishing verantwortet.⇥ima