Berufseinstieg: Schwierige Jobsuche in Frankfurt (Oder)

Majd Ajeeb aus Latakia kam 2016 nach Frankfurt (Oder). Bei der Allianz-Vertretung am Leipziger Platz machte er gerade ein Praktikum und sucht als studierter Wirtschaftswissenschaftler einen Job – was gar nicht so einfach ist.
Lisa MahlkeAus seinem Ordner holt er ein weiteres Dokument. Bei der Tüv Rheinland Akademie in Markendorf hat er eine Weiterbildung zur Fachkraft Rechnungswesen gemacht, mit Schulungen in den Programmen Lexware, Datev und SAP. Gerade machte er ein zweiwöchiges Praktikum bei der Allianz–Vertretung am Leipziger Platz, die Arbeit machte ihm Spaß.
Bisher keine Chance
Für den 32–Jährigen ist es trotz allem schwer, einen Job zu finden. "Keine Chance“, sagt er — obwohl es viele Stellen gebe. Seit zwei Jahren sucht er bereits. „Vielleicht wegen Studium in Syrien? Vielleicht, weil ich Syrer bin?“, fragt er und zuckt mit den Schultern. Die E–Mails und Briefe mit Absagen, die er ebenfalls zeigt, erwecken diesen Eindruck jedoch nicht. „Immer sehr nett“, sagt er und schiebt einen Brief über den Tisch. „Ihr Bewerbungsschreiben hat uns schon sehr berührt“ steht darin gleich als zweiter Satz. Warum Majd Ajeeb 2015 nach Deutschland kam und was in seiner Heimat passierte, darüber möchte er im Gespräch nicht reden. Er lächelt zwar kurz, aber schaut dann nach unten auf seinen Schoß, schüttelt den Kopf, wirkt verunsichert.
Aus dem Brief ist das nur zu erahnen. Sein zielstrebiges Studieren, so steht es in der Absage, habe er „unter den zunehmend schwierigen Bedingungen und schlimmsten Erlebnissen des Bürgerkrieges in Ihrem Heimatland bewältigt“, das habe persönliche Stärke abverlangt. „Nach der Flucht aus Syrien haben Sie sich Ihren Zukunftsoptimismus bewahrt, Sie haben die neue Sprache erlernt, um sich dann zielorientiert fachlich aber auch sprachlich weiterzuqualifizieren. Das ist nicht selbstverständlich und spiegelt viel Ihrer Persönlichkeit wider.“
Dass das kein Standard–Absageschreiben ist, wird schnell klar. Die Firma erklärt, dass die Stelle in der Buchhaltung dringend und kurzfristig besetzt werden musste und man sich bei Eingang seiner Bewerbung bereits für jemand anderen entschieden hatte. Auch das Ende des Briefs klingt wenig floskelhaft: „Wir wünschen Ihnen von ganzem Herzen, in näherer Zukunft eine Arbeitsstelle zu finden, in der Sie [sich] fachlich, aber vor allem auch auf zwischenmenschlichem und kollegialem Gebiet zu Hause fühlen.“ Beworben hat er sich nicht nur in Frankfurt, sondern beispielsweise auch in Fürstenwalde und Berlin. Immer wieder werde ihm gesagt, ihm fehlt die Erfahrung.
„Aber wie soll ich Erfahrung sammeln, wenn ich keine Chance bekommen?“, fragt er. In Syrien arbeitete er als Verkäufer in einem Schreibwarengeschäft. Sein Plan war aber auch damals schon, ins Rechnungswesen zu gehen. Mit Zahlen zu arbeiten erleichtere den Job in einer anderen Sprache. Auf Deutsch zu lesen und zu schreiben statt zu sprechen, sei zurzeit eher seine Stärke.
Gerade machte er ein zweiwöchiges Praktikum bei der Allianz–Vertretung am Leipziger Platz. Es machte ihm Spaß, er erzählt von 19 und 7 Prozent Mehrwertsteuer, von Lebensmitteln und anderen Waren und den Unterschieden zu Steuern in Syrien. Manuela Schülke–Krolik von der Allianz ist begeistert, wie viele Fragen der junge Mann stellt. Einen Job hätte aber auch sie momentan nicht frei.
Lieber mit dem Kopf arbeiten
Dass auch Deutsche nicht immer sofort eine Arbeit finden und nach dem Studium oft zu wenig Arbeitserfahrung nachweisen können, beruhigt Majd Ajeeb ein wenig. Außerdem geht es auch seinen Freunden, die auch Buchhalter sind, ähnlich. Er hat gehört, dass körperlich anstrengende Arbeit leichter zu finden sei. Aber, sagt er und tippt erst an seinen Oberarm und dann an seinen Kopf, geistige Arbeit ist ihm einfach lieber.
Majd Ajeeb lebte 2015 erst ein Jahr in einem Heim für Geflüchtete in Seelow, bevor er nach Frankfurt kam. Die Menschen hier gefallen ihm gut. „Aber zum Beispiel nach 19 Uhr ist niemand auf der Straße, es ist sehr ruhig“, sagt er. In seiner Heimatstadt Latakia sei abends noch viel los. Würde er Arbeit finden, wäre Frankfurt für ihn trotzdem eine Stadt zum Bleiben.
Kunst keine Option
Aus seinem Ordner holt er weitere Blätter und zeigt mit Kohlestift gezeichnete Portraits. Seit ein paar Wochen geht er montags zu einem Kunstkurs, malt Natur und Menschen. Das hat er auch in Syrien schon gemacht. Ob er das Hobby zum Beruf machen würde? „Ich glaube nicht.“ Er möchte lieber bei den Zahlen bleiben – deshalb will er sich weiter bewerben.