Feiern in der DDR: Warum eine Rutsche direkt in den Grünheider Festsaal führte

Im Grünheider Kulturhaus mit Milchbar wurde zu DDR-Zeiten getanzt und gefeiert. Warum um 22 Uhr Schluss war und der DJ eine staatliche Spielerlaubnis brauchte.
Archiv Uwe Werner- In Grünheide erinnerten Zeitzeugen an Milchbar und Kulturhaus als Treffpunkt der DDR-Zeit.
- Der Saal lag terrassenartig im Hang, bot etwa 150 Plätze – Zugang teils über eine Rutsche.
- Milchbars sollten Alkoholkonsum senken, doch es gab auch Getränke wie „Drachenblut“.
- „Schallplattenunterhalter“ brauchten eine staatliche Einstufung, Veranstaltungen endeten 22 Uhr.
- Das Ensemble wurde 2001 abgerissen; heute steht dort ein Mehrfamilienhaus.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Irgendwo auf dem Gelände der Tesla-Fabrik in Grünheide soll es tatsächlich einen Raveclub geben. Wo genau auf dem weitläufigen Areal, wissen wohl nur die Beschäftigten. Dabei ist in Grünheide nicht erst etwas los, seit Elon Musk hier seine Gigafactory gebaut hat.
Im Gegenteil: Schon Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Ort zu einem gefragten Ausflugsziel für Berliner. Die Gäste kamen in Scharen mit Dampfern über die zahlreichen Seen, Kanäle und Flüsse. Einige der damaligen Strecken werden bis heute befahren. Viele Ausflügler reisten zudem mit der Bahn über den Bahnhof Fangschleuse an.
Zu DDR‑Zeiten war einer der gesellschaftlichen Mittelpunkte die Milchbar im Kulturhaus. Das Lokal befand sich zwischen Peetzsee und Werlsee, unmittelbar am Verbindungskanal der beiden Seen.
Grünheides „Milchbar“ im Kulturhaus
Einer, der sich an die Milchbar und das Kulturhaus noch gut erinnert, ist Eberhard Rüdiger. Seine Familie lebt seit mehreren Generationen am Werlsee. Der Fangschleuser sammelt historische Aufnahmen und kennt die Geschichte vieler verschwundener Gaststätten und Ausflugslokale in Grünheide.

Die Milchbar mit angeschlossenem Kulturhaus befand sich im Zentrum Grünheides, unweit des Kanals, der Werl- und Peetzsee miteinander verbindet.
Archiv Uwe WernerDas Gebäude stand nördlich der Kanalbrücke an der heutigen Einmündung der Walter-Rathenau-Straße, berichtet Rüdiger. Es wurde im Laufe der Jahrzehnte unterschiedlich genutzt: als Lebensmittelladen, Sparkasse, Gaststätte „Zur Eiche“, Milchbar mit Kulturhaus sowie später als Getränkestützpunkt und Biergarten. Der Name „Milchbar“ war dabei Teil eines gastronomischen Konzepts, das in der gesamten DDR verfolgt wurde.
Milchbars als Konzept der DDR-Führung
Milchbars sollten einen modernen und zugleich alkoholverträglicheren Gegenentwurf zu klassischen Schankwirtschaften bieten. Das „Ministerium für Handel und Versorgung“ verband damit ausdrücklich den Wunsch nach mehr Milch- und weniger Alkoholkonsum.
In einem Leitfaden von 1962 heißt es, durch Milch- und Eisbars solle die aus dem Kapitalismus übernommene „Überkonzentration von Bier- und Schankstuben“ in den Städten zurückgedrängt werden. Eine der bekanntesten Milchbars war die „Mokka-Milch-Eisbar“ in der Berliner Karl-Marx-Allee, die 1961 eröffnet wurde.
Um die Attraktivität zu steigern, verfügten viele solcher Lokale über eine für ihre Zeit moderne Einrichtung mit kleinen Tischen, gepolsterten Barstühlen und großen Schriftzügen an den Wänden.
Alte Aufnahmen und Postkarten zeigen eine solche Einrichtung auch für die Milchbar in Grünheide. Tagsüber wurden Fruchtmilch, Eis und süße Klassiker wie der Schwedenbecher mit Vanilleeis, Apfelmus, Schlagsahne und Eierlikör serviert.
Am Wochenende durfte es beim Tanzen im Saal auch schonmal das ein oder andere Bier sein. Auch Wein war im Angebot. Eberhard Rüdiger erinnert sich noch an eine besondere Mischung: „Drachenblut“ hieß der Rotwein, der in einem Glas mit Zuckerrand serviert wurde.

Eine alte Postkarte zeigt, wie die Milchbar in Grünheide von Innen aussah. Typisch sind die moderne Einrichtung, die gepolsterten Barstühle und die Schriftzüge an der Wand.
Archiv Eberhard RüdigerAuch Uwe Werner erinnert sich gut an das Kulturhaus und die Milchbar. Er stand viele Jahre an der Spitze des „Grünheider Carneval Klub 1968 e.V.“ und engagiert sich heute unter anderem in der Gemeindevertretung und im Ortsbeirat. Ende der 1970er-Jahre legte er selbst im Saal als „Schallplattenunterhalter“ auf. Unter der Woche kamen die Gäste vor allem auf Eis, Kaffee und Mixgetränke in die Milchbar, erinnert er sich. Spielte am Wochenende im Saal die Musik, griffen die meist jungen Gäste eher zum Bier.
Feiern im Kulturhaus: So ging es in den Saal
Der Saal im hinteren Gebäudeteil bot nach Werners Erinnerung Platz für etwa 150 Gäste. Weil er in einen leichten Hang gebaut worden war, befanden sich darin zwei terrassenartige Sitzbereiche. Von dort blickten die Gäste hinunter auf die Tanzfläche und die Bühne.
Genutzt wurde der Saal für viele Anlässe, darunter Tanzveranstaltungen, Kinoaufführungen, Jugendweihen sowie hin und wieder politische Veranstaltungen. Ab 1968 fanden hier Karnevalsfeiern statt. In diesem Jahr formierte sich der Grünheider Carneval Klub.
Weil ein eigenständiger Verein seinerzeit nicht ohne Weiteres gegründet werden konnte, schloss sich die Gruppe der Karnevalsfans zunächst dem „Klub der Werktätigen“ an. Später kamen eine eigene Satzung sowie ein eigens gedichtetes Lied hinzu.
Besonders einfallsreich wurde von nun an der Höhenunterschied zwischen Milchbar und Festsaal genutzt: „Da ging es dann über eine Rutsche in den Saal. Anders ist da niemand reingekommen“, erzählt Werner. Fotos aus unterschiedlichen Jahren zeigen, wie die Gäste auf diesem ungewöhnlichen Weg zu den Karnevalsfeiern sausten.
Auflegen in der DDR: Ohne Spielerlaubnis keine Diskothek
Wer in der DDR öffentlich Schallplatten auflegen wollte, brauchte zudem eine staatliche Erlaubnis. „Man musste einen Lehrgang beim Kulturkabinett machen“, erinnert sich Werner. Einfach Platten mitzubringen und Musik zu spielen, reichte nicht. Der Grünheider absolvierte darum 1978 eine Einstufung als Schallplattenunterhalter. Seine erhaltene Spielerlaubnis bestätigte, dass ihm die „gesetzlichen Richtlinien zur Durchführung von Diskotheken bekannt“ waren.
Dazu gehörte, dass die Veranstaltungen angemeldet werden mussten. Auch Beginn und Ende waren vorgegeben: Von 18 bis 22 Uhr durfte gefeiert werden. „Dann war Schluss“, erinnert er sich. Ausnahmen gab es zu Silvester oder beim Karneval.
Im Ausflugslokal „Seeblick“ im Grünheider Ortsteil Fangschleuse fand zu DDR-Zeiten zudem eine kleinere „Nachtboutique“ statt, die nach Werners Erinnerung bis 2 Uhr geöffnet sein durfte. Ansonsten sei genau darauf geachtet worden, dass die Veranstaltungen pünktlich endeten. „Da waren meistens Leute von der Staatssicherheit vor Ort“, erinnert er sich.

Der Saal im Kulturhaus in Grünheide diente auch für Kinoabende, Familienfeiern und viele weitere Anlässe. Hier wurde Karneval gefeiert. Die Aufnahme stammt vermutlich aus den späten 1960er Jahren.
Archiv Uwe WernerOb in der Grünheider Milchbar auch der 1959 von der DDR-Führung als Alternative zum Rock ‚n‘ Roll propagierte Lipsi getanzt wurde, ist hingegen nicht überliefert. Der staatlich geförderte Paartanz verschwand ohnehin nach wenigen Jahren wieder. Gefeiert wurde im Grünheider Kulturhaus trotzdem noch lange. 2001 wurde das Gebäude abgerissen. Heute befindet sich hier ein Mehrfamilienhaus.




