Die Fußball-WM in Katar wird von den lauten Rufen begleitet, sie zu ignorieren. Viele haben sich dazu entschieden, andere nicht. Dirk Thieme aus Spreenhagen gehört – trotz des eigenen kritischen Blicks auf die Weltmeisterschaft – zu letzteren. „Wir boykottieren den Boykott“ lautet seine Devise und so ist er zu seiner siebten Fußball-WM in Folge als Fan gereist. Er versprach vorab, etwas genauer hinzuschauen, seine Eindrücke mit der Heimat via MOZ zu teilen – und hat sich nun aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gemeldet.
Hier sein Mail–Bericht: „Nachdem wir gut in Dubai angekommen sind und uns zusammen gefunden haben (Sohn Malte stieß aus Melbourne hinzu, wo er gearde mit ,Work und Travel‘ unterwegs ist, Anm. d. Red.), sind wir am Ankunftstag (Dienstag, den 22. November) mit dem Mietwagen zu unserer Unterkunft nach Abu Dhabi gefahren. Der WM Aufenthalt ist für uns in zwei Zeiträume unterteilt. Die erste Woche verbringen wir in Abu Dhabi. Die zweite Woche haben wir eine Unterkunft in Dubai. Wir werden so Eindrücke von zwei Emiraten erhalten.

Mit dem Flugshuttle zu den Deutschland-Spielen

In diesem Zeitraum wird zu den Deutschland-Spielen das von vielen Fußball-Fans angebotene Flugshuttle Dubai-Doha genutzt. Bereits am Flughafen in Dubai wird die Einreise nach Katar durch die Kontrolle der Hayya Card – die von der Regierung Katars erteilte Erlaubnis zur Einreise nach Katar und den Zugang ins Stadion – geprüft. Flug und Einreise waren unkompliziert. Fans aus Costa Rica und Spanien sangen sich bereits im Flugzeug warm und sorgten erstmalig für WM-Atmosphäre. Da in den arabischen Ländern grundsätzlich Alkoholverbot besteht, sorgten die Stewardessen mit der Vergabe von Bier an Bord des Flugzeuges für eine Überraschung und gute Laune.
Ein weiterer Unterschied zu den anderen Weltmeisterschaften: Da die Stadien sehr dicht beieinander liegen, haben die Fans verschiedener Nationen ähnliche Wege. Somit begegnen sich viel mehr Anhänger unterschiedlicher Teams. Bei den vorangegangenen Weltmeisterschaften lagen die Spielorte und damit die Reiserouten weiter auseinander.

Dirk Thieme sagt: Katar ist kein Fußball-Land

Beim ersten Eindruck bestätigt sich jedoch schnell: Katar ist kein Fußball-Land. Vor Ort, in Katars Hauptstadt Doha, stellten wir schnell fest, dass das spontane Zuschauen anderer WM-Spiele live, zum Beispiel in Pubs, Restaurants, am Flughafen oder auf dem Weg zum Stadion nicht so einfach möglich ist, da gar keine Fernseher und Leinwände in den entsprechenden Etablissements vorhanden sind.
Genau diese Gelegenheiten, Fußball zu schauen, waren in den anderen WM-Austragungsländern – wie Südafrika und Brasilien – gang und gäbe und hatten uns damals unverhoffte, schöne Erlebnisse mit Fans anderer Nationen beschert. Sie sorgten für eine sehr authentische WM-Atmosphäre. Hier? – keine Chance! Lediglich das organisierte Fifa-Fan-Fest an einem zentralen Punkt, eher außerhalb der City gelegen, gibt dem Gäste-Fan die Möglichkeit, weitere WM-Spiele zu verfolgen.

Einlass ins Stadion nur mit funktionierendem Handy

Ebenfalls anders: Die WM-Tickets gibt es nun nicht mehr ausgedruckt, sondern auf der Fifa-App. Sie werden erst kurz vor dem Stadion aktiviert. Daher gibt die Fifa Hinweis, vor dem Stadiongelände zwingend Bluetooth auf dem Handy einzuschalten. Und ja, es funktioniert. Wirklich wenige Meter vor dem jeweiligen Eingangstor kam die Nachricht aufs Handy, dass das Ticket nun aktiviert ist. Ein QR-Code öffnete sich, der zum Einlass ins Stadion berechtigte.
Fußball-Weltmeisterschaft in Katar – Khalifa International Stadium: Deutsche Fans stimmten sich vor dem Anpfiff auf das Vorrunden-Auftaktspiel für Deutschland gegen Japan ein. So tauchte auch Dirk Thieme und Spreenhagen vor Ort in die Weltmeisterschaft ein.
Fußball-Weltmeisterschaft in Katar – Khalifa International Stadium: Deutsche Fans stimmten sich vor dem Anpfiff auf das Vorrunden-Auftaktspiel für Deutschland gegen Japan ein. So tauchte auch Dirk Thieme und Spreenhagen vor Ort in die Weltmeisterschaft ein.
© Foto: Tom Weller/dpa-Bildfunk
Um eventuelle Schwierigkeiten mit dem Handy zu vermeiden, werden an Automaten SIM-Karten mit einem Freivolumen von 2 GB nach entsprechender Anmeldung verschenkt – ein guter Service für den Fan vor Ort, der ja auf ein funktionierendes Handy zugreifen MUSS. Und: Ständig wurde von Ordnern und Security nach der Hayya Card gefragt – am Flughafen, beim Fifa-Fanfest, im Stadiongelände –, wobei niemand vor Ort wäre, wenn er diese nicht hätte. Aber okay, wir zeigten sie an diesem Spieltag gefühlt 100 Mal.
Spendable Geste: An Automaten wie diesem werden in Katar bei der Fußball-Weltmeisterschaft kostenlose SIM-Karten ausgegeben, damit jeder, der es für sein Ticket benötigt, online gehen kann.
Spendable Geste: An Automaten wie diesem werden in Katar bei der Fußball-Weltmeisterschaft kostenlose SIM-Karten ausgegeben, damit jeder, der es für sein Ticket benötigt, online gehen kann.
© Foto: Dirk Thieme
Eine sportliche Analyse des WM-Spiels gegen Japan erspare ich uns. Hier wurde bereits vieles gesagt und geschrieben. Der deutsche Fanblock, soweit man von einem solchen noch reden möchte, war zumindest schlechter als unser Nationalteam. Die deutsche Kurve war tot. Schlechte Stimmung. Stumm. Nichts. Keine Unterstützung für unser Team. Ich kenne andere, bessere Zeiten. Diese Entwicklung kann man leider seit längerem beobachten. Bevor die deutsche Fankurve Kritik an sportliche Leistungen unserer Nationalelf übt, sollte sie selbstkritisch ihr eigenes Verhalten hinterfragen.
Wir haben nun bereits gegen Spanien ein Endspiel und damit rechnete keiner von uns in der Reisegruppe. Aber, genau darin liegt die Chance. In derartigen Situationen kann eine Mannschaft zusammen finden und wachsen. Wir sind gespannt und freuen uns darauf und hoffen, dass unser 3. Ticket gegen Costa Rica nicht zu einem Freundschaftsspiel verfällt.

Viel Kultur am spielfreien Tag

Um uns selbst von der Niederlage zu erholen und abzulenken, besuchten wir am Freitag in Abu Dhabi die Sheikh Zayed Grand Mosque. Ein prachtvoller Moscheebau, der 2007 nach zirka zehn Jahren fertiggestellt wurde. Aufgrund der Moscheegröße können hier 40.000 Gläubige zeitgleich beten. Die weißen Kuppeln erinnern an das Tadsch Mahal in Indien. Die Innenräume sind aufwendig gestaltet – persische Teppiche, italienischer Mamor, Malerein, Mosaiken und große Kronleuchter aus Deutschland. Sehr beeindruckend.
Aber, der Kulturtag wurde noch mit einem Besuch im Louvre Abu Dhabi abgerundet. Das Kunstmuseum ist sehr vielfältig aufgestellt und damit sehr abwechslungsreich: Persische Skulpturen, griechische und chinesische Vasenmalerei, Koranhandschriften, aber auch Gemälde von Picasso, van Gogh, Monet konnten von uns bewundert werden.Ein Abendsparziergang an der beleuchteten Promenade am Arabischen Golf bei angenehmen milden Temperaturen rundete den „spielfreien Tag“ ab.