Emotionen kochen hoch: Eine Grundsatzfrage für die Stadtentwicklung

Mitgliedern des Stadtentwicklungssausschusses beim Vor-Ort-Termin
Ines Weber-RathDer Bebauungsplan für zwölf Einfamilienhäuser in der Straße Am Klinikum in Markendorf fand am Mittwochabend im Ausschuss für Stadtentwicklung keine Mehrheit. Es gab drei Ja- und drei Nein-Stimmen sowie zwei Enthaltungen. Mit Henrik Bellin (Linke/Familienangehörige wollen auf einem der Grundstücke bauen) und Michael Schönherr (CDU/der Bauunternehmer will die Grundstücke erschließen) erklärten sich zwei Ausschussmitglieder zuvor für befangen und nahmen weder an der Diskussion noch an der Abstimmung teil. Die Entscheidung zum Bebauungsplan treffen nun die Stadtverordneten in ihrer nächsten Sitzung.
Schallschutzwand soll kommen
Stadtplaner Torsten Bock hatte den Ausschussmitgliedern die Baupläne erläutert. Im Ergebnis des Beteiligungsverfahrens sei am westlichen Rand des Plangebietes nun der Bau einer Schallschutzwand vorgesehen. Eine separate Abbiegespur auf die B87 wird nach Verkehrszählungen jedoch ebenso wenig für nötig erachtet wie ein Ausbau der Straße auf sechs Meter zuzüglich breiterer Gehwege. Dies sei angesichts von maximal 400 Fahrzeugen am Tag „unverhältnismäßig“. Eine Ausweisung als Tempo-30-Zone reiche aus, meinen die Planer.
Dass die angekündigte „Erweiterung des öffentlichen Straßenraums um 2,50 Meter“ nicht bedeutet, dass die Straße verbreitert wird, hatten auch einige Teilnehmer des Vor-Ort-Termins am Nachmittag in Markendorf verwundert zur Kenntnis nehmen müssen. Gemeint ist nur der Neubau einer Entwässerungsmulde.
Torsten Bock erklärte zudem, dass die etwa 1,2 Hektar große Fläche – entgegen anderslautender Behauptungen – nie als Ausgleichs- oder Ersatzfläche für den Ausbau des Klinikums ausgewiesen worden sei.
„Wir sehen das alles sehr kritisch“, erklärte der Sprecher der Bürgerinitiative gegen die Bebauung, Frank Jakob. Er verwies vor den Ausschussmitgliedern auf geschützte Arten und beklagte, dass mit dem Fällen von Bäumen und Reservieren von Grundstücken „Tatsachen geschaffen wurden“.
Oberbürgermeister René Wilke sprach hingegen von einer üblichen Markterkundung. Die Entscheidung für oder gegen den Bebauungsplan erklärte er zur „exemplarischen Grundsatzfrage“. Mit der neuen Stadtumbaustrategie – die später am Abend einstimmig vom Ausschuss empfohlen wurde – „werden wir bald an vielen Stellen in der Stadt diese Konflikte auszutragen haben“. Die Stadt habe seit 1990 auch deshalb Einwohner verloren, weil es an Flächen zum Eigenheimbau fehlte. Jetzt sollen neue Möglichkeiten geschaffen werden. In Markendorf und anderswo.
Ampelschaltung wurde geändert
„Ich glaube, dass die zwölf neuen Familien die Lebensqualität der Anwohner dort nicht in dem Maße beschädigen, dass man dort langfristig weniger gern wohnen will. Ich glaube eher, dass es sich um eine Bereicherung für den Ortsteil handelt“, sagte der OB.
Beim Vor-Ort-Termin am Nachmittag war deutlich geworden, dass die Meinungen der Markendorfer zum Bauvorhaben teils weit auseinander gehen. So sieht Günter Müller aus dem Ortsbeirat, der das Vorhaben grundsätzlich unterstützt, im Ernstfall sogar „Menschenleben in Gefahr“, wenn die Erschließungssituation nicht verbessert werde. Durch die nur eine Ausfahrt zur B87 säßen die Bewohner von rund 150 Grundstücken im Wohngebiet "Am Waldrand“ faktisch "in einer Falle“. Der Ortsbeirat hat sieben Vorschläge zur Entspannung der Situation unterbreitet.
Aufgegriffen wurde bislang nur einer, zumindest ansatzweise: Die Ampelschaltung an der Kreuzung zur B87 ist verändert, die Grün-Phase für den Geradeaus- und Rechtsabbiegeverkehr verlängert worden.
Karsten Bohlig, Inhaber des Honda-Autohauses an der Straße, gab beim Stopp des Trosses an seiner Zufahrt zu erkennen, dass er den Ausbau der Straße für nicht unbedingt nötig erachtet. Und auch andere Anwohner meinten, eine breitere Straße lade eher zum schnelleren Fahren ein.
Markendorfern, die den Baulärm und zusätzlichen Verkehr im Wohngebiet fürchten, hielt Günter Müller entgegen, dass man weitere Bewohner brauche, um dem Nahversorger den Marktbau schmackhaft zu machen.