Stasi und DDR: Experte sicher – Bürgermeister von Grünheide Arne Christiani war Spitzel bei der Stasi

Arne Christiani, Bürgermeister von Grünheide, spricht in der Staatskanzlei im März 2022 auf einer Pressekonferenz über die Erteilung des Genehmigungsbescheides für die Tesla Gigafactory in seiner Gemeinde. Laut seiner Stasi-Akte spitzelte er zu DDR-Zeiten als IM „Peter Förster“ für das MfS.
Bernd Settnik/dpaArne Christiani hat als Bürgermeister der Gemeinde Grünheide (Landkreis Oder-Spree) mitgewirkt, das US-Unternehmen Tesla nach Brandenburg zu holen. Umso schwerwiegender ist nun der Verdacht gegenüber dem parteilosen Politiker. Es geht um die Vergangenheit des 62-Jährigen. Nach Recherchen von moz.de soll Christiani zu DDR-Zeiten für die Staatssicherheit gearbeitet haben – und zwar weit über das von ihm eingeräumte Maß hinaus. In diesem Fall hätte er auch gegenüber der Öffentlichkeit falsche Angaben über seine Biografie gemacht. Er hätte die Einwohner Grünheides sowie alle, die mit ihm an der Tesla-Ansiedelung arbeiteten, belogen.
Arne Christiani negierte, Spitzel gewesen zu sein
Christiani hatte nämlich stets eine bewusste Tätigkeit für das MfS abgestritten. Zuletzt hatte er in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung vom 6. Januar 2020 geäußert, er sei bei der Stasi nur als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) „Peter Förster“ geführt worden, weil er als Reiseleiter Berichte geschrieben habe, die gelesen wurden. Nach seinen Angaben habe er nie aktiv und freiwillig mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zusammengearbeitet. Dies hatte er auch der Märkischen Oderzeitung gegenüber kurz vor seiner Wiederwahl als Bürgermeister 2011 bestätigt.

Auszug aus dem Interview mit Arne Christiani vor der Bürgermeisterwahl 2011, erschienen im Spree-Journal der MOZ am 7. September 2011 auf Seite 18.
Screenshot MOZ Artikel-Archiv/Janine RichterDoch Christianis Stasi-Akte zeichnet ein völlig anderes Bild. Laut dieser soll er eineinhalb Jahre bis zum Mauerfall 1989 als IM für die Staatssicherheit gespitzelt und konspirative Treffen mit einem Führungsoffizier abgehalten haben. Er soll Informationen über Arbeitskollegen, Reisepartner, Bekannte in Briesen, Fürstenwalde und Westdeutschland sowie über „verwandtschaftliche Verbindungen“ und über Journalisten an die Stasi geliefert haben. In der Stasi-Akte von Arne Christiani kann all dies nachgelesen werden. Fraglich ist, warum die Grünheider Kommission „Stasiüberprüfung“ im Jahr 2011 auf Grundlage derselben Akte zu einem anderen Ergebnis kam. Arne Christiani wollte sich trotz mehrmaliger Nachfrage zu den Vorwürfen nicht äußern.
Experte Müller-Enbergs: Christiani war IM der Stasi
Um den Inhalt von Christianis Stasi-Akte zu bewerten, hat die MOZ den Historiker Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs mit einem Gutachten beauftragt.

Die MOZ beauftragte Stasi-Akten-Experte Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs mit einem Gutachten über die vorliegende Stasi-Akte zu „IMS Peter Förster“. Es umfasst 18 Seiten.
Janine RichterEr ist Experte für die Auswertung von Stasi-Akten und konstatiert: „Nach den Maßstäben der Staatssicherheit war Christiani ihr IM, der unter dem Decknamen ,Peter Förster‘ verzeichnet war und von April 1988 bis zur Auflösung des Ministeriums als Inoffizieller Mitarbeiter angesehen wurde, der bereit war, Aufträge anzunehmen und (auch personenbezogene) Informationen zu liefern.“

Die Stasi-Akte „Peter Förster“ besteht aus zwei Teilen - Teil I ist die Personalakte; Teil II die Arbeitsakte.
Janine RichterEine weitere Rolle bei der Wahrheitssuche spielt der Heimatverein Grünheide. Deren Mitglieder hatten im Oktober 2018 unter dem Titel „Grünheide im Zeitalter des Sozialismus – 40 Jahre DDR, Grünheide und die Staatssicherheit“ eine Beilage produziert, in der bereits ein Text zu Christianis Vergangenheit enthalten war, weil ihnen im Rahmen ihres Forschungsauftrages dessen Stasi-Akte in die Hände gefallen war. In diesem Text schrieb der Verein, dass sich Christiani zur Zusammenarbeit mit dem MfS verpflichtet und den Decknamen „Peter Förster“ gewählt hatte. All dies wurde kurz vor Christianis Wiederwahl als Bürgermeister 2019 bekannt. Oder hätte bekannt werden sollen. Denn die Grünheider Verwaltung ließ unter Christianis Führung die Beilage aus den Grünheider Heften entfernen. Dies gab Christiani in einer Gemeindevertretersitzung im Mai 2019 zu.
Er rechtfertigte dies damals öffentlich damit, dass die Verwaltung über den Verkauf in der Tourismusinformation bestimme und die Verfasser von Heft und Beilage nicht identisch gewesen seien. Lothar Runge und Ulrich Kohlmann vom Heimatverein berichten indes: „Die Mitarbeiter der Touristeninformation waren durch das Rathaus angewiesen worden, die Verkaufsexemplare zu zensieren.“
Arne Christiani wuchs in Briesen auf
Über die Biografie des Bürgermeisters ist wenig bekannt. Laut eines autorisierten Porträts, das 2010 im ersten Band „Profile aus dem Landkreis Oder-Spree“ des Verlages Elmar Zinke erschienen ist, wurde Christiani am 3. Oktober 1959 in Dresden geboren und ist in Briesen aufgewachsen. Sein Vater war dort Oberförster. Die Familie lebte laut Briesener Ortschronik zwischen 1959 und 1972 im Forsthaus Bunter Schütz. Später übernahm das MfS die Forsthäuser der Gegend und riegelte sie als Ferienobjekte ab. Laut den Ortschronisten wohnte die Familie bis Anfang der 1990er-Jahre in der Gemeinde. Christiani selbst gibt an, in Müncheberg Motorenschlosser gelernt zu haben. Es folgen ein Meisterabschluss und der Wechsel zum Bau- und Montagekombinat BMK Ost in Fürstenwalde. Dort war er für die Jugendarbeit verantwortlich. In Briesen leitete er jahrelang den FDJ-geführten Jugendclub. Er war Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Nach Stationen in der Kreisverwaltung im Bereich Jugend und Sport und der Kommunalaufsicht wechselte er 1992 nach Grünheide. Dort war er bis 2003 Amtsleiter für Ordnung und Soziales und stellvertretender Amtsdirektor. Seit 2003 ist er Bürgermeister.
Hat Christiani Gespräche mit MfS bewusst geführt?
Laut der Stasi-Akte „Peter Förster“ soll sich Christiani von Beginn an bewusst gewesen sein, Gespräche mit einem Mitarbeiter der Staatssicherheit zu führen. „Das ergibt sich zweifelsfrei“, schreibt Experte Müller-Enbergs im Gutachten. Nach Aktenlage fand am 13. August 1987 das erste Gespräch zwischen ihm und seinem Führungsoffizier Hauptmann Göbel in einem Auto statt. Zu diesem Zeitpunkt war Christiani 27 Jahre alt. Weitere Gespräche sollen in der konspirativen Wohnung „Würfel“ oder in einem „Dienstzimmer des AWU in der Straße der Befreiung“ geführt worden sein. Zum ersten Treffen heißt es in der Akte: „Er wurde gefragt, ob er bereit wäre, Aufgaben für unser Organ während der Jugendtouristreise zu realisieren. Er erklärte sich damit einverstanden.“
Nach der Kontaktierung im August 1987 soll es mehrere Gespräche gegeben haben, bei denen sich Christiani laut Aktenlage „aufgeschlossen“ gezeigt und sich schriftlich und mündlich auf diese vorbereitet haben soll. Man attestierte ihm mehrmals eine „positive Einstellung gegenüber den Schutz- und Sicherheitsorganen der DDR“ oder „eine positive Grundeinstellung zur Politik von Partei und Regierung“ sowie sogar ein „Vertrauensverhältnis“. Laut der Akte begehrte Christiani zur damaligen Zeit die Wohnung einer ausreisewilligen Person in Frankfurt (Oder). Ebenfalls in seiner Stasi-Akte liegt Christianis schriftlicher und von ihm unterzeichneter Bericht über den Leiter einer Jugendtouristreise im September 1987 nach Italien. Der Bericht wurde vom DDR-Geheimdienst als „operativ bedeutsam“ bewertet. Über weitere Teilnehmer soll er laut Akte mündlich berichtet haben.
Laut Akte Fernsehjournalisten aus Hamburg ausspioniert
Spätestens bei einem Treffen am 18. November 1987 soll Christiani erstmals über außerdienstliche Belange gesprochen haben. Er soll Informationen über einen Fernsehjournalisten aus Hamburg, der künftig als Aufnahmeleiter vorgesehen war, geliefert und seine Adresse und Telefonnummer dem MfS mitgeteilt haben. Ein Treffen sollte in West-Berlin vereinbart werden. „Die Aufklärung dieser Verbindung ist derzeit die Hauptaufgabe für die KP (Kontaktperson, Anm. d. Redaktion)“, heißt es.
Auch weitere Aufträge soll Christiani erledigt haben. Beispielsweise habe er zweimal laut Treffbericht am 16. Dezember 1987 das Grundstück einer Familie in Briesen ausgespäht, weil sie Besuch aus dem Westen erwartete. Er soll den Autotyp der Gäste weiter gemeldet haben, was als erster, exakter Auftrag vom Führungsoffizier vermerkt wurde.
Arne Christiani soll sich per Handschlag verpflichtet haben
Laut der Akte beauftragte das MfS Christiani außerdem im Januar 1988, eine schriftliche Einschätzung über einen persönlichen Referenten der Kreisverwaltung zu erarbeiten. Im März 1988 soll er sich dann bereit erklärt haben, einen schriftlichen Bericht über einen Journalisten einer norddeutschen Zeitung anzufertigen und habe sich dafür von einer Weiterbildung freistellen lassen. Vorrangig soll er dann über dessen Einstellung zur Spionage durch BRD-Journalisten und dessen Sicht auf den Sport in der DDR berichtet haben.
Nach dieser Anbahnungsphase soll das Werbegespräch mit Christiani am 19. April 1988 stattgefunden haben. Im Bericht des MfS heißt es einen Tag später: „Die KP wurde gefragt, ob sie bereit ist, inoffiziell mit unserem Organ zusammenzuarbeiten. Die KP brachte zum Ausdruck, daß er dazu bereit ist. (…) Er verpflichtete sich per Handschlag zur Zusammenarbeit. Als Decknamen wählte er sich ,Peter Förster‘.“ Laut Experte Müller-Enbergs könnte Arne Christiani somit nicht nur IM nach Maßgabe des MfS, sondern auch nach dem Stasi-Unterlagen-Gesetz gewesen sein.
War Christiani als Werber-IM im Einsatz?
Auch in der Folgezeit wurde der heutige Tesla-Bürgermeister in seiner Stasi-Akte als zuverlässiger und fähiger Spion eingeschätzt, der „die Regeln der Konspiration anerkennt und einhält.“ Er habe in mündlicher und schriftlicher Form über Personen sowie Sachverhalte berichtet und Aufträge „in hoher Qualität“ gelöst. Die Informationen seien für das MfS „operativ auswertbar“ gewesen. Sein laut Akte mutmaßlicher Führungsoffizier Hauptmann Göbel beschrieb im April 1988 Christianis Perspektive so: „Der Kandidat soll auf der Linie Aufklärung eingesetzt werden. Aufgrund seines Charakters und seiner subjektiven Voraussetzungen soll der Kandidat während der inoffiziellen Zusammenarbeit zum Werber-IM qualifiziert und eingesetzt werden.“ Doch dann änderte Göbel offenbar seine Meinung. Vorübergehend schien er mit der operativen Entwicklung Christianis nicht mehr zufrieden zu sein. Am 20. Januar 1989 soll er erwogen haben, die Zusammenarbeit zu beenden, weil Christiani unter anderem bei der umfassenden Aufklärung einer Zielperson aufgrund von gegenseitigen Antipathien nicht hilfreich gewesen sei.
Bürgermeister in Petersdorf vor Kommunalwahl 1989
Dennoch soll Göbel vorgeschlagen haben, mit dem IM Peter Förster „die Wahl in Petersdorf (bei Bad Saarow, Anm. d. Redaktion) operativ“ abzusichern. In Christianis offizieller Biografie steht von all dem nichts. Viele weitere Informationen zu seiner Rolle in Petersdorf sind von der Stasi-Unterlagen-Behörde in dessen Akte geschwärzt worden. Im Zusammenhang wird jedoch deutlich, dass Christiani als amtierender Bürgermeister von Petersdorf über die Bevölkerung und deren Probleme, die die Kommunalwahl beeinflussen könnten, berichtet haben soll.
Am 13. Oktober 1989 rückte der Vorgesetzte schließlich laut der Stasi-Akte von seiner Einschätzung der Nicht-Eignung Christianis ab. Denn Christiani hatte, laut Akte, eine Belehrung für „nachrichtendienstliche Tätigkeit“ im nichtsozialistischen Ausland und eine mögliche Verhaftung bei einem solchen Einsatz unterschrieben. Wörtlich heißt es in der Akte: „Am heutigen Tage wurde ich durch einen Mitarbeiter des MfS über mein Verhalten während meiner Reise (…) belehrt.“
Doch wenig später kommen beim Führungsoffizier erneut Zweifel auf, ob Christiani für die Linie Aufklärung geeignet sei. In Abhängigkeit von den Ergebnissen einer Reise in die BRD soll entschieden werden, ob er als IM abgeschrieben wird. Doch dazu kam es laut Akte bis zur Wende nicht. Stasi-Experte Müller-Enbergs schreibt in seinem Gutachten: „Christiani war ein klassischer IM hinsichtlich seiner Entwicklung und Ausbildung.“
Überdurchschnittliche IM-Dichte in Grünheide
In Grünheide, wohin Christiani 1992 wechselte, soll er sich in guter Gesellschaft befunden haben. Laut Historiker Müller-Enbergs waren Ende der 1980er-Jahre in der Gemeinde 31 IM tätig. Damit sei dort eine „deutlich überdurchschnittliche Dichte“ im DDR-Vergleich bezogen auf die Einwohnerzahl zu verzeichnen gewesen.
Wer ist Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs?
Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs war von 1992 bis 2019 Wissenschaftlicher Referent der Abteilung Bildung und Forschung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU). Seit 2008 ist er Professor an der Syddansk Universitet (Dänemark). Er weist zahlreiche Expertisen im Bewerten von Stasi-Akten auf, verfasste auch Gutachten zur Vergangenheit von Gregor Gysi und Heike Drechsler. Zudem schrieb er das Kapitel „Die inoffiziellen Mitarbeiter“ im Buch „Anatomie der Staatssicherheit – Geschichte, Struktur und Methoden – MfS-Handbuch – „ von 2008. Aktuell ist er Mitglied der unabhängigen Stasi-Kommission, die 49 Landtagsabgeordnete im Brandenburger Landtag auf eine mögliche Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit der ehemaligen DDR überprüft.




