Gigafactory Grünheide
: Führung versus IG Metall – wie Arbeiter von Tesla beeinflusst werden

„Klassenkampf“ in der Gigafactory? Die IG Metall tritt erstmals bei der Betriebsratswahl im Tesla-Werk an und will für einen Tarifvertrag und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Doch die Führungsriege opponiert mit vielen Aktionen.
Von
Janine Richter
Grünheide
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Ein „Tesla Cybertruck“ steht seit Montag (18.3.) vor dem Tesla-Umspannwerk auf dem Gelände. Unter den Augen zahlreicher Mitarbeiter wurde er entpackt und dorthin hingefahren.

Dennis Lloyd Brätsch

Die Betriebsratswahl im Tesla-Werk in Grünheide ist in vollem Gange. Die IG Metall will mehr Einfluss in der Gigafactory gewinnen, doch scheinbar bringt sich die Führungsebene seit Wochen gegen die Gewerkschaft in Stellung. Die Mitarbeiter würden durch verschiedenste Aktionen beeinflusst, heißt es. Dieses Nachrichtenportal konnte mit einigen Tesla-Angestellten dazu sprechen.

Insgesamt treten neun Listen mit 264 Kandidaten an. Liste 2 „IG Metall Tesla Workers GFBB“ stellt mit 106 Mitarbeitern die meisten Kandidaten auf. Die Liste 1 „One Team“ besteht vorrangig aus Supervisoren mit Nähe zum Tesla-Management. Sie beschwören Tesla als große Familie. Die Liste 6 heißt „Giga United“, sie setzt sich zumeist aus Projektmanagern und Teamleitern zusammen und wartet dabei mit 42 Kandidaten auf – darunter auch ehemalige und aktuelle Betriebsratsmitglieder um die Vorsitzende Michaela Schmitz.

Eine Liste „Giga Cast“ sei aus der Abteilung „Casting“ der Karosseriefertigung hervorgegangen, weil sich dort seit Anbeginn ein „Unruheherd“ und „Hotspot für Arbeitsunfälle und miserable Arbeitsbedingungen“ befinde, sagen Mitarbeitende. Weitere Listen seien Ein-Personen-Listen.

Führungspersonen werben gegen IG Metall

Laut verschiedenen Quellen, mit denen unser Medium sprechen konnte, fordert die mittlere Führungsebene, darunter Supervisoren und Teamleiter, aktuell Tesla-Mitarbeiter dazu auf, die Liste 1 oder Liste 6 zu wählen. So beispielsweise in täglichen „Team-Huddles“. „Das wählen aber nur die Kriecher, aber davon gibt es genug“, sagt eine Quelle. In einem weiteren Fall soll ein Teamleiter seine Arbeiter scheinbar direkt dazu aufgefordert, haben, nicht die Liste der IG Metall zu wählen: „Wählt, was ihr wollt, aber nicht Liste 2.“ Das habe die Mitarbeiter eingeschüchtert.

Dieser Button wird auf Deutsch und Englisch seit Februar in der Gigafactory verteilt. Auf ihm steht: „Giga Ja, Gewerkschaft Nein“. Zumeist werden sie von der Führungsebene getragen und ausgeteilt.

Redaktion

Ein weiterer leitender Produktionsmitarbeiter habe zudem Anstecker mitgebracht: „Giga ja, Gewerkschaft nein“ steht darauf geschrieben. Die Buttons würden schon seit Februar verteilt, heißt es. „Die tragen nur die Leads, die Supervisor und die in der Probezeit sind“, sagt dazu ein weiterer Mitarbeiter. Aus uns vorliegenden Tesla-Chats geht hervor, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handle.

Zudem seien Gerüchte über die IG Metall in Umlauf gebracht worden, was passieren würde, wenn die Gewerkschaft gewählt würde. Zum Beispiel, dass dann der Werksausbau nicht stattfinden würde, alle ihren Job verlieren, die keine formale Qualifikation hätten oder man nach Tarifvertrag weniger verdiene als bei Tesla ohne Tarifbindung. Die Leiharbeiter würden außerdem nicht übernommen werden.

Bei Tesla soll „Klassenkampf von oben“ ausgebrochen sein

Berichtet wird auch, dass seit Mitte Februar von Supervisoren Präsentationen an den Bändern gezeigt und kommentiert worden seien, die die IG Metall und den aktuellen Betriebsrat gegenüberstellen. Die Gewerkschaft und ein Tarifvertrag seien dabei als von außen kommend in ein schlechtes Licht gestellt worden. Manchmal sei das Band extra dafür angehalten worden.

„Jeder weiß bei Tesla, dass wenn ich ein starkes pro-gewerkschaftliches Statement in den öffentlichen Teamchat schreibe oder so etwas sage, dann bin ich am nächsten Tag in Schwierigkeiten“, schildert ein Mitarbeiter. Wer verbal auf die Gewerkschaft haue, habe „bessere Karrierechancen“, heißt es.

Die IG Metall wollte sich zu den von unserem Medium zusammengetragenen Recherchen zunächst nicht äußern. Tesla reagierte auf Fragen ebenfalls bisher nicht.

Auch Musk äußerte sich zur Betriebsratswahl

Tesla-Chef Elon Musk gilt nicht als Freund von Gewerkschaften. In seiner Rede vor der Belegschaft bei seinem jüngsten Besuch sagte er, dass Tarifverträge seiner Erfahrung nach dazu neigen würden, „Unternehmen zu spalten“. „Eine externe Instanz, deren Interessen vielleicht nicht mit denen von Tesla übereinstimmen“ würden, so Musk, „dann wird es, glaube ich, nicht so gut sein.“ Er nannte die IG Metall laut Videomitschnitt nicht namentlich.

Tesla-Betriebsratschefin Michaela Schmitz.

Janine Richter

Nach dem Besuch von Tesla-Chef Elon Musk durften die Listenvertreter der Belegschaft ihre wichtigsten Forderungen präsentieren. Teslas Betriebsratschefin Michaela Schmitz (Liste 6 „Giga United“) soll sich dabei klar von der IG Metall abgegrenzt haben. Sie rief laut einem Artikel des Handelsblatts: „Was wir nicht brauchen, ist eine Gewerkschaft“, denn diese versuche, Tesla „auszubremsen“.

Zwischen „Rave Cave“ und Tesla-Waschstraße

Schmitz soll unter anderem für eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten, „jährliche Gehaltsanpassungen“, kein „willkürliches und kurzfristiges Verschieben“ von Schichtpausen und „verständliche Gehaltsabrechnungen“ geworben haben. Außerdem wünschte sie sich eine „nachhaltige Tesla-Waschstraße“ und vierteljährig eine „Erfolgsparty“ im neu fertiggestellten „Rave Cave“ – einem Club auf dem Fabrikgelände.

Die Liste Giga United mahne zudem, dass „Frontenbildung und Klassenkampf“ der gesamten Belegschaft schaden würden. Die Folgen seien „Stillstand und politische Spielchen“, heißt es laut Wahlvorschlagsliste.

Tesla weist IG Metall-Forderungen zurück

Die IG Metall fordert in ihrem Zehn-Punkte-Programm „Veränderungen“ und „mehr Gerechtigkeit“ im Tesla-Werk. „Der Betriebsrat muss auf der Seite der Belegschaft stehen – ohne Wenn und Aber“, heißt es dort. Zudem brauche es bessere Arbeitsbedingungen und einen Tarifvertrag bei Tesla. Das US-Unternehmen lehnt eine Tarifbindung ab und sieht viele Forderungen der Gewerkschaft bereits jetzt umgesetzt. Die Arbeitssicherheit, die die IG Metall fordere, stehe bei Tesla an erster Stelle, teilte eine Sprecherin der dpa mit. Dass die „implementierten Prozesse“ greifen würden, habe der jüngste Stromausfall gezeigt. Beim Arbeitsschutz seien signifikante Verbesserungen wie Erschwerniszulagen umgesetzt worden, teilte Tesla mit.

Die IG Metall wirft dem Autobauer vor, dass für „Tesla-Speed“ zu oft beim Unfallschutz gespart werde. Sie fordert auch längere Taktzeiten, angemessene Bandpausen, mehr Personal, mehr Freizeit, kein Lohnentzug mehr bei Krankheit, „Meinungsfreiheit und Kritik, ohne Angst vor Konsequenzen“, „Schluss mit Seilschaften“ bei Beförderungen und die Übernahme von Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern.

Alle Leiharbeiter erhielten vom ersten Tag an gleiche Bezahlung und Behandlung, entgegnete dem Tesla. Mehrere hundert seien bisher übernommen worden. Für die Arbeitsbelastung sei auch nicht die Taktzeit entscheidend, es gehe um die Arbeitsinhalte pro Takt, die bei Tesla im selben Rahmen wie bei anderen Herstellern seien.

Noch bis Mittwoch, 20. März, um 14 Uhr, können die Tesla-Mitarbeiter ihren Betriebsrat wählen. 39 Mitglieder, darunter fünf Frauen, werden dann die aktuell 12.500 Tesla-Mitarbeiter vertreten.

Was ist laut Betriebsverfassungsgesetz erlaubt?

Die Regelung des Paragrafen 119 im Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) stellt die Behinderung oder rechtswidrige Beeinflussung der geregelten Betriebsratswahlen, die Störung oder Behinderung der Tätigkeit der Betriebsverfassungsorgane und die Benachteiligung oder Begünstigung ihrer Mitglieder unter Strafe. Androhungen von Nachteilen oder Versprechen von Vorteilen gelten als Beeinflussung und können mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe geahndet werden, heißt es im Gesetz.

Tesla

Die Tesla Gigafactory Berlin (Giga Berlin / Gigafactory 4) in Grünheide (Oder-Spree) des US-Autobauers Tesla ist eine der größten Elektroauto-Fabriken in Deutschland. Baustart war Anfang 2020, die ersten Autos wurden im März 2022 an Kunden übergeben. Was gibt es Neues um die Fabrik?